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Klassik:Ausflug in eigentümliche Welten

Das Ensemble Modern hat die Oper "Passion" aufgenommen. Ein Wunderwerk.

Von Helmut Mauró

Er gehört zu jenem Typus des intellektuell anspruchsvollen, philosophisch-literarisch gebildeten Komponisten, der heute völlig deplatziert wirkt im Umfeld unbedarfter Künder neuer Fröhlichkeit einerseits und andererseits eines nie dagewesenen Pessimismus. Der 65 Jahre alte französische Komponist Pascal Dusapin kommt aus einer Zeit, als das Beherrschen des kompositorischen Handwerks noch geholfen hat, ein durchdachtes poetisches Programm auf die Bühne zu bringen und dieses nicht nur emotional, sondern auch geistig unterfüttern zu können.

Nun erlebt dieser Komponist eine auditive Wiedergeburt seines Musiktheaters "Passion". Es ist eine in dieser Hinsicht höchst konzentrierte Reflexion menschlicher Regungen und deren Äußerungen. Bilder des Schmerzes und der Ergriffenheit, der Abscheu und des Entzückens, der Möglichkeiten des Empfindens, ja letztlich des Eigenlebens solcher Empfindungen.

Eigentlich ist dies Dusapins Dauerthema, ob in "La Melancholia", "Medeamaterial" nach Heiner Müller, der Klage in "Granum Sinapis" oder des Entsetzens in "Faustus, the Last Night".

Dass Dusapin in seiner sechsten Oper auf die Anfänge des Genres zurückverweist, ist nicht nur stilistische Spielerei oder Alterssentimentalität. Dusapin zitiert Monteverdi-Musik auf dem Cembalo, ganz isoliert im übrigen Klanggeschehen, als wolle er sich noch einmal ganz nah herunterbeugen zu diesem Wunderkomponisten, der die größten Gefühle in sein feinmaschiges Notennetz eingefangen hat. Und ein bisschen schwingt in Dusapins Neukomposition auch die Trauer darüber mit, dass dies derart wohl für längere Zeit nicht mehr möglich sein wird. Warum?

Weil Monteverdis Musik aus einer vorzynischen Vernunft stammt, als das gesprochene und selbst das vertonte Wort ein Gewicht von Wahrheit hatten, das auf dem Weg in die Moderne verloren gegangen ist. Es ist nicht mehr klar, ob das Gesagte und Gesungene so gemeint ist, wie es gesagt und gesungen ist. Da bleibt nur noch die Anrufung der alten Musikgötter und das Beschwören der Erinnerung an sehr, sehr alte Zeiten, die nicht mehr zurückzuholen sind. Immerhin: eine Idee davon kann man heute noch oder wieder komponieren.

Wenn man es kann, wenn man nicht nur musikhandwerkliches Geschick, sondern auch philosophische Begabung aufbietet. Das gilt nicht nur für den Komponisten, sondern auch für die Ausführenden. Das Ensemble Modern und seine Solisten leisten hier ganze Arbeit. Auch die Sopranistin Keren Motseri vor allem, aber auch der Bariton Georg Nigl.

Man muss sich ein bisschen einhören in diese eigentümliche Welt, in der archaische Düsternis und moderne Melancholie in eine genuine faszinierende Klangvision verschmelzen. Ein Wunderwerk in Tonräumen und Lichtspiel, ein Phantasma an Fremdheit und Vertrautheit, an Selbstverleugnung und Glaube, Verunsicherung und Selbstgewissheit.

Ensemble Modern Medien EMCD-047.

© SZ vom 04.11.2020
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