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Klassik:Die Regeln des Internets

Der Sänger Michael Volle
 - Internet-Projekt "Die liebe Erde allüberall"

Das Gustav Mahler-Projekt der Symphoniker Hamburg mit dem Sänger Michael Volle.

(Foto: Symphoniker Hamburg)

Großversuch zum Thema klassische Musik und digitale Medienkunst: Die Symphoniker Hamburg und Mahlers "Lied von der Erde".

Von Michael Stallknecht

Das Streaming ist in den vergangenen Wochen so oft als unzulänglich gescholten worden, dass man fast einmal betonen muss, was es immerhin ermöglicht: sich am heimischen Rechner ein Bild von einem Konzert an einem gänzlich anderen Ort der Welt zu machen, in Echtzeit oder zeitversetzt. Ein Ersatz für das Liveerlebnis kann es damit nicht bieten, es dürfte aber auch nach einer vollständigen Pandemie-Entwarnung eine wichtige Informationsquelle für Klassikliebhaber wie für den Musikbetrieb bleiben. Zumal in den vergangenen Wochen einige hoffnungsvolle Streamingplattformen neu ins Leben gerufen worden sind.

Vielleicht aber bietet die Digitalisierung der Klassik auch noch ganz andere, bislang unentdeckte künstlerische Möglichkeiten, wenn das Internet nicht einfach als Übertragungsweg, sondern gemäß seiner eigenen Spielregeln genutzt wird. Das jedenfalls war das Postulat eines Großprojekts, das die Symphoniker Hamburg nun an sechs Abenden ins Netz gestemmt haben und über ihre Homepage weiter abrufbar bleibt. In fünf Collagen kombinierten sie zunächst die einzelnen Sätze aus Gustav Mahlers "Lied von der Erde" mit Musik anderer Komponisten, bevor sie es am sechsten Abend mit den beiden Gesangssolisten Daniel Behle und Michael Volle vollständig live aus der Hamburger Laeiszhalle streamen. Die Collage wird dabei auch zum Prinzip der Bildgebung, die den Modus der assoziative Wahrnehmung im Internet aufgreift: Zu den Streamings kombiniert der Videokünstler Aron Kitzig ausgewählte Texte von Dichtern und Philosophen, außerdem Gemälde, die zur Musik von einem Algorithmus verändert werden.

Da momentan auch Großkünstler viel Zeit haben, ist das musikalische Line-up exzellent. So präsentiert sich etwa die Pianistin Martha Argerich mit Liedern und Kammermusikwerken, die sie teilweise nie zuvor gespielt hat. Sylvain Cambreling, der Chefdirigent der Symphoniker Hamburg, hat Stücke ausgewählt, die in inhaltlichem oder Epochenbezug zu Mahlers Hymne auf die Trunkenheit, die Liebe und den Tod stehen. "Enivrez-vous", "Berauscht euch" fordert Cambreling auch in einem selbstkomponierten und selbst gesprochenen Melodram, das Charles Baudelaires gleichnamiges Gedicht mit musikalischen Motiven Mahlers kombiniert. Die Sache mit dem Rausch hätte man vielleicht wörtlich nehmen sollen beim Anschauen der sechs Streams, denn für ein nüchternes Auge und Ohr blieb das Ergebnis deutlich zu assoziativ, nämlich bloß beliebig. Wahllos wirkte die Auswahl von Gemälden mit Tendenz zu Surrealem aus allen Jahrhunderten, ebenso wahllos die zu Kalendersprüchen erstarrenden Textausschnitte. "Jetzt bloß nicht epochal werden!", heißt es am ersten Abend. Man darf den Machern versichern: Diese Gefahr besteht hier nirgends. Eher der Eindruck einer Eigenwerbung in mageren Zeiten. Als habe er sich am Ende doch nicht recht zu stören getraut, hübscht der Videokünstler den üblichen Stream bloß auf, der ansonsten in den gängigen Kameraperspektiven auf Sänger und Orchester daherkommt. Dabei ließen sich gerade hier neue Bilder finden und mit fremden solange verwirbeln, bis etwas optisch jedenfalls Neues entstünde. Zu hören ist das "Lied von der Erde" in der Kammermusikfassung für sechzehn Musiker, die von Arnold Schönberg begonnen und erst in den Achtzigerjahren von Rainer Riehn vollendet wurde. Mögen solche durchsichtigeren Versionen im Konzertsaal strukturell erhellend wirken, so fehlt ihnen im Breitwandsound des Lautsprechers erst recht das Narkotische von Mahlers Instrumentation. Daniel Behle und Michael Volle schienen sich jedenfalls von dem Orchesterchen kaum getragen zu fühlen bei ihren großen Ausbrüchen, erst ganz am Schluss der Liveübertragung fand Volle zu einem freien Strömen der Stimme.

Bedeutet das, dass man über der Beziehung von Klassik und Internet endgültig den Sargdeckel schließen müsste? Nicht ganz, da dafür in den vergangenen Wochen denn doch zu viel passiert ist. Das beginnt etwa mit der hübschen Entdeckung, dass über die Konferenzsoftware Zoom auch ganze Chöre und Orchester miteinander musizieren können, was sich auch künstlerisch ummünzen lässt, das haben einige Ansätze gezeigt. So fanden für die Ludwigsburger Schlossfestspiele 31 Musiker aus dem Homeoffice zu einer "Pixelsinfonie" zusammen (siehe SZ vom 20.6.) und durften potenziell unendlich viele Pianisten bei der "Corona-Meditation" mitspielen, die Gerd Kühr bereits Ende April für das Festival Styriarte komponiert hat. Er legte ihr ein einfaches Stück zugrunde, das die Zeitverzögerung zwischen den Mitspielenden ebenso einberechnete wie die Verstimmung der Klaviere gegeneinander.

Diese mikrotonale Reibung brachte einen eigentümlichen Schwebezustand hervor. Es klang am heimischen Rechner, als verwandele sich das Internet in ein riesiges Glockenspiel voller tröstender Sphärenharmonie für voneinander isolierte Menschen. Die Schließung der Konzertsäle könnte also durchaus Formen der Medienkunst auf klassischer Basis befördert haben. Inwieweit diese sich intelligent weiterentwickeln lassen, wird man wohl sinnvoll erst in zehn Jahren beurteilen können.

© SZ vom 01.07.2020

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