bedeckt München

Klassik:Die neuen Gatekeeper

Maxim Vengerov

Neue Aufnahmen des Geigers Maxim Vengerov gibt es in Zukunft nur bei Idagio.

(Foto: Benjamin Ealovega)

Der Geiger Maxim Vengerov hat einen Exklusivvertrag mit dem Streamingdienst Idagio geschlossen. Das zeigt, wie sich der Markt verändert.

Von Michael Stallknecht

Immer mehr Menschen greifen beim Musikhören nicht zur CD, sondern nutzen das Internet. Das gilt auch für die traditionell etwas konservativere Hörerschaft der klassischen Musik. So setzten laut des Bundesverbands Musikindustrie im ersten Halbjahr 2019 bereits 16 Prozent der deutschen Klassikhörer auf Streamingdienste, 2015 waren es gerade mal drei Prozent. Global betrachtet liegen die Zahlen längst deutlich höher. Das stärkt auch die Position von auf Klassik spezialisierten Streamingdiensten wie Idagio, das nun erstmals einen Exklusivvertrag mit einem Künstler abgeschlossen hat. Fans von Maxim Vengerov werden seine neuen Aufnahmen nur noch über den 2015 in Berlin gegründeten Dienst hören können. Als erste Einspielung ist ein Livemitschnitt von Peter Tschaikowskis Violinkonzert mit dem russisch-israelischen Geiger erschienen.

Dass einzelne Aufnahmen nicht mehr auf CD erscheinen, sondern nur über einen Streamingdienst abrufbar sind, ist nicht neu. Bisher schlossen allerdings nur große Plattenfirmen Exklusivverträge mit Musikern ab. Für die Verpflichtung, ausschließlich dort zu veröffentlichen, sichern die Major Labels dem Musiker ein besonders intensives Marketing zu, fungieren aber vor allem als Gatekeeper: Was von Sony, Warner oder Universal auf CD herausgebracht und den Streamingdiensten zur Verfügung gestellt wird, so das Signal an den Kunden, kann nicht schlecht sein. Vengerov hatte bereits mit 17 Jahren seine erste Aufnahme bei Warner veröffentlicht, 2006 die vorerst letzte. Danach war die Karriere des heute 45-Jährigen aufgrund einer Schulterverletzung ins Schlingern geraten. Vengerov verlegte sich aufs Dirigieren, ist aber schon länger wieder auch als Geiger erfolgreich.

Seine Entscheidung zeigt, dass klassische Musiker mittels des Streamings zunehmend unabhängiger von den Plattenfirmen werden können. Die sinkende Zahl an CD-Verkäufen schwächt die Bedeutung des aufs Cover gedruckten Labelnamens, Studioaufnahmen mit Orchestern können sich auch die großen Firmen nur noch in sehr ausgewählten Fällen leisten. Dafür wird längst viel mehr live mitgeschnitten, als sie jemals veröffentlichen könnten. Klassiker wie Tschaikowskis Violinkonzert liegen bereits in einer unüberschaubaren Zahl von Aufnahmen vor, was die Möglichkeit zu einer Neuveröffentlichung auf CD selbst für prominente Musiker stark einschränkt. Deswegen hat die Geigerin Julia Fischer schon vor gut zwei Jahren ihren Abschied von den Plattenfirmen verkündet und einen eigenen Streamingdienst aufgemacht, bei dem sie allein entscheiden kann, was sie wann aufnimmt.

Die Vielzahl der mittlerweile im Netz zur Verfügung stehenden Aufnahmen sorgt allerdings auch für eine neue Unübersichtlichkeit bei Hörern, die sich nicht täglich mit klassischer Musik beschäftigen. Streamingdienste können hier über die gängigen Playlists hinaus eine Kuratorenfunktion einnehmen, indem sie Aufnahmen gezielt empfehlen und platzieren, wie es Idagio nun bei Vengerov tut. Umgekehrt soll der prominente Name des Geigers neue Hörer auf den Streamingdienst aufmerksam machen. Der Musiker und sein Streamingdienst steigern so wechselseitig ihre Marktmacht. Sollten noch mehr Künstler solche Exklusivverträge mit Streamingdiensten schließen, dann dürfte die Digitalisierung den Aufnahmenmarkt noch deutlich stärker verändern als bislang absehbar.

© SZ vom 03.02.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite