Klassik Der heilige Narr der Musik

Valery Gergiev, neuer Chef-Dirigent der Münchner Philharmoniker, bleibt stets ein aufmerksamer Beobachter und dirigiert in einem Marathon alle Sinfonien von Sergej Prokofjew.

Von Reinhard J. Brembeck

Der Weltrekord im Marathon-Lauf liegt derzeit bei knapp über zwei Stunden. Valery Gergiev braucht im Münchner Gasteig zwar mit achteinhalb Stunden mehr als viermal so lang für seinen Marathon, doch schließlich ist auch die Disziplin eine andere. Denn in diesen sonntäglichen Stunden absolviert der Musikmaniac Gergiev in drei Konzerten sechs Sinfonien von Sergej Prokofjew, vier Geigenkonzerte von Wolfgang Amadeus Mozart und zwei Zugaben, drei Violinsolisten stehen ihm genauso bei wie seine Münchner Philharmoniker und sein Petersburger Mariinskij-Orchester.

Damit nicht genug. In den zwei Tagen zuvor hat Gergiev vier weitere Konzerte und dabei noch die am Sonntag fehlende Erste von Prokofjew dirigiert, direkt nach diesem Münchner Minifestival mit dem herrlichen Namen "MPHIL 360°" gibt er quasi zur Erholung eine kleine Schweiz-Tournee. Ruhephasen scheint dieser Ausnahmemusiker nicht zu benötigen, dafür aber die tägliche Bühne als Lebenselixier.

Stets bleibt Gergiev seinem Tun gegenüber ein aufmerksam distanzierter Beobachter

Dort liegt sein Reich, dort lebt er auf und sich aus. Wobei Gergiev alles andere als ein effektvoll fuchtelnder Showdirigent ist. Immer gibt er sich innig besessen der Musik hin und seinen Musikern, die er mit minimalen Bewegungen und meist ohne Taktstock durch die turbulentesten und aberwitzigsten Klangphantasmagorien Prokofjews führt. Während die Musiker in puncto Schnelligkeit und Intensität dann oft an den Grenzen des Machbaren spielen, bleibt Gergiev seinem Tun gegenüber ein aufmerksam distanzierter Beobachter. Nie würde dieser heilige Narr der Musik sich in dem Rausch verlieren, den er so unwiderstehlich zu erzeugen weiß.

Diese Kontrolliertheit ist sicht-, aber nicht hörbar. Sie erlaubt es Gergiev einerseits, seine monströs vielen Aufführungen und auch den Münchner Marathon ohne erkennbare Erschöpfung durchzustehen. Andererseits ermöglicht sie ihm, und das ist ihm das Wichtigste, die Musik wie im Moment improvisiert und lebendig klingen zu lassen. Deshalb dirigiert Gergiev auch am liebsten nur mit den Händen. Denn die sind ausdrucksstärker als jeder Stab, der zwar den Willen des Dirigenten unmissverständlicher durchsetzt, aber dabei eine kältere Brillanz erzeugt. Die aber ist Gergiev zuwider. Er will Wärme und Leben. Weshalb er auch die dunkle Klangtönung der Münchner und die noch dunklere der Petersburger so liebt.

Gergiev vermittelt Musik stets als eine emotional aufgeladene Erzählung. Abstraktes ist ihm dabei genauso fremd wie Artistisches. Weshalb auch sein Prokofjew-Projekt sehr viel mehr ist als Marathon und Leistungsschau. Gergiev erschafft durch seine Deutung dieser Sinfonien das in vielen Aspekten erschreckende Portrait eines zutiefst zerrissenen Menschen. Dieser Prokofjew ist ein Zeitgenosse unserer Gegenwart (und irgendwie auch Gergiev selbst), ein Entwurzelter zwischen Russland und dem Westen, zwischen Romantik und Avantgarde, zwischen absoluter und Theatermusik. Es ist ein Unentschlossener, dem schrille Groteske genauso viel gilt wie die Sehnsucht nach Schlichtheit, Banalität so viel wie Highspeedkomplexität.

Diese sich ausschließenden Welten und die daraus resultierenden Brüche versucht Gergiev nie zu kitten. Nie geht er den von Prokofjew komponierten Widersprüchen und Verzweiflungen aus dem Weg. So aber bricht das ganze Unglück dieses Komponisten in diesen Riesenstücken massiert auch über die Zuhörer herein.

