Kinostarts der Woche:Welche Filme sich lohnen - und welche nicht

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Dominik Graf zeigt, wie brandaktuell Erich Kästners "Fabian" noch ist, die Eberhofer-Reihe geht in die siebte Runde - und alle weiteren Starts der Woche in Kurzrezensionen.

Von den SZ-Kritikern

Abseits des Lebens

Doris Kuhn: Edee, nach dem plötzlichen Tod von Mann und Kind nicht mehr fähig, unter Menschen zu leben, zieht sich zurück in die hohen Berge, nur mit Schmerz und Eigensinn ausgerüstet. Damit kommt man nicht durch den Winter, also erfriert sie - beinahe. Ein Jäger findet sie, rettet sie, bringt ihr das Überleben bei. Robin Wrights erste lange Regiearbeit, in der sie selbst die Rolle der Edee übernommen hat, zeigt grandiose Natur in bunten Bildern. Der Film ist fast zu schön, um genug Mitgefühl für die Trauerarbeit seiner Hauptfigur zu wecken.

Be Natural - Sei du selbst: Die Filmpionierin Alice Guy-Blaché

Philipp Stadelmaier: Pamela B. Green porträtiert die frühe Filmpionierin Alice Guy-Blaché, die in Frankreich und den USA ein umfangreiches Werk geschaffen hat, sogar ihr eigenes Studio gründete. In einer von Männern dominierten und geschriebenen Filmgeschichte wurde ihre Bedeutung lange unterschlagen. Ein wichtiger, wenngleich an Informationen, Bildern und Animationen etwas überladener Film mit Jodie Foster als Erzählerin, in dem alle Archive auf einmal geöffnet, alle Lücken auf einmal gefüllt werden sollen.

Fabian oder Der Gang vor die Hunde

Kathleen Hildebrand: Dominik Graf hat Erich Kästners Roman über einen moralischen jungen Mann in der späten Weimarer Republik neu verfilmt. Und wie! Als Berlin-Gemälde, in dem die Zeitebenen durchscheinend sind, modern, ohne auf Aktualität gebürstet zu sein, und mit grandiosen Schauspielern: Tom Schilling spielt Fabian, Saskia Rosendahl seine große Liebe Cornelia und Albrecht Schuch den tragischen besten Freund Labude. Ein fast drei Stunden langes und doch sommerleichtes Meisterwerk.

Kaiserschmarrndrama

Fritz Göttler: Die Farbe der Kacheln in der Sauna ist gefragt, welches Weiß sollen sie haben? Susi kann sich nicht entscheiden und ihrem Franz scheint das alles ganz egal zu sein. Dann kommt die Nachricht von der ermordeten Joggerin, die im Internet dralle Sachen machte. Sebastian Bezzel ist Franz, der Eberhofer Franz, Dorfpolizist zum siebten Mal, im neuen Film der erfolgreichen Serie nach den Kriminalromanen von Rita Falk. Bezzel trägt diese Filme mit seinem Bavarian Cool, einer sagenhaften Mischung aus Frotzelei, Resignation und Tristesse. Ed Herzog lässt alle anderen dem Franz ziemlich auf die Pelle rücken, den Kollegen Birkenberger und den Bruder - der hat mit Susi einen Neubau begonnen neben dem Bauernhof, und: eine Gemeinschaftssauna.

Kultourhelden - Vom Ende einer Ära

Anna Steinbauer: Im Steinbruch, auf dem Schiff oder in der örtlichen Mehrzweckhalle - Wolfram Hannemanns Doku begleitet zwei Wanderkino-Veranstalter auf ihrer wichtigen Mission, ein bisschen Kultur in die baden-württembergische Provinz zu bringen. Was passiert, wenn niemand mehr ihre Nachfolge antreten will? Unaufgeregt gibt der Film einen Eindruck von der Magie und Kraft des Kinos als Gemeinschaftserlebnis, und erzählt vom Wandel der Kinolandschaft durch die Digitalisierung.

Das letzte Land

Nicolas Freund: Science-Fiction, als wäre es 1977: Ein kleines Team um Regisseur Marcel Barion hat fast zehn Jahre an diesem Selfmade-Film gearbeitet, Raumschiffmodelle in groß und klein gebaut, Miniaturlandschaften aus Styropor erschaffen. Das Ergebnis sieht in den besten Momenten wirklich so zeitlos gut aus wie die alten Versionen von "Solaris" oder "Alien". Nur scheinen die Filmemacher keine Idee gehabt zu haben, was sie mit ihrer aufwendigen Kulisse anfangen sollen. Die Geschichte um zwei Raumfahrer auf der Flucht wirkt unfertig und austauschbar, die Dialoge sind sperrig, der Plot führt ins Nirgendwo. Die tollen Bilder entschuldigen manches, machen aber auch deutlich, welche Chance hier verschenkt wurde.

