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Kirche und Literatur:Atheismus als Gottesbeweis

Martin Walser

Martin Walser, der Großschriftsteller, traf jetzt im Literaturhaus München den Kardinal.

(Foto: Patrick Seeger/dpa)

Wie der Schrifsteller Martin Walser mit Kardinal Marx diskutiert.

Von Matthias Drobinski

Den schwarzen Hut legt er auf den Tisch. Aus der grünen Stofftasche pult er das zerfledderte Buch, er hat ihm einen eigenen Einband verpasst, rot. Den hätte er gewollt, sagt er, aber die vom Verlag habe sich für grau entschieden. Martin Walser ist jetzt 88 Jahre alt, die Schritte zum Pult können das nicht leugnen, doch dann steht er da, straff, und die mächtigen grauen Augenbrauen sträuben sich beeindruckend. Unten, in der ersten Reihe, sitzt Reinhard Marx, der Münchner Kardinal, und legt konzentriert den Kopf schief.

Der Großschriftsteller trifft im Literaturhaus München den Kardinal. Das ist der Höhepunkt eines ehrgeizigen Projektes: Die katholische Bischofskonferenz lädt Literaten zum Gespräch. Äußerer Anlass ist, dass die Pastoralkonstitution "Gaudium et Spes" 50 Jahre alt wird, in der die Kirche verkündete, dass die "Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute" auch ihre Sache sei. Der Grund ist aber auch die Erkenntnis, dass man da den Faden wieder suchen müsse. "Absichtslos" solle die Reihe sein, betont Erich Garhammer, der Pastoraltheologe aus Würzburg, man wolle niemanden vereinnahmen. Die Reihe geht bis Mitte Mai, unter anderem kommen Sybille Lewitscharoff, Navid Kermani, Arnold Stadler, Christoph Ransmayr und diesmal eben Walser.

Der liest an diesem Abend aus seinem 2011 erschienenen Roman "Muttersohn", der ein wildes Spiel treibt mit dem Glauben: Der Krankenpfleger Percy, zu dessen Zeugung kein Vater nötig war, verbindet jesusgleich die Schönheit, den Glauben und die Prophetenrede. Einer seiner Gegenüber ist Augustin Feinlein, der Leiter der psychiatrischen Klinik, bedürftig nach Erlösung und Erfüllung. Walser liest das großartig: Hier der Naivling, der weiß, dass er geleitet ist, dort der ewig Suchende.

Die Diskussion, die folgt, geht so: Die Moderatorin und der Kardinal geben sich Mühe, was Walser mal mit Wohlwollen belohnt, mal abtropfen lässt. Der größte Gottesbeweis seien ihm die Fernsehdiskussionen mit den angestrengten Atheisten, sagt er; mit einer Kirche aber könne er wenig anfangen. Bis Luther sei das Christentum eine große Erzählung gewesen, "danach Diskussion". Da widerspricht Kardinal Marx: "Das kann man über Karl Barth nicht sagen". Ach, der Barth, antwortet Walser, der habe halt am Ende "Jesus gut gebrauchen können". Marx will über Religion in Grenzsituationen reden und er zählt von der Palliativstation - das kommt Martin Walser gerade recht: "Ich möchte nicht in der Palliativstation spirituell werden".

Die Kirchen müssten mehr zeigen, "was Europa durch sie an religiösen Schönheitsleistungen erhalten hat," sagt er. Und dann sagt er noch: "Wir glauben mehr, als wir wissen". Kardinal und Publikum danken.

© SZ vom 27.04.2015
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