Bis auf die Erste und die Fünfte hat sich keine der Sinfonien im Repertoire durchgesetzt. Der Münchner Marathon erklärt, warum. Die Zerrissenheit und verzweifelte Ehrlichkeit dieser Stücke machen sie wenig geeignet für den gängigen Konzertalltag. Umso beeindruckender ist es, dass das Münchner Philharmoniker-Team durch geschicktes Marketing und moderate Preise (20 bis 40 Euro) den 2200-Plätze-Saal immerhin zu zwei Dritteln füllen konnte. Zumal das Münchner Konzertpublikum gern zu Hause bleibt, wenn es Unbekanntes serviert bekommt. Die Organisatoren des Bartók-Festivals vor zwei Monaten mussten das in aller Bitterkeit erfahren.

Gergiev aber ist mittlerweile in München fest verankert. Seine Putin-Treue schert kaum mehr jemanden, er hat ja auch nichts Verfängliches in dieser Sache mehr gesagt. Vor allem aber ist er die größte lebende Instanz in Sachen Schostakowitsch, Tschaikowsky und eben Prokofjew, dessen fünf Klavierkonzerte er beim Vorgängerfestival vor einem Jahr präsentierte. Und dennoch: Keine der Sinfonien gelang ihm an diesem denkwürdigen Sonntagnachmittag so grandios wie Claude Debussys "Prélude à L'Après-midi d'un faune", die er als Zugabe (!) von den Mariinskij-Leuten spielen ließ. Das war nicht nur bloß eine Laune und ein Hinweis auf Prokofjews unglückliche Frankreichliebe, sondern der Nachweis, dass selbst dieser manisch getriebene Dirigent manchmal mehr als inspiriert sein kann.

Wie sonst fast nie dirigierte Gergiev den "Faune" auswendig. Deshalb wirkte er gelöster und freier als bei den anderen Stücken. Nach dem Prokofjew-Trubel wirkte die gelassene Ruhe, mit der Gergiev diese dahinmäandernde Meditation anging, umso umwerfender. Ein Aufatmen erfasste den Saal, lieferte Debussy doch etwas, was Prokofjew stets verzweifelt suchte: das Ganz-bei-sich-Sein. Der begeisterte Beifall klang da inniger und tiefer als nach den lauthals bejubelten furiosen Finale. Selbst der sonst so ratlose und offensichtlich nie völlig zufrieden zu stellende Gergiev wirkte da einen Moment lang glücklich gelöst.

Offenbar aus Misstrauen in Prokofjews Verkaufsträchtigkeit wurden Mozarts Geigenkonzerte mit Jungsolisten in den Marathon implantiert. Das mag als ein Zugeständnis ans Publikum gedacht gewesen sein, wurde aber zur Bürde. Erstens haben diese nicht immer inspirierten frühen Mozart-Stücke hörbar nichts mit Prokofjew zu tun, zweitens ist ihnen mit Gergievs hochromantischer Auffassung, der auch fast alle seine Solisten anhängen, nicht beizukommen. Also klang Mozart bei Daniel Lozakovich, Vilde Frang und Yu-Chien Tseng wie Kindermusik. Nur wenn Virtuosität gefragt war, wussten diese instrumental vorzüglichen Musiker aufzutrumpfen. So blieb ihnen Mozarts Welt verschlossen und sie verbreiteten bloß edle Langeweile.

Die Geigerin Alexandra Conunova spielte Mozart als erotisch boshaften Verführungsversuch

Das Projekt Mozart schien längst verloren, da kam zuletzt Alexandra Conunova. Von der Erscheinung her schnippisch, leicht boshaft und extrem eigenwillig, spielte sie Mozart genau so. Während ihren Vorgängern die Kopfsätze ihrer Konzerte aus Fantasielosigkeit ein Rätsel blieben, präsentierte Conunova den ihren (KV 216) als einen erotisch boshaften Verführungsversuch. Die Geigerin kokettierte mit den Hörern wie mit den Noten. Da verzögerte sie Erwartbares und bezweifelte es so. Dort verwandelte sie sehnsüchtige Blicke in Klang, die sich bald als dreiste Fopperei entpuppten. Im langsamen Satz spielte sie dann derart verführerisch leise, dass Gergiev alle Hände voll zu tun hatte, das Orchester ebenfalls so leise zu bekommen.

Weil Conunova mit Mozart etwas zu erzählen wusste, wirkte auch Gergiev wie ausgewechselt. Er ließ sich auf das Spiel seiner Solistin ein und gab einen ebenso ironisch gestimmten Partner, der nicht bloß mechanisch begleitete, sondern Details zum Leben erweckte. Genauso wie er es danach wieder bei Prokofjew so grandios schaffte.