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Klassik:Beethovens Landpartie

Dirigentin Miria Grazinyte-Tyla

Spritziger Klang für Glühwürmchen – Mirga Gražinytė-Tyla.

(Foto: Benjamin Ealovega)

Die litauische Dirigentin Mirga Gražinytė-Tyla und ihr "City of Birmingham Symphony Orchestra" bringen in der Münchner Philharmonie das Publikum zum Staunen. Und nebenbei klärt die Maestra noch ein paar Genderfragen.

Es ist erst 20 Jahre her, dass der Machoklub Wiener Philharmoniker erstmals eine Frau in seine Reihen aufnahm. Seither hat sich die männlich und weiß dominierte Orchesterlandschaft verändert. Dass Frauen aber noch immer geradezu bestaunte Ausnahmeerscheinungen sind, das wurde beim Gastspiel des City of Birmingham Symphony Orchestra in der Münchner Philharmonie deutlich. Das ist jenes Orchester, das Simon Rattle einst zu Weltruhm führte und das seither Karrieresprungbrett für Jungdirigenten ist.

Nun sind die Birminghamer, man sollte das in Zeiten des Brexit-Bashings nicht vergessen, stets ein wenig der Zeit voraus, innovativ, neugierig. Die Truppe wirkt heterogener als viele andere Orchester, sie scheint ein Abbild der Gesellschaft zu sein, wie man sie auf jeder beliebigen englischen Straße sieht: Junge, Alte, Dicke, Dünne, Lebendige, Verhaltene und vor allem viele Frauen. Da gibt es eine Chefgeigerin - der Posten ist meist noch immer fest in Männerhand. Und die Fagottistin ist eine Schwarze. Auch das ist selten, und die Hörer sinnen darüber nach, ob sie in einem der großen Orchester je eine Muslima spielen gesehen haben.

Da kommt es am Bühneneingang zu einer kleinen Rangelei. Der Pianist Rafał Blechacz ist ein Jüngling, von Erscheinung, Kleidung und Noblesse her aber eine Erscheinung des 19. Jahrhunderts. Aristokratisch hat er gerade Frédéric Chopins f-Moll-Konzert gespielt und jetzt will er, ganz Gentleman, natürlich der Dirigentin Mirga Gražinytė-Tyla den Vortritt lassen. Die aber kann das nicht zulassen. Schließlich ist die Philharmonie kein Opernhaus, wo die Damen immer das Erstabtrittsrecht genießen, und zweitens geht der Dirigent immer hinter dem Solisten ab. Also gibt es eine kleine Rangelei, dann geht sie kumpelhaft gleichzeitig mit ihm ab.

Die kleine Szene lässt ahnen, welchen Widerständen Dirigentinnen im Musikerleben begegnen. Mirga Gražinytė-Tyla, sie stammt aus Litauen, geht mit solchen Gendergeschichten geschickt und charmant um. Doch nicht deshalb hat es die zierliche kleine Frau mit den langen Haaren an die Spitze dieses qualitätsbewussten Orchesters geschafft, das sie in der zweiten Spielzeit als Music Director anführt.

Dafür sind ihre musikalischen Qualitäten ausschlaggebend. Die kommen bei ihrem Münchner Gastspiel nicht so sehr in der leicht steifen "Zauberflöten"-Ouvertüre oder dem Chopin-Konzert zum Tragen, sondern in Ludwig van Beethovens Sechster Sinfonie, der Pastorale, die die Eindrücke eines naiv staunenden Städters in der Sommerfrische auf dem Land ausmalt.

Richard Wagner hat Beethovens Siebte als "Apotheose des Tanzes" bezeichnet. Mirga Gražinytė-Tyla aber versteht auch die Sechste als ein großes Tanzstück, dem allerdings jede Vergöttlichung fehlt. Alles in diesem Tanzmarathon gerät ihr hell, licht und heiter, alles ist unangestrengt im Fluss. Gražinytė-Tyla selbst tanzt die Musik wie ein koboldhafter Derwisch, sie wischt ihre Klangvisionen in den Raum, sie zeichnet sie mit weit ausholenden, aber stets organischen Gesten vor.

Dieser Beethoven schnaubt nie mürrisch oder vor Leidenschaft, er beeindruckt nie durch titanenhafte Gewalt, er wühlt sich nie in unselige Psychoabgründe, er quält weder sich noch den Hörer. Stattdessen freut sich hier ein gestresster Ausflügler über die gute Landluft, er hüpft übermütig ins Heu, er entdeckt plötzlich die Natur. So erzählt das Gražinytė-Tyla mit leiser Ironie.

Besonders betörend gelingt ihr der so schwierige zweite Satz, der bei vielen Dirigenten wie ein sich im Bach schlängelnder Langeweilebandwurm wirkt. Sind es Glühwürmchen, die in einer Sommernacht den Wanderer umtänzeln und irritieren? Dann aber drängen derb und zunehmend aggressiv die Landbewohner auf die Szene. Bevor es zu Exzessen bei deren wüstem Saufgelage kommt, fährt erst mit Wetterleuchten, bald mit peitschenden Schauern und grellen Blitzen ein Gewitter ins Bierzelt. Jedes noch so nebensächliche Detail modelliert Gražinytė-Tyla, sodass hier kein realistischer Sturm zu toben scheint, sondern ein göttlicher Spuk, der sich nach und nach in Glück und Erschöpfung beruhigt. Die zuvor erlebten Abgründe klingen noch leicht nach.

Das Münchner Publikum, von den hiesigen Chefdirigenten an emotionale Riesenentladungen gewöhnt, zeigt sich erleichtert und begeistert von diesem ebenso spritzigen wie eleganten Musikantentum. Und Mirga Gražinytė-Tyla dreht zuletzt noch ein wenig am Genderrad, indem sie den ihr überreichten Blumenstrauß dem Cellomann übergibt. Schließlich schenken auch die dirigierenden Männer ihre Sträuße bevorzugt Orchestermusikerinnen.

© SZ vom 24.11.2017

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