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Kirche und Missbrauch:Und führe uns nicht in Versuchung

Homosexuelle sind längst aus ihren Darkrooms ausgebrochen - und die Gesellschaft will die Dunkelräume der Kirche nicht mehr dulden.

Warum kommen in jüngster Zeit überall auf der Welt, in Irland, in den Vereinigten Staaten, nun auch in den deutschsprachigen Ländern immer neue, dabei oft jahrelang zurückliegende Missbrauchshandlungen und Übergriffe katholischer Geistlicher an meist männlichen Schutzbefohlenen ans Tageslicht? Der Zölibat, die Verpflichtung zu Ehelosigkeit und sexueller Enthaltsamkeit, hat die katholischen Pfarrer, Mönche und Amtsträger in allen Jahrhunderten schweren Prüfungen ausgesetzt, denen viele nicht immer standzuhalten vermochten. Damit musste die Kirche in allen Jahrhunderten umgehen, und sie hat dies in immer neuen Formen getan.

In der kirchlichen Sündentaxonomie stehen Laster wie der "Hochmut" oder Verbrechen wie der Hostienraub an weit höherer Stelle als die "Wollust".

(Foto: Foto: oH)

In sogenannten "Verfallszeiten" beispielsweise vor den monastischen Reformbewegungen des 10. und 11. Jahrhunderts waren Priester-Konkubinate auf dem flachen Lande allgegenwärtig, bis dann ein strengerer Geist dagegen einschritt. Homosexualität in den monastischen Männer-Orden war ein Dauerthema der Kirchenaufsicht, bis zu den gespenstischen Vorgängen beim Verbot der Templer zu Beginn des 14. Jahrhunderts, bei dem widernatürliche Unzucht neben anderen schweren Vorwürfen eine Begründung bot, um den mächtigen, schwerreichen Ritterorden aufzulösen und zu enteignen.

Die volkssprachige Literatur des Hochmittelalters kennt ein eigenes satirisches Genre, den dialogischen Wettstreit zwischen Rittern und Priestern über die Frage, wer besser beim Liebesakt sei. Noch Boccaccios Novellistik zehrt davon. Dass die Stadt Rom in der Hochrenaissance der Ort Europas war, in dem ein sonst nirgendwo gekanntes Ausmaß öffentlich sichtbarer Prostitution, weiblicher wie männlicher, herrschte, ist gut dokumentiert und wurde allgemein als Folge der Anwesenheit Tausender zölibatärer Männer im Zentrum der Kirche verstanden.

Als diese Kirche jüngst auf Geheiß von Kardinal Ratzinger die Archive ihrer inneren Gerichtsbarkeit, der Inquisition, zu öffnen begann, kam - für Kenner kaum überraschend - heraus, dass ein großer Teil der Akten nicht Prozesse zur Unterdrückung von Ketzereien, Aberglauben oder aufklärerischer Wissenschaft dokumentierte, sondern mit sexuellen Übergriffen und Verfehlungen von Geistlichen zu tun hatte; diese musste die durch den Protestantismus in eine scharfe Sittlichkeitskonkurrenz geratene Kirche in der Barockzeit schärfer ahnden als früher. War doch Luthers Ablehnung der priesterlichen Ehelosigkeit nicht nur biblisch-theologisch begründet - die heiligen Schriften zeigten ihm keine Grundlage dafür -, sondern aus der ganz aktuellen Wahrnehmung einer moralischen Verwilderung im Umgang mit dem nicht lebbaren Gebot zum Triebverzicht. Dann lieber eine ordentliche Ehe im Pfarrhaus mit Kindern und Hausmusik.

Rechtsgeschichtlich ist bei Betrachtung dieser im Alltag durchaus grauen und unprickelnden Sittengeschichte zu beachten, dass die katholische Kirche über Jahrhunderte in allen europäischen Ländern eine eigene Gerichtsbarkeit besaß, die über innerkirchliche, dogmatische oder disziplinarische Angelegenheiten hinausging und auch das Strafrecht betraf. So übte sich die Kirche darin, Verfehlungen aller Art in ihrem Inneren zu untersuchen, zu verfolgen und abzuurteilen. In Zeiten oft barbarischer Folterjustiz und öffentlicher Zurschaustellung von Delinquenten war diese innerkirchliche Justiz im Durchschnitt weit berechenbarer und humaner als die weltlicher Obrigkeiten.

Lesen Sie weiter auf Seite 2, warum die katholische Kirche nun ein doppeltes Problem hat.

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