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Klassik:Brahms, der Multilateralist

Robin Ticciati und das Deutsche Symphonieorchester feiern in Berlin ein farbenreiches und vielgestaltiges Festival um die vier Symphonien von Johannes Brahms.

Von Wolfgang Schreiber

Johannes Brahms' erste Symphonie nannte der epochale Hans von Bülow keck Beethovens Zehnte. Gegen die Jahrhundertmacht der "Neune" Beethovens hatten nachfolgende Komponisten dereinst kaum Chancen. Erst mit dreiundvierzig wagte Brahms den symphonischen Erstling, schaffte insgesamt aber nur vier Symphonien, die vollendete Antwort des 19. Jahrhunderts auf Beethovens "Kampfansage". Die vier erklingen heute problemlos als Zyklus und sind doch eine Herausforderung, wenn ein junger Dirigent wie der Brite Robin Ticciati und sein Deutsches Symphonieorchester Berlin den diffizilen Beziehungskomponisten Brahms, den Multilateralisten des 19 Jahrhunderts, so zeigen, wie man ihn selten erlebt.

Sonderbare Macht des Seriellen! Alle "Neun" Beethovens, Mahlers und Bruckners, die Klaviersonaten und Streichquartette Beethovens und Schuberts, die Sibelius- und Tschaikowsky-Symphonien - Zyklen üben einen Sog aus, verheißen Zugriff auf Stücke, die in der Vereinzelung keine ähnliche Anziehung auszuüben scheinen. Aber der 1983 in London geborene Robin Ticciati ist jetzt, in der zweiten Saison als Künstlerischer Leiter des Deutschen Symphonieorchesters, mit den "Brahms-Perspektiven" einen Schritt weitergegangen: Seine Idee war, die vier Symphonien in mancherlei musikalischen, historischen und ästhetischen Zusammenhängen vorzuführen. Und gleichzeitig den Befund Arnold Schönbergs zur Geltung zu bringen: "Brahms, der Fortschrittliche", das sei nicht der seinerzeit vielbelästerte Akademiker und Klassizist gewesen, vielmehr einer jener "denkenden" Komponisten, deren Fortschrittshaltung in der "Ausarbeitung der Gedanken" bestanden habe.

Mit Schönbergs Sarkasmus gesagt: "Große Anstrengung ist für einen geübten Geist keine Qual, sondern eher ein Vergnügen". Ticciatis schlanke Erscheinung, seine hellwache Leichtigkeit am Pult, seine herzliche Empathie mit den Orchestermusikern verkörpert dies unmittelbar - wenn er Brahms' kompositorische Erfindungslogik zwischen Konstruktivismus und lyrisch zarter Emotionalität in Tönen nicht durch lastenschwere Hand belädt, sondern mit geschmeidigen Gesten mit dem Deutschen Symphonieorchester in Bestform zum gespannten Fließen bringt.

Ausgerechnet die monumentale erste Symphonie erklang in kleiner Orchesterstärke

Da Brahms mit seinen musikhistorischen Erkundungen vergangener Epochen noch weiter fortgeschritten war als die meisten Komponisten vor und nach ihm, sah er sich, obwohl emphatischer Bewunderer seines Komponistenfreundes Robert Schumann, zur Erbschaft der vokalen Renaissance- und Barockmusik berufen. Brahms, der Chorkomponist also: Mit ihm verband sich Ticciatis experimentierfreudige Dramaturgie der Brahms-Perspektiven, die mit der frühbarocken Motette "Das ist mir lieb" des Heinrich Schütz, gesungen vom Rias Kammerchor Berlin, eröffnet wurden. Flugs folgte Schumanns Klavierkonzert, das von Igor Levit mal tief versonnen, mal rastlos herzhaft genommen wurde. Mit Brahms' erster Symphonie kam die erste große Überraschung.

Denn ausgerechnet die wuchtig monumentalste der Symphonien, nicht die drei folgenden, erklang in kleinerer Orchesterstärke. Ticciati, für jedes der Konzerte im Programmheft mit eigenen Begründungen präsent, bezog sich dabei auf die Tradition der alten, von Hans von Bülow und Brahms dirigierten Meininger Hofkapelle: Nur zehn erste Geigen und entsprechend reduzierte Streicher nahmen der Symphonie die berüchtigte Massigkeit, förderten die Transparenz der Streicher-Bläser-Beziehungen.

Weniger schlüssig das Umfeld der zweiten Symphonie, wo Cello und Horn den Ton angeben. Deshalb wurde das Cellokonzert des Franzosen Henri Dutilleux von Nicolas Altstaedt brillant geboten.

"Kontrast" hieß das Passwort dieser Brahms-Sondierung, die die Netzarbeit motivischer, klanglicher, harmonischer und formaler Bezüge zur Vergangenheit zu demonstrieren hatte. Die dritte Symphonie, jetzt in starker Besetzung, verband sich nicht sehr schlüssig mit Claude Debussys flimmerndem Orchesterpoème "Jeux" sowie mit Wagners tristanwehen Wesendonck-Liedern, die Dorothea Röschmann strahlend sang.

Stärkste Lebenskraft für Johannes Brahms: Johann Sebastian Bach. Den Anlauf zur vierten Symphonie besorgte Kristian Bezuidenhout mit Bachs E-Dur-Klavierkonzert. Danach ein neues symphonisches Vokalwerk Aribert Reimanns, die mit Hochdruck beladene Sammlung von zwölf kurzen "Fragments de Rilke", spektakulär bewältigt von der jungen Sopranistin Sarah Aristidou. Rainer Maria Rilkes Zukunftsvision im zehnten Satz fasziniert Reimann am meisten: "Der Erde gibt man eine neue Oberfläche". Fehlte etwas? Höchstens ein musikalisches Zeugnis Schönbergs, des Avantgardisten der Brahms-Nachfolge, der sich über "denkende" Komponisten nicht wundern mochte: "Wenn der Geist eines Mathematikers oder Schachspielers solche Hirnwunder vollbringen kann, warum dann nicht auch der Geist eines Musikers?"

Es gab in der Philharmonie am Ende eine Nachspielzeit, in der Corinna Harfouch und Sylvester Groth, unterbrochen am Klavier von Intermezzi des späten Brahms, Auszüge aus der in aller Freundschaft schillernden Korrespondenz von Clara Schumann und Johannes Brahms zum Besten gaben. Und die Robin Ticciati, im Saal aufrecht stehend, freudig seinen Perspektiven einverleibte.

© SZ vom 27.02.2019
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