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Klassik:Die hohle Pracht der Koloratur

Spiel- vor Standbein: Mit ironischen Brechungen hält die Regisseurin Sigrid T'Hooft ihre Inszenierung sechs Stunden lang lebendig.

(Foto: Rupert Larl/Innsbrucker Festwochen)

Ein Coup: Die Innsbrucker Festwochen der Alten Musik zeigen die Oper "Merope" von Riccardo Broschi, dem Bruder von Farinelli.

Über eine Stunde schon dauert der erste Akt von "Merope" im Tiroler Landestheater, eine Kette von virtuosen Arien und handlungstreibenden Rezitativen, wie in der Barockoper üblich. Dann setzt die erste langsame Arie einen Schnitt und zugleich den ersten Höhepunkt: "Chi non sente al mio dolore" ist eine dieser wildschmerzlichen Linien, mit denen Sänger des 18. Jahrhunderts neben koloratöser Pracht ihr Publikum bewegen konnten. Ein Starauftritt wurde hier in Szene gesetzt: der des Kastraten Carlo Broschi, den unter seinem Künstlernamen Farinelli nicht zuletzt durch den gleichnamigen Erfolgsfilm aus dem Jahr 1994 auch Nichtspezialisten kennen.

Wer "Farinelli" gesehen hat, kennt auch den Komponisten der Musik, die nun bei den Innsbrucker Festwochen der Alten Musik nach fast dreihundert Jahren wieder zu hören ist: Riccardo Broschi, den Bruder Farinellis. Der geniale Sänger und der eher mittelmäßig begabte Komponist, erzählt der Film, bilden ein eingespieltes Team, bis Farinelli die Musik Georg Friedrich Händels kennenlernt und in ihr eine Tiefe findet, die die seines Bruders nicht erreicht. Das Meiste davon ist die kitschige Rückprojektion eines romantischen Künstlerideals, stützt sich aber durchaus geschickt auf die spärlich überlieferten Eckdaten von Riccardos Biografie.

Nach einigen erfolgreichen Opern für seinen Bruder bekam Riccardo als Komponist nicht mehr wirklich ein Bein auf den Boden und blieb lebenslang von dessen finanzieller Unterstützung und Protektion abhängig. Auch dass Riccardo als Komponist immer dann besonders inspiriert war, wenn er für seinen Bruder komponierte, kann man nun in "Merope" hören: Der Countertenor David Hansen, der bei den Festwochen in die großen Fußstapfen Farinellis tritt, muss höher hinauf und tiefer hinunter als alle anderen Sänger, seine Koloraturketten gleichen wahren Achterbahnfahren durch die Register, Trompeten verleihen seinen Auftritten instrumentalen Glanz. Er bekommt nicht nur die schönste Arie mit obligater Oboe zu singen, sondern auch das einzige Duett in der Endlosfolge von Da-capo-Arien. Hansen schlägt sich technisch achtbar, doch der Grundklang der Stimme bleibt in Mittellage und Tiefe fahl und verschattet.

Die Bewegungen der Sänger sind dem Tanz verwandt

Dafür darf er in der Inszenierung von Sigrid T'Hooft schaulaufen, als sei er geradewegs dem Film entstiegen: In der Hand eine lodernde Fackel, auf dem Kopf einen monströsen Hahnenkamm von Federbusch, schreitet er vor seinen Arien erst mal die Bühne ab, schlägt gleichsam einen Bannkreis um sich. Denn natürlich war Farinelli der Held in der im antiken Griechenland angesiedelten Handlung, in der er unter den Namen Epitide den Tyrannen Polifonte stürzen muss, der einst die anderen Kinder seiner Mutter Merope getötet hatte. Das Libretto, nicht mehr als typische Dutzendware aus dem Barock, kreist um rechtmäßige und unrechtmäßige Herrschaft, und darum, dass fortwährend jeder jeden täuscht. Wie auch im Bühnenbild und den Kostümen von Stephan Dietrich alles Illusion, optische Täuschung ist, von der Scheinarchitektur der barocken Gassenbühne und der gemalten Kulissen angefangen.

