Wettbewerb um den Bachmannpreis:"Ich zeige ihn ja bloß zurück"

Lesezeit: 1 min

Wettbewerb um den Bachmannpreis: Immer in Gefahr der Selbstbezüglichkeit: Zur Jury gehörten 2022 von links nach rechts Klaus Kastberger, Mara Delius, Brigitte Schwens-Harrant, Jurysprecherin Insa Wilke, Michael Wiederstein, Vea Kaiser und Philipp Tingler.

Immer in Gefahr der Selbstbezüglichkeit: Zur Jury gehörten 2022 von links nach rechts Klaus Kastberger, Mara Delius, Brigitte Schwens-Harrant, Jurysprecherin Insa Wilke, Michael Wiederstein, Vea Kaiser und Philipp Tingler.

(Foto: Gert Eggenberger/dpa)

Eine Autorin zeigt einem Juror beim Wettbewerb um den Bachmannpreis den Mittelfinger. Ihren Kollegen rät sie, sich "emotional unabhängig" zu machen.

Interview von Miryam Schellbach

Abseits der Kameras, aber für das Publikum gut sichtbar hat die Autorin Mara Genschel der Jury des Ingeborg-Bachmann-Preises in Klagenfurt den Mittelfinger gezeigt. Eine seltene Entgleisung im protokollbewussten Literaturwettbewerb. Zeit für ein kurzes Gespräch am Bühnenrand.

SZ: Frau Genschel, was hatte es mit dem Mittelfinger in Richtung der Jury auf sich?

Mara Genschel: Ich habe nicht der Jury den Finger gezeigt, sondern nur dem Juror Philipp Tingler, und zwar für seine Beleidigung. Er hat gesagt, es sei sehr viel anstrengender, meinen Text anzuhören, als ihn zu schreiben. Tingler agiert einfach nicht auf Augenhöhe mit den Autorinnen und Autoren.

Wettbewerb um den Bachmannpreis: Die Autorin Mara Genschel las in Klagenfurt mit aufgeklebtem Schnauzer und gespieltem amerikanischen Cowboy-Akzent.

Die Autorin Mara Genschel las in Klagenfurt mit aufgeklebtem Schnauzer und gespieltem amerikanischen Cowboy-Akzent.

(Foto: Gert Eggenberger/dpa)

Ist das denn überhaupt möglich, dass die Jury in einem solchen Wettbewerb mit den Lesenden auf Augenhöhe spricht?

Nein. Nicht wirklich. Schuld daran ist vor allem die Struktur des Wettbewerbs. Es geht den Juroren ja auch darum, Punkte zu scheffeln. Deswegen taktieren sie, die Beurteilungen sind scharf zugespitzt.

Erst am Samstagabend wird die Jury über den Bachmannpreis entscheiden. Haben Sie keine Angst, sich mit einer solchen Aktion selbst zu schaden?

Nein, Tingler zeigt verbal den Mittelfinger, ich zeige ja bloß zurück.

Dass die Jury nicht mit Seidenhandschuhen vorgeht, ist bekannt. Warum haben Sie sich trotz der drohenden Verrisse für eine Teilnahme am Wettbewerb beworben?

Das war für mich ein Gastauftritt, eine Möglichkeit zur Herausforderung. Es wurde ja von der Jury in den letzten beiden Tagen auch sehr viel Schönes gesagt, viel Anerkennung für manche Texte gezeigt. Ich wollte aber eben diese normative Regelpoetik herausfordern, die hier implizit angewendet wird. Und das würde ich auch anderen, jüngeren Autorinnen und Autoren immer raten: Man sollte sich emotional unabhängig machen von dem Wettbewerbsprinzip in diesem ganzen Betrieb.

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