Klassik Der Verzauberer

Der Geigenvirtuose Itzhak Perlman war lange nicht in Deutschland zu hören. Nun gab er ein einziges Konzert in München. Und man wusste sofort, warum man ihn so vermisst hatte.

Von Harald Eggebrecht

Alles war wieder da: die Mühelosigkeit, die betörende Schönheit dieses Geigenklangs, die sinnliche Kraft des Spiels von Itzhak Perlman. Dazu die Wärme seines Auftritts, die sogar den Riesenraum der Münchner Philharmonie erfüllen konnte, die für einen Violinabend eigentlich ganz ungeeignet ist, sein unmittelbarer Humor, der Zauber seiner Persönlichkeit.

Mit diesem Konzert nach mehr als zwanzig Jahren der Abwesenheit in München ist gewissermaßen die Welt des Geigens hier insoweit wieder ins Lot gerückt worden, dass es auf den vier Saiten dieses Instruments eben noch ganz andere Abenteuer zu erleben gibt als die vermeintlichen, gleichwohl weit verbreiteten "Tugenden" von technischer Neusachlichkeit, musikalischer Sprödigkeit, stilistischer Akkuratheit oder gar aufgeblasenem Pseudovirtuosentum. Gut, dass am Nachmittag vor dem Konzert einige Studenten der Kronberg Academy den Meister treffen konnten, deren Fragen er engagiert beantwortete und manches mit unsichtbarer Geige eindrucksvoll demonstrierte.

Sein Zauber wirkt allein daraus, Musik auf die vielfältigste Art zu "erzählen"

Trotz der Behinderung wegen einer frühen Polioerkrankung strahlt Perlman Impulsivität genauso aus wie Gelassenheit. Vor allem Gelassenheit: Auf seine herrliche Stradivari von 1714 schaut er beim Spielen noch immer so gut wie nie. Die Breite seiner linken Hand ermöglicht es, mühelos Dezimen zu greifen, wo andere die Linke heftig strecken müssen. Das Gewicht des Bogenarms setzt er so entspannt ein, als gäbe es nichts Einfacheres als zu geigen. Bei keinem anderen herrscht ein so auffallender Mangel an Hysterie und Extravaganz.

Alles ist daher auf die Musik konzentriert. Sein Zauber wirkt allein daraus, Musik auf die vielfältigste Art zu "erzählen", zum "Sprechen" zu bringen, ihre Gesten zu verdeutlichen und ihre Stimmungen auszumalen, ihre Konturen genau zu ziehen, ihre Landschaftlichkeit zu erkunden und auszubreiten, schließlich den rhythmischen Witz auf den Punkt zu treffen, nichts zu verwischen oder zu vernuscheln.

Das Foyer und der Saal brodelten an diesem Abend vor Erwartungen und Aufgeregtheiten. Selten sind so viele Geiger und Instrumentalisten gesichtet worden, darunter auch Anne-Sophie Mutter und Daniel Müller-Schott, die dem siebzigjährigen Itzhak Perlman die Ehre geben wollten. Perlman gibt immer noch ganz altmodische Sonatenabende, wie sie bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts bei Virtuosen wie Mischa Elman üblich waren. Doch Perlman zeigt, dass nicht eine bestimmte Programmideologie einen solchen Abend zum Ereignis macht, sondern der wahrhaftige Umgang mit der jeweiligen Musik ganz gleich welchen Gewichts und Genres.

Perlman begann sein Konzert mit einem Verfremdungsstück: Igor Strawinskys und von Samuel Dushkin arrangierte "Suite italienne", die auf die Ballettmusik zu "Pulcinella" zurückgeht, die wiederum auf Werken von Giambattista Pergolesi beruht. Dann folgte als großes romantisches Konzertstück César Francks A-Dur-Sonate. Nach der Pause ein leichteres Werk mit Antonin Dvořáks G-Dur-Sonatine, die zum eisernen Bestand jedes etwas fortgeschrittenen Geigenschülers gehört. Und dann ein Ring von Zugaben, die Perlman sehr amüsant moderierte. Allein an diesen Miniaturen lässt sich eine ganze Philosophie der Zugabe studieren, wenn sie so geboten werden wie von diesem Meister.

Damit all diese Musiken in ihrer unverwechselbaren stilistischen wie musikalischen Verschiedenheit entstehen können, helfen nicht nur charismatischer Solistenglanz und virtuoser Zugriff, sondern fast noch mehr Perlmans Diskretion, seine Innigkeit, seine Wachheit im kammermusikalischen Zusammenspiel mit seinem hoch erfahrenen und hochversierten Begleiter Rohan de Silva, mit dem der Geiger seit vielen Jahren zusammenarbeitet.

Eines der Geheimnisse der Perlmanschen Kunst ist die Fähigkeit, sofort den spezifischen Charakter und die Haltung einer Musik zu treffen. Also erklang Strawinskys raffiniertes Neobarock so trocken, so pointiert und fern jeglicher Gefühligkeit, dass das perkussiv Tänzerische etwa in der Tarantella unabweisbar bezwang. Und die Melodielinie der Serenata zog Perlman so fein und elegant aus, dass sie kein Geigenfett ansetzen konnte. Francks Sonate hingegen lebt von sich groß ausrollenden Wellenbewegungen und im Gegensatz dazu von gleichsam improvisierenden Rezitativen. Das Ganze verlangt großen erzählerischen Atem, damit das Werk in seiner viersätzigen Gestalt Wirklichkeit wird. Dazu gehören natürlich ein untrüglicher Sinn für die Ökonomie der Dynamik. Allzu leicht kann man bei diesem Stück in einen Rausch geraten, bei dem dann im letzten Satz längst die Gestaltungs- und Strukturierungsluft auszugehen droht.

Perlman baute die Sonate geradezu behutsam auf, tastete sich gleichsam in den träumerischen Kopfsatz hinein, ließ dann im vorandrängenden Allegro die Zügel scheinbar schießen und verlor doch nie die Übersicht über das mitreißende Geschehen. Die Recitativo-Fantasia kann leicht aus dem Werkzusammenhang herausfallen, wenn man sich allzu expressionistisch austoben will. Perlman und Rohan de Silva behielten auch hier immer das Ganze im Blick, sodass sie im Finale noch zulegen konnten und wahrlich ins Offene segelten. Dvořáks Sonatine wird wohl allen anwesenden Geigenschülern für immer in den Ohren klingen, weil die melodiösen Einfälle wunderbar ausgesungen und die rhythmische Witzigkeit in allen Facetten funkelte.

Die sechs Zugaben - von Fritz Kreisler über eine Gluck-Melodie, eine Heifetz-Bearbeitung von Isaac Albeniz' "Sevilla", John Williams' "Schindler's List"-Titelmelodie und Brahms' erstem ungarischen Tanz bis zum unsterblichen Gnomenreigen von Antonio Bazzini - zeigten noch einmal en miniature die Unvergleichlichkeit Perlmans. Jedes dieser Stücke braucht einen anderen Salon und daher, will man seine Eigenheit und seinen Charme zum Leben erwecken, auch ein anderes Kostüm. Nie darf das eins zu eins gespielt werden. Bei Itzhak Perlman wurde es ein Maskenreigen, ebenso inspiriert von der chamäläonhaften Verwandlungskraft seines so zauberisch zwischen Süße und Schmerzlichkeit changierenden Tons wie von der gestaltenden Ironie des großen Meisters.