Der Tyrann Polifonte, der bei der Premiere aufgrund einer Sängererkrankung von Carlo Allemano aus dem Orchestergraben gesungen wird, kommt mit Goldkrone und langem weißen Bart wie der Märchenkönig aus einem Kindertheater daher. Sigrid T'Hooft hat sich in den letzten Jahren einen Namen als Regisseurin gemacht, die die barocke Spielpraxis vor allem über das zugehörige historische Bewegungsrepertoire revitalisiert. Eleganz ist hier alles wie in der höfischen Gesellschaft, die sich in der Oper spiegelte, das Wahren von Haltung noch im größten Missgeschick, Spielbein vor Standbein, die Hände zierlich geformt wie die Gesangslinien. Als die Titelheldin Merope, für die Mezzosopranistin Anna Bonitatibus nicht ganz die dramatische Durchschlagskraft mitbringt, im hier höchstmöglichen Ausdruck von Erregung einen Stuhl umstößt, wird er sofort von einem Statisten wieder aufgestellt. Und selbst beim Verräter Anassandro, den der Countertenor Filippo Mineccia wunderbar warm, kraftvoll und elegant singt, sitzt der schwarze Rock perfekt noch nach angeblichen Jahren im Gefängnis, die nur symbolisch durch eine Kette angedeutet werden.

Die Bewegungen der Sänger sind dem Tanz verwandt, wie in den Szenen mit dem von T'Hooft nach Innsbruck mitgebrachten Barocktanzensemble Corpo Barocco deutlich wird. Jeder der drei Akte endet mit einem rein tänzerischen Intermezzo, wobei das zweite die Handlung komisch parodiert: Eine Commedia-dell'arte-Truppe verarbeitet den zuvor von Epitide alias Farinelli heldisch zur Strecke gebrachten wilden Eber buchstäblich zu Wurst. Auch dass T'Hooft immer wieder solche dezenten ironischen Brechungen einbaut, hält den Abend über die eigentlich unzumutbare Aufführungsdauer von knapp sechs (!) Stunden lebendig, lässt ihn zum starken Plädoyer für die Erprobung einer szenischen historischen Aufführungspraxis bei Stücken dieser Bauart werden.

Dabei stammen die Tänze nicht einmal vom Komponisten der Oper. Der Praxis des 18. Jahrhunderts entsprechend, hat sie der Dirigent und Festwochenintendant Alessandro De Marchi aus Musiken anderer Komponisten zusammengestückt. Wie er auch Broschis Partitur retuschiert hat, Füllstimmen eingefügt hat, um den Klang des mit historischem Instrumentarium spielendem Innsbrucker Festwochenorchester reicher und lebendiger zu machen. Riccardo Broschi, hört man darüber, konnte alles, was ein Barockkomponist können musste.

Man hört aber auch, dass der Film bei aller romantischen Verkitschung nicht vollständig irrt: Ein bis heute verkanntes Genie ist Farinellis Bruder nicht. Seine melodischen Erfindungen schmeicheln dem Ohr, flüchten sich aber tatsächlich oft schneller als die besserer Barockkomponisten in die bald hohl werdende Pracht der Koloratur. Selten finden sie eine interessante Wendung, und nie erreichen sie den Punkt des unmittelbar Einleuchtenden, der das Signum wirklich großer Musik ist. De Marchi könnte vielleicht noch etwas mehr rausholen, wenn er eine größere Differenzierung der Orchesterfarben riskierte und sich nicht allzu oft eines schnellen Standardtempos bediente. Die hinreißend inszenierte Ausgrabung dieser Oper aber ist zweifellos ein Desiderat, das hier als perfekte Symbiose von Musik und Szene eine Tiefenfahrt in die Musikgeschichte ermöglicht.