Süddeutsche Zeitung

Urteil gegen Serebrennikow:Katastrophe für die Kunst

Das Urteil gegen Kirill Serebrennikow ist eine Schande für Russland. Zwar wird der Regisseur weiter arbeiten, aber die Künstler werden sich nicht so bald erholen.

Kommentar von Sonja Zekri

Stehen vor Gericht nicht Kriminelle, sondern Menschen, die irgendwo in Ungnade gefallen sind, warum sollten die Verurteilten sich benehmen wie Verbrecher? Russlands Rechtsgeschichte ist reich an solchen Beispielen. Der Ex-Tycoon Michail Chodorkowskij entwarf im Gefängnis großflächige Reformpläne, als stehe er noch immer im intimen Dialog mit dem Kreml. Der Regisseur Kirill Serebrennikow arbeitete auf der ganzen Welt, als dauerten die Verfahren gegen ihn nicht bereits drei Jahre. Er drehte einen schwerelosen Sommermusikfilm ("Leto"), inszenierte in Russland und anderen Ländern, zuletzt eine deutsch-russische Gemeinschaftsproduktion für das Deutsche Theater Berlin: Boccaccios Pest-Erzählungen "Decamerone".

Am Freitag aber zeigte sich: Alle Anerkennung, alle Solidarität von Künstlern und Kulturschaffenden in Berlin, Moskau oder Nowosibirsk haben nichts geändert, Serebrennikow wurde verurteilt - zu drei Jahren auf Bewährung. Er muss nicht ins Gefängnis, aber er wurde schuldig gesprochen, unter dem Deckmantel des internationalen Kunstprojekts "Plattform" eine Bande gegründet zu haben, um 1,6 Millionen Euro staatliches Fördergeld zu unterschlagen.

Das soll er nun zurückzahlen. Bei aller Erleichterung sprachen seine Anhänger dennoch von einem politischen Urteil und von "Stalinismus 2.0", erinnerten an Meyerhold, Mandelstam und andere Märtyrer der Kunst. Aber daneben gab es auch jene, denen das Strafmaß viel zu niedrig war, die antisemitischen Untertöne waren dabei unüberhörbar.

Dabei waren die Beweise auch in diesem Verfahren gegen Serebrennikow und seine drei Mitangeklagten nicht zwingender als im ersten. Es ist immer noch unklar, wie Serebrennikow hochkarätige Theater- und Tanzproduktionen bezahlen konnte, wenn er alles in die eigene Tasche gesteckt hat. Ebenso unerklärlich ist nach wie vor, was der Grund für Serebrennikows Fall war. Anders als oft behauptet, war er gerade nicht der modellhaft oppositionelle Künstler. Ohne wohlwollende staatliche Förderung unter dem damaligen Präsidenten Dmitrij Medwedjew hätte er weder das Moskauer Gogol-Zentrum übernehmen noch "Plattform" ins Leben rufen können. Dass seine Kunst zu politisch, zu modern oder auch "zu schwul" sei, kann höchstens ein Teil der Wahrheit sein. Immerhin inszenierte er aus dem Hausarrest für das Bolschoi-Theater vor allerprominentestem Publikum das Ballett "Nurejew" über Russlands berühmtesten - und bisexuellen - Tänzer. Im Gogol-Zentrum reservieren Politiker Karten für die kühnsten Aufführungen.

Umso eindeutiger war die abschreckende Wirkung des Verfahrens: Ganz gleich, wie begeistert sie im In- und Ausland gefeiert werden, egal, wer sie einst gefördert hat - wenn der Wind sich dreht und neue oder alte Mächtige ans Ruder kommen, sind die Gönner von gestern weit weg. Russlands Kunst wird überleben. Aber die Künstler? Diese Frage bleibt offen.

Das Verfahren gegen Serebrennikow war eine Schande für die Justiz, ein Schlag gegen die Kunst, eine Katastrophe für Russland. Die Bewährungsstrafe lässt ahnen, dass das offenbar erkannt wurde. "Ich bereue nichts. Sie tun mir leid", hatte Serebrennikow vor Gericht gesagt - und er meinte die Justiz. Er wird weiterarbeiten. Aber Russlands Künstler werden sich nicht so bald erholen.

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SZ vom 27.06.2020/cag
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