Look Me Over - Liberace

Philipp Stadelmaier: Schöne Dokumentation von Jeremy J. P. Fekete über den legendären Entertainer Liberace. Von seinen Anfängen in den Fünfzigern, seiner Karriere in Las Vegas, seinem Verhältnis zu seiner Mutter und diversen Protegés bis zu seinem Tod an Aids. Die Erzählungen alter Weggefährten berühren, während Glamour, Opulenz und Narzissmus sich als Schutzschild eines homosexuellen Künstlers und Eingang in ein schillerndes One-Man-Museum erweisen.

Die perfekte Ehefrau

Anke Sterneborg: "Klitoris? So was hab' ich nicht!", behauptet eins der Mädchen im Haushaltserziehungs-Internat, in dem Madame Van der Beck (Juliette Binoche) zusammen mit einer Nonne (Noémie Lvovsky) und einer alten Jungfer (Yolande Moreau) Fächer wie Körperhygiene, Kochkunst, Handarbeit und Sittlichkeit unterrichtet. Doch unter der Regie von Martin Provost, der in "Séraphine" und "Violette" schon leuchtender von weiblicher Selbstermächtigung erzählt hat, wird die strenge Elsässer Provinzidylle zunehmend komödiantisch aufgemischt, vom Pariser Aufruhr des Summer of Love. Das ist zwar bisweilen arg plakativ geraten, aber trotzdem hübsch anzusehen, wie Juliette Binoche dem Korsett der Regeln entsteigt und quasi sie selber wird, eine sinnliche, eigensinnige, selbstbewusste Frau, die junge Mädchen in die neue Freiheit führt.

Quo vadis, Aida?

Annett Scheffel: "Europa, Bosnien - Juli 1995" steht am Anfang unter den Bildern heranrollender Panzer. Der Film erzählt von den Gräueltaten, die sich damals mitten in Europa ereigneten. Truppen der serbischen Republik und Paramilitärs unter der Führung von Ratko Mladić ermordeten in Srebrenica mehr als 8000 meist männliche Zivilisten, die sie in Massengräber verscharrten. Der hochpolitische, bildstarke Film von Regisseurin und Drehbuchautorin Jasmila Žbanić, in diesem Jahr für einen Oscar nominiert, zieht einen sofort mitten hinein - anhand des Schicksals der Übersetzerin Aida (Jasna Đuričić). Die ist bei den UN-Truppen in Sicherheit und kämpft verzweifelt darum, ihren Mann und ihre Söhne vor den Mördern zu retten.

Reset

Fritz Göttler: Deep Diving fühlt sich gut an, sagt der junge Davide Carrera - weil man spürt, dass man verletzlich ist, ein kleiner Tropfen. Er taucht allein vor Tahiti, hat ein magisches Rendezvous mit einem Wal. Andere Extremsportler, denen Thierry Donard in seinem neuen Film folgt: zwei Neuseeländer beim Drachenfliegen am Mont Blanc, immer haarscharf an den zackigen Felskanten vorbei, zwei Norweger, die auf Kurzskiern oder dem Snowboard fast vertikale Schnee-Couloirs runterzischen, drei Jungs und ein Mädchen, die Foil Surfing betreiben, auf Brettern mit einer Hydraulik, die sie elegant über die Wasseroberfläche hebt. "Reset" heißt der Film, neu starten, etwas ganz anderes probieren, sich fordern. Die Aufnahmen sind mitreißend, tempoverliebt, waghalsig, lebensgefährlich. Ein uralter Traum: das Leben in einer fortwährenden Schwebe, ohne Berührung der Oberfläche. Durch den Lockdown, der auch das Filmen betraf, hat das eine neue Dimension bekommen.

The Suicide Squad

Juliane Liebert: Dieses Spektakel ist laut seinem Regisseur James Gunn ein Kriegsfilm. Ein Team von inhaftierten Superschurken mit teilweise eher obskuren Fähigkeiten (Punkte schießen) soll eine geheime Regierungsmission ausführen - als Belohnung ruft die Freiheit. Dabei schafft es vor allem Margot Robbie als Harley Quinn, ihre Figur auf erstaunliche Art und Weise weiterzuentwickeln. Sonst gibt es viel Blut und ein eigentlich recht süßes Alienmonster in Seesternform. Was will man mehr?

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