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Kinostart:Schlaraffenland dank Sklavenhand

Film Downton Abbey

Große Zeiten: Die Kinoversion der Hitserie "Downton Abbey" schwelgt in der britischen Vergangenheit.

(Foto: Liam Daniel)

Die Kinoversion der erfolgreichen TV-Serie "Downton Abbey" übertreibt es mit der Glorifizierung der britischen Vergangenheit.

Von Susan Vahabzadeh

Die meisten Menschen fangen hektisch mit Aufräumen an, wenn sie nur ein paar alte Freunde erwarten, die sie selbst eingeladen haben. Was muss dagegen eine unerbetene Heimsuchung durch das Staatsoberhaupt sein? Die Ausgangslage in "Downton Abbey", dem Film zur Fernsehