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Kinostarts der Woche:Welche Kinofilme sich lohnen und welche nicht

Die Achtzigerjahre-Geschichten von "Radio Heimat" sind nicht mehr als hektische Sketchserien. Und Ewan McGregors Regiedebüt zeigt ein herzzerreißendes Schicksal. Die Kinostarts der Woche.

Von den SZ-Filmkritikern

1 / 12

Amerikanisches Idyll

Kinostart - 'Amerikanisches Idyll'

Quelle: Lakeshore Entertainment/dpa

Merry heißt das eher unglückliche Töchterchen des braven jungen Fabrikanten Levov, ein armes reiches Mädchen - es stottert, das macht den Vater ihm gegenüber schrecklich fürsorglich. Ein Film nach dem Erfolgsroman von Philip Roth, über eine Gesellschaft, die zu zersplittern anfängt, in den Jahren von Vietnamprotest und Bürgerrechtsbewegung. Auch Merry radikalisiert sich, verschwindet aus der elterlichen Idylle. Hat sie eine Bombe im Postamt placiert? Ewan McGregor, der den Vater spielt, mit streng gezogenem Scheitel, hat auch erstmals Regie geführt, sehr überprotektiv dem Roman gegenüber. Das Schicksal der Tochter ist herzzerreißend.

Fritz Göttler

2 / 12

Continuity

Kinofilm "Continuity" von Omer Fast

Quelle: Filmgalerie 451

In Omer Fasts Filmexperiment kommt ein Sohn nach einem Bundeswehreinsatz in Afghanistan zu Mutter und Vater (André Hennicke) in der deutschen Provinz zurück. Das alles in verschiedenen Variationen, die ein traumatisches Urereignis wiederholen, von dem man nicht weiß, wo es stattgefunden hat, hier oder anderswo, in Deutschland oder am Hindukusch: eine perfekte Balance, in der das Unheimliche lauert.

Philipp Stadelmaier

3 / 12

Dirty Cops

Kinofilm "Dirty Cops" von John Michael McDonagh

Quelle: 2016 Constantin Film Verleih GmbH

Vielleicht war es in Zeiten grassierender Polizeigewalt nicht die allerbeste Idee, eine coole Sprücheklopfer-Komödie über zwei nonchalant brutale und völlig korrupte Cops in New Mexico zu drehen. So wird dieser irre Film mit Alexander Skarsgard und Michael Pena vermutlich untergehen. Dabei erzeugt der britische Autorenfilmer John Michael McDonagh ein schönes Seventies-Gefühl und ist außerdem ein Genie der gehobenen Schwachsinnsdialoge. Er klingt wie ein AHDS-Tarantino, dem das Tarantino-Sein alle paar Sekunden zu langweilig wird.

Tobias Kniebe

4 / 12

Egon Schiele

Kinofilm "Egon Schiele" von Dieter Berner

Quelle: Alamode Film

Verblüffend und schön, dass dieses Künstlerportrait nicht auf das Naheliegende setzt, also auf Skandal und Provokation der Kunst Egon Schieles, sondern den Frauen/Musen gewidmet ist, die das Aufleuchten seiner Malerei ermöglichten. Dieter Berner umgibt Schiele mit faszinierenden Frauengestalten (Maresi Riegner, Valerie Pachner) und lässt den jugendlichen Bohème-Zauber gegen die düsteren Schicksalsmomente hervortreten.

Rainer Gansera

5 / 12

Jeder stirbt für sich allein

Kinostart - 'Jeder stirbt für sich allein'

Quelle: dpa

Trotz Starbesetzung (Brendan Gleeson, Emma Thompson) vorhersehbar wie Schultheater: die Geschichte des Berliner Arbeiterehepaars, das 1940 Anti-Hitler-Parolen in Umlauf bringt. Was Hans Falladas Roman packend erzählt, versickert unter der Regie von Vincent Pérez in einem Figurenpanoptikum, das von den braven Leuten über die ambivalenten Karrieristen bis zu den Brüll-Nazi die Nazizeitfilm-Standardaufstellung präsentiert.

Rainer Gansera

6 / 12

Paterson

Kinostart - 'Paterson'

Quelle: dpa

Ein Roadmovie der ungewöhnlichen Art, seine Straßen sind die der kleinen amerikanischen Stadt Paterson, auf denen Adam Driver herumkurvt als Busfahrer gleichen Namens. Man schaut ihm gern beim Fahren zu und beim Schreiben von Gedichten. Abends lässt er seine Frau daheim und geht mit dem Hund Gassi. So amerikanisch idyllisch traut sich nur noch Jim Jarmusch heute zu filmen, eine Realität, die mit der Trumpworld nichts zu tun hat. Das Gassigehen endet übrigens gern im nahen Pub.

