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Klassik-CD:Fazil Say und die Geige

Von Harald Eggebrecht

Fazil Say, dieser bemerkenswerte Pianist und Komponist aus der Türkei, muss als ein Mann nach eigenem Gesetz gesehen werden. Denn seine Kompositionen, in denen er türkische und andere Volksmelodien, Jazz und klassische Musikformen intensiv miteinander ins Gespräch bringt oder gleichsam improvisatorisch zusammenführt, erweisen sich als höchst eigentümliche, manchmal geradezu schmissige, oft herbe, rhythmisch grimmige Musik, die aber auch keine Angst vor eleganter Klanggeschmeidigkeit und feiner Gefühlsinnigkeit hat. Auch die Violine hat er mehrfach bedacht, unter anderem angeregt von der immer experimentell gesonnenen Geigerin Patricia Kopatchinskaja, mit der Say oft aufgetreten ist.

Bei Naxos ist nun eine CD erschienen, auf der der von Fazil Say zu Recht als "außerordentlicher Geiger" gepriesene Friedemann Eichhorn alle Geigenstücke Says eingespielt hat. Bei den zwei Sonaten von 1997 und 2019 begleitet ihn der Komponist mit Herz und Heftigkeit. Die erste klingt bei aller Dringlichkeit vor allem im Kopfsatz noch jugendlich schwärmerisch und attraktiv virtuos. Die zweite aber, Eichhorn gewidmet, klagt zornig an und trauert bitter als Reaktion auf Zerstörungen des Ökosystems am Berg Ida. Say, ein unbeugsamer Bürgerrechtsaktivist in der Türkei, versteht seine Musik immer auch im Kontakt oder Konflikt mit der gesellschaftlichen und politischen Gegenwart, ohne dabei banal programmatisch zu werden.

Eichhorn spielt auch das für einen Wettbewerb geschriebene Solostück "Cleopatra" (2010) und das Violinkonzert "1001 Nächte im Harem" (2007), bei dem Christoph Eschenbach die Deutsche Radiophilharmonie Saarbrücken Kaiserslautern dirigiert, mal seidenweich flirrend, mal entschlossen perkussiv in den krachenden Pizzikati, dann wieder die Kantilenen sehnsüchtig aussingend. So entstehen jedoch keine irgendwie orientalisierenden Klangbilder, wie manch einer denken könnte, sondern Musik, die mit Kontur und Härte, Dichte und Präzision zu unmittelbar "sprechenden" Wirkungen kommt. Vorausgesetzt, man gestaltet sie so vital und klangneugierig, wie es hier alle Musiker tun mit Friedemann Eichhorn als Primus inter Pares.

© SZ vom 14.08.2020

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