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Kirill Serebrennikow:Tödliche Dummheit

Vladimir Meisinger

Tödliche Dummheit, kollektive Schuld: Wladimir Meisinger als zum Kneipenwirt umgeschulter Henker Gennaditsch.

(Foto: Ira Polyarnaya)

Erstes Stück nach Hausarrest: Kirill Serebrennikow inszeniert in Moskau Martin McDonaghs "Henker".

Es ist das erste Stück, das der russische Regisseur Kirill Serebrennikow nach seinem Hausarrest inszeniert hat. Er konnte selbst ins Moskauer Gogol-Zentrum kommen, musste niemanden mit Regieanweisungen aus seinem Arrest schicken. Beinahe zwei Jahre lang hat ihn das Verfahren wegen Untreue von der Bühne ferngehalten, der Prozess gegen ihn geht gerade in die zweite Runde. Immerhin darf sich Serebrennikow wieder frei bewegen.

Da wirkt es nicht weit hergeholt, dass er sich das Stück "Hangmen" von Martin McDonagh ausgesucht - und umgeschrieben - hat. In "Palatschi", Henker, zeigt er dumpfe Befehlsempfänger, tödliche Dummheit, kollektive Schuld und ein immer wiederkehrendes, systematisches Unrecht, das bis ins heutige Russland überlebt hat. Von der schwarzen Komödie des Iren McDonagh ist viel Düsternis und wenig Komödie übrig geblieben.

Serebrennikow verlegt die Handlung aus den Sechzigerjahren in Großbritannien in die russische Provinz der Jelzin-Jahre. Ein Henker verliert nach Abschaffung der Todesstrafe seine Arbeit und wird Kneipenwirt. Jelzin unterzeichnete das Moratorium für die Todesstrafe 1996, der letzte echte russische Henker ist erst seit 23 Jahren arbeitslos. Auf der Bühne setzt die Handlung kurz vorher ein.

Der Henker Gennaditsch (Wladimir Meisinger) erschießt noch einen letzten Verurteilten. Der wehrt sich und beteuert seine Unschuld. Gennaditsch erklärt ihm, dass nicht er ihn töte, sondern das Gericht der Russischen Föderation. Doch der Mann hört nicht auf zu zetern. Ein unwürdiges Schauspiel ist das, in diesem gelblich beleuchteten Gefängniskeller. Die Wächter vergessen die Handschellen, der Gefangene krallt sich fest. Der Gefängnisarzt muss sich übergeben. Die kleinen, dummen Schräubchen der staatlichen Tötungsmaschine greifen nicht ineinander. "Ich werde von Idioten hingerichtet", schreit der Verurteilte. Dann schießt Gennaditsch.

Fünf Jahre später: der frühere Henker führt eine heruntergekommene Bar in der russischen Provinz, statt Erdnüssen gibt es hier Wobla, trockenen Fisch zum Bier. Morgens legt Gennaditsch dieselben fleckigen Stofftischtücher auf die Tische, darüber klebrige Wachsdecken. Abends kommen alte Kollegen und betrinken sich. Ehefrau Valentina (Anna Guljarenko), zupackend, emotional, in Leo-Bluse, kippt Bierreste zusammen, für spätere Verwendung. Die 15-jährige Tochter Sweta (Olga Dobrina) ist unglücklich und offenbar etwas zurückgeblieben. Als Wirtstochter kämpft sie gegen Kronkorken und übt auf dem verstimmten Kneipenklavier immer dasselbe Lied, "Für Elise". Darüber hängt "Herzlich Willkommen" in roter Leuchtschrift.

Bei zwei Henkern und einem Galgen im Raum kann viel schiefgehen

Im Fernseher laufen Nachrichten aus den frühen 2000er-Jahren. "Diktatur ist besser als Demokratie", schreit ein Betrunkener: "Besser einen Dieb zu haben als viele." Plakative Rückwärtsgewandtheit.