Fritz Göttler

7 / 12

Phantastische Tierwesen

Kinostart - 'Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind'

Quelle: dpa

Keine schlechte Zeit für ein bisschen Eskapismus? In ihrem Drehbuchdebüt beweist sich J.K. Rowling einmal mehr als herrlich einfallsreiche Fantasy-Fabulierkünstlerin. Das erste von fünf Spinoffs der Potter-Filmreihe spielt in derselben magischen Welt, nutzt aber ein Detail der Originalbücher als Tor in eine neue Geschichte und Zeit: Newt Scamander (Eddie Redmayne) bringt mit seinen Tierwesen im New York der 20er einiges durcheinander. Diesmal sind die Figuren erwachsener, aber nicht minder liebenswert.

Annett Scheffel

8 / 12

Radio Heimat

Kinostart - 'Radio Heimat'

Quelle: dpa

Verschwitzte Kussversuche im Partykeller, Pommesbuden-Blues und Schrebergartenweisheiten. Die Teenager-Geschichten des Schriftstellers Frank Goosen über die Achtzigerjahre im Ruhrpott sind wunderbares Kinomaterial, was in der Adaption von Matthias Kutschmann aber oft untergeht, weil er seine Adaption als hektische Sketchserie inszeniert, die so schnell von Szene zu Szene springt, als würde sie ihrem eigenen Humor nicht trauen.

David Steinitz

9 / 12

Die Reise mit Vater

Kinofilm "Die Reise mit Vater" von Anca Lazarescu

Quelle: Movienet Film

In den Wirren des Pragers Frühlings schickt Anca Miruna Lazarescu in ihrem Film "Die Reise mit Vater" zwei Söhne mit ihrem, richtig geraten, Vater von Rumänien nach Westdeutschland, wo sie ausgerechnet in einer linken WG stranden. Ein beherzter Roadtrip in die gar nicht so vergangene Vergangenheit, der vom "Ostblock" in den Westen führt, wo sich der wirkliche und der ausgedachte Sozialismus begegnen.

Juliane Liebert

10 / 12

Les sauteurs

Les Sauteurs

Quelle: BErlinale

Die Filmemacher Moritz Siebert und Estephan Wagner gaben einem Flüchtling eine Kamera: Der Malier Abou Bakar Sidibé hatte schon 14 Monate in einem provisorischen Camp bei der spanischen Exklave Melilla verbracht und mehrmals versucht, den dortigen Grenzzaun zu überklettern, als er begann, seinen Alltag zu filmen. Entstanden ist ein einmaliges Dokument: nicht nur über das Leben, die Träume und Ängste von Migranten, sondern auch davon, wie Sidibé das Medium Film für sich entdeckt.

Martina Knoben

11 / 12

Ungesagt

Kinofilm "Ungesagt" von Claudia Boysen

Quelle: Michael Gautsch

Das Schlachtfeld Liebe liegt diesmal auf La Palma. Zwei junge Frauen fahren dorthin in Urlaub, die eine ist verliebt in die andere, die aber will nur Freundschaft. Oder vielleicht doch ein bisschen Sex? Claudia Boysens Protagonistinnen kreisen umeinander und um die Themen Schmerz und Begehren. Das macht zwar den Film manchmal beschwerlich, führt aber die Frauen letztlich zu mehr Selbstbestimmung.

Doris Kuhn

12 / 12

Wir sind Juden aus Breslau

Kinofilm "Wir sind Juden aus Breslau"

Quelle: Karin Kaper Film GbR

Jerusalem, New York, Côte d'Azur: Die wenigen noch lebenden jüdischen Männer und Frauen, die vor dem Weltkrieg in Breslau aufwuchsen und später von dort vertrieben oder deportiert wurden, hat es in alle Welt verstreut. Die Filmemacher Karin Kaper und Dirk Szuszies suchen diese Zeitzeugen auf - auch der kürzlich verstorbene Fritz Stern ist noch darunter - und fangen erinnerungswürdige Geschichten von Hass und Isolation, Rettung und Neuanfang ein, die sich allerdings nicht recht zu einem filmischen Ganzen zusammenfügen.

Jonathan Horstmann

© SZ vom 17.10.2016/efri

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