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Klassik-CD:Mühelos klar

Konzert Isabelle Faust und Andreas Staier im Rahmen der Veranstaltungsreihe Schneegestöber der Salzk

Isabelle Faust formuliert mit energievollem Ton Arnold Schönbergs so ekstatische wie strenge Musik.

(Foto: imago/Rudolf Gigler)

Arnold Schönberg galt einst als unspielbar und spröde. Mittlerweile spielen es viele jüngere Geiger mühelos lustvoll. Und Isabelle Faust triumphiert damit.

Lange Finger seien von Vorteil bei diesem vertrackten Konzert, hat die große Geigerin Isabelle Faust in einem Interview mit dem Bayerischen Rundfunk gesagt. Als Arnold Schönberg sein Violinkonzert 1936 im kalifornischen Exil vollendete, hoffte er, ein ebenso anspruchsvolles wie attraktives klassisches Solokonzert geschaffen zu haben. In der Tat klingen die drei Satzüberschriften so seriös wie vertraut: Poco Allegro, Andante grazioso und Finale. Auch sonst erscheint es in seiner formalen Gefügtheit mit einer Solokadenz im Kopfsatz wenig abweisend. Wäre es nur nicht technisch so schwer und klanglich so extrem ausgefallen!

Wäre das Stück nur nicht so technisch schwer und klanglich so extrem ausgefallen!

An der University of California, an der Schönberg lehrte, unterrichtete auch jener Geiger, den so gut wie die ganze Welt als den besten und virtuosesten Violinisten seiner Zeit bewunderte: Jascha Heifetz. Doch Heifetz lehnte eine Aufführung ab, das Stück sei unspielbar, es sei denn man habe Hände mit sechs Fingern, soll er gesagt haben. Doch offensichtlich lag Schönbergs Musik Heifetz fern, obwohl er sich durchaus für neue Musik interessierte und einsetzte. Aber die war eher impressionistisch-farbenreich oder expressiv-rhythmisch und geigerisch unmittelbar effektvoll. Schönberg verzweifelte: "Heifetz kann es nicht spielen. Niemand kann es spielen."

Bereits Schönbergs Schwager Rudolf Kolisch wagte sich zuerst nicht daran, vielleicht auch, weil er mit seinem Ensemble gut ausgelastet war. Aber er zeigte es dem amerikanischen Violinisten Louis Krasner, der schon Alban Bergs Violinkonzert initiiert und uraufgeführt hatte. Krasner war fasziniert von der schwierigen Partitur, 1940 spielte er mit Billigung Schönbergs die Uraufführung mit dem Philadelphia Symphony Orchestra unter Leopold Stokowski. Übrigens hat Kolisch das Konzert später mehrfach vorgetragen, überraschend lyrisch und nach innen gekehrt dargestellt. 1951 war es dann der Ungar Tibor Varga, dessen Aufnahme des Stücks Schönberg in helles Entzücken versetzte. Er schrieb Varga: "Wie deutlich meine Musik zu einem wahren Musiker zu sprechen vermag: er kann mich ohne Erklärungen, bloß durch Mittel der Notenschrift erkennen."

Inzwischen gibt es doch eine ganze Reihe erstrangiger Solisten, die sich nahezu lustvoll in Schönbergs verzwicktes Opus stürzen, beispielsweise Christian Tetzlaff, Hilary Hahn oder Patricia Kopatchinskaya und das immer mit brausendem Publikumserfolg. Nun also auch Isabelle Faust, die das heikle Stück nun mit dem Swedish Radio Symphony Orchestra unter Daniel Harding eingespielt hat (harmonia mundi). Auch sie hatte anfangs Reserven gegenüber diesem Konzert, dem der Pianist Glenn Gould eine "gewisse Kälte" attestierte und zu dem ein großer Könner wie Isaac Stern keinen Zugang fand.

Doch wie Isabelle Faust nun mit stets schlankem biegsamen, dabei energievollem Ton Schönbergs so ekstatische wie strenge Musik ausformuliert, begeistert unmittelbar. Die Geige steigt aus den tiefen Registern in glitzernde, filigrane ausfigurierte Höhen auf, die Akkordik spreizt sich weit auf, blitzschnelle Geläufigkeit ist gefordert, dann wieder weit gespannte Melodik. Doch die manchmal geradezu bizarre Gestik dieser zwölftönig fundierten Musik bleibt immer ausdrucksvoll, gespannt, erregt und nervös besonders eindringlich in der Solokadenz.

Inzwischen gibt es viele Solisten, die sich lustvoll in Schönbergs Konzert stürzen

Isabelle Faust spielt das nicht im schlechten Sinne mühelos, also glatt, vielmehr wird die zu überwindende Widerständigkeit dieser in sich so stark verdichteten Musik erfahrbar. Auch beim zweiten Satz gibt es kein liebenswürdiges Grazioso, sondern eines, das der lyrischen Schwermut und den herben Farben gewissermaßen abgetrotzt wird. Das Finale "erkämpft" sich Isabelle Faust mit virtuoser Klarheit sondergleichen.

Das Stück ist vor allem aber ein symphonisches Stück, wie das Zusammenspiel der Solistin mit dem reaktionsschnellen, unerschrockenen schwedischen Radiosymphonieorchester unter Daniel Hardings aufmerksamer Leitung eindrucksvoll zeigt. Als zweites Stück bietet die CD Schönbergs frühes Sextett "Verklärte Nacht" von 1899 nach einem Gedicht von Richard Dehmel, heute eines der meist gespielten seiner Werke. Die fabelhaften Musiker dieser außerordentlichen Aufnahme - Isabelle Faust, Anne Katharina Schreiber, Violinen; Antoine Tamestit, Danusha Waskiewicz, Viola; Christian Poltéra, Jean-Guihen Queyras, Violoncello - zeigen exemplarisch, dass auch dieses Stück nicht einfach als Mischung aus postromantischer Ekstase, Wagnerianischem Impetus und Mahlerscher Erlösungssehnsucht zu verstehen ist, sondern als ein ungemein fein geknüpftes Klangnetz, in dem es jene filigranen Glitzereffekte, die im Violinkonzert so auffallen, genauso gibt wie den sehr verdichteten Satz. Auch die "Verklärte Nacht" ist symphonisch im umfassenden Sinne des Wortes, wenn man sie so fein ausgehört, klanglich opulent, doch nie dicklich strukturiert und hellwach darbietet wie hier.

© SZ vom 21.03.2020

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