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Klassik:Festhalten am Rettungsring

Rolando Villazón und sein spanischer Liederabend

Von Ekaterina Kel

Hat Rolando Villazón, einer der größten Tenöre unserer Zeit, sein Leuchten verloren? Vor zehn Jahren schon musste er einige Auftritte absagen, weil er sich ausgelaugt fühlte, ein paar Jahre später benötigte er wegen einer Zyste an den Stimmbändern eine Operation. Seit seinem Comeback sind immer wieder unzufriedene Zeilen über die Gesangsleistung des heute 46-Jährigen zu lesen. Im vergangenen Jahr vermochte ein Arien-Abend mit Villazón die Berliner Philharmonie nicht mehr zu füllen.

Eine schwindende Karriere? Villazóns Fans sehen das anders. Und die sind an diesem Mittwochabend zahlreich zu einem Liederabend mit ihrem Star erschienen. Sie stehen treuherzig für ihn auf, wenn er ihnen in der Zugabe das allseits beliebte mexikanische Volkslied "Cielito lindo" trällert. Manche singen und schunkeln sogar mit, direkt aus ihren rosaroten Samtsesseln heraus, sodass man sich plötzlich im Musikantenstadl wähnt. Im zweiten Rang hält jemand eine mexikanische Flagge hoch. Villazón strahlt voller Dankbarkeit.

Das abendfüllende Programm umfasst fünf spanische Liederzyklen von Komponisten wie Manuel de Falla und Fernando Obradors, die zu Anfang des 20. Jahrhunderts beliebte spanische Volkslieder sowie Verse spanischer Poeten vertonten. Zusätzlich stellt Villazón ein paar lateinamerikanische Komponisten vor. "Ich weiß, hier gibt es Schubert und Schumann", sagt er, "aber ich freue mich, Ihnen heute die Lieder-Tradition aus Spanien und Lateinamerika mitzubringen." Die kanadische Pianistin Carrie-Ann Matheson begleitet den Publikumsliebling mit einem makellosen Spiel am Steinway.

Villazón startet dünn in den Abend, hangelt sich von Lied zu Lied entlang an verlässlichen Tönen. Zugute kommen ihm die Kinderlieder von Silvestre Revueltas, die bequeme Glissandi vorsehen. Dann setzt er den unverwechselbaren Ausdruck des sehnsüchtigen Leids auf, den er perfekt beherrscht. Seine dunklen, vollen Augenbrauen ziehen sich zusammen, er legt großen Schmerz in jede Note. Nur: Über ein Eidechsenpärchen singt er einfach genauso, wie die Strophe "Gib mir, Liebste, unzählige Küsse". Seine Gesten und Ausdruck bleiben zwei Stunden lang größtenteils gleich, die Stimme hängt die meiste Zeit auf einer Ebene fest, an unbequeme Lagen oder Lautstärken tastet er sich nur vorsichtig heran. Seine Arme scheinen auch nur drei Positionen zu kennen, es kommt wenig Nuanciertes zutage.

Villazón schafft jedoch starke Zuschauernähe. Wie an einen Rettungsring klammert er sich an die bedingungslose Liebe seiner Fangemeinde. Im Gegenzug bietet er seinen überwiegend weiblichen Fans ganz viel erwartbares temperamentvolles Schmachten.

© SZ vom 20.07.2018
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