Subtil ist ohnehin wenig an diesem Abend. Die Trostlosigkeit ist mit Händen zu greifen. Kraut wird in Wäschewannen eingelegt. Bierkrüge sind am Tresen festgekettet, damit sie niemand stiehlt. Im zweiten Akt prasselt der Regen auf die Bühne. Wenn die Figuren ihre brutalen Pläne schmieden, sehen die Zuschauer die Gesichter von Kameras aufgenommen wie im Reality-TV auf einer großen Leinwand vor der Bühne.

Gennaditschs Stammgäste respektieren ihn für seine frühere Karriere. Als ein Journalist ein Interview möchte, ziert er sich zunächst, aber als der Reporter auf den berühmten Ober-Henker Batja ausweichen will, packt ihn der Ehrgeiz. Zwischen Gläsern mit eingelegten Gurken versetzt sich der Kneipenwirt zurück in seinen alten Job, schlüpft in die ausrangierte Uniform, zieht zu Demonstrationszwecken seine Waffe. Ob sich mal ein Todeskandidat im Nachhinein als unschuldig herausgestellt hat, fragt der Journalist. Nicht bei ihm, antwortete Gennaditsch. Dabei quält ihn längst der Gedanke daran, dass dieser Letzte wirklich schuldlos gewesen sein könnte.

Wie viele Menschen hat er erschossen? "Über hundert?" - "Viel mehr." - "Tausend?" - Wir sind doch nicht in China", sagt Gennaditsch - "Mehr als Batja?", fragt der Reporter.

McDonagh hatte seinen Oberhenker einer realen Figur nachempfunden, Albert Pierrepoint, der bis zu 600 Menschen gehängt haben soll, viele von ihnen im Zweiten Weltkrieg und als Kriegsverbrecher danach. Später eröffnete Pierrepoint eine Kneipe in Oldham.

In Moskau dagegen ist der Ober-Henker Batja fiktiv und für Gennaditsch unerreicht, denn Batja hat schon zu Stalins Zeiten "Volksfeinde bündelweise erschossen". Er ist sogar bei Blochin in die Lehre gegangen. Gemeint ist Wassilij Blochin, Stalins grausamer Henker, und ihn gab es wirklich. Bei der Ermordung Tausender Menschen trug er immer eine Lederschürze, damit kein Blut auf seine Uniform spritzte. Neben dem realen russischen Ober-Henker sieht der englische Hangman Pierrepoint wie ein Schuljunge aus.

Der Blochin-Schüler Batja (Aleksandr Filippenko) ist ein ordinärer, böser alter Mann, aber er bekommt die meisten Lacher. Aus dem Sanatorium schneit er unangemeldet herein, weil er Gennaditschs Interview gelesen hat. Nun will er klarstellen, wer der beste Henker im Land ist. Pardon, war. Die beiden geraten aneinander, und während sie streiten, stirbt gleich neben ihnen ein Mann. Das Opfer ist ein Fremder, der eines Tages in die Kneipe kam und von Anfang an provozierte. Weil er anders war, Städter, in seinem weißen Mantel, dieser eitle Gockel, der mit der hilflosen Sweta flirtet. Der Fremde führte etwas im Schilde, doch was genau, lässt Serebrennikow offen. Als Tochter Sweta verschwand, war Gennaditsch klar, dass der Fremde dahinterstecken muss. Mithilfe der Stammgäste wollte Gennaditsch ihn ein wenig foltern, ihm mit dem Kopf in der Schlinge ein Geständnis abzwingen. Aber dann tauchte Batja auf, und bei zwei Henkern und einem Galgen im Raum kann viel schiefgehen.

Womöglich hat der eigene Gerichtsprozess Serebrennikow dieses Gefühl von Unausweichlichkeit vermittelt. Wenn die Maschine aus Ermittlern, Staatsanwälten, Richtern im heutigen, häufig korrupten Rechtssystem einmal läuft, ist ein Freispruch fast unmöglich. In Russland kann jeder schuldig gesprochen und weggesperrt werden, zur Not mit gefälschten Beweisen. Die inszenierte Rechtssprechung kennt keine Pause.

© SZ vom 18.12.2019

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