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Klassik:Dirigentenstresstest

FEU

Auch musikalisch mehr als eine Generation voneinander entfernt: Esa-Pekka Salonen (geboren 1958) und Rafael Kubelík (1914 - 1996).

(Foto: Sony, Deutsche Grammophon)

Gerade sind zwei umfassende Werkschauen von Esa-Pekka Salonen und Rafael Kubelík erschienen - 125 CDs insgesamt. Ein lohnenswerter Generationenvergleich.

Von Helmut Mauró

Er gehörte zu jenen jungen wilden Dirigenten aus Finnland, die in den Neunzigerjahren die Klassik-Welt eroberten. Esa-Pekka Salonen, von 1992 bis 2009 Chef des Los Angeles Philharmonic, ist inzwischen wieder in London und andernorts als gefragter Gast unterwegs. Auf 61 CDs (Sony) erschien nun sein Frühwerk: Aufnahmen aus den Jahren 1985 bis 2001, die er also im Alter zwischen 27 und 43 Jahren einspielte. Vor allem mit dem Los Angeles Philharmonic natürlich, aber auch mit dem Swedish Radio Symphony, dem Londoner Philharmonia, der London Sinfonietta oder dem New Stockholm Chamber Orchestra.

Mit diesem hat er 1987 die späten "Metamorphosen" von Richard Strauss aufgenommen, und man merkt in jeder Sekunde, wie vorsichtig er sich um dieses Stück bemüht, das ihm vielleicht selber im Alter von 29 Jahren noch etwa zu früh in Angriff genommen scheint. Aber weder Salonen, noch das Orchester, geben vor, mehr oder etwas anderes zu sein, als sie in diesem Moment sind. Und so kann man eindrucksvoll mitvollziehen, wie sich die Musiker immer weiter in diesen versponnenen Streicherstrudel, in dieses beängstigend Intime Werk, hineinspielen. Der Mut des jungen Salonen zahlt sich aus, am Ende vermisst man weder die bei diesem Stück üblichen Espressivo-Orgien, und findet auch das anfangs sehr gedehnt erscheinende Tempo angemessen. Es bleibt aber die nordische Kühle, der moderne Blick auf den kammerorchestralen Strausschen Abschied. Dass Salonen bei Nielsen, Sibelius, Strawinsky, Mahler und den Werken vieler zeitgenössischer Komponisten glänzt, überrascht nicht. Sein breit gefächertes Repertoire beinhaltet immerhin auch eigene Werke.

In diesem Zusammenhang nun Rafael Kubelík zu erwähnen, sicherlich einer der großen Dirigenten des 20. Jahrhunderts, ist riskant. Kubelík, der sich nach dem Krieg Musikdirektor des Chicago Symphony Orchestra unbeliebt machte, weil er sich ein bisschen zu sehr für Neue Musik begeisterte. Das änderte sich später, zumal als Chefdirigent der BR-Symphoniker, mit denen er als erster eine Gesamtaufnahme der Symphonien Gustav Mahlers begann. Die meisten der nun auf 64 CDs erschienenen Aufnahmen (DG), darunter komplette Opernaufnahmen (Lohengrin, Oberon, Oedipus, Palestrina, Rigoletto), stammen aus seiner Münchner Zeit, dazu gibt es noch eine Reihe großartiger Einspielungen mit den Berliner Philharmonikern.

Die Sicherheit, mit der Kubelík allenthalben zu Werke geht, verblüfft ein ums andere Mal. Ob Wagner, Schönberg oder Mozart, immer scheint er genau das richtige Tempo, den passenden Tonfall, den angemessenen Ausdruck zu finden. Das macht diese Aufnahmen so merkwürdig zeitlos, denn wenn man genauer hinhört, klingt da ein Seufzer mit: Damals gab es noch richtige Tempi.

© SZ vom 28.06.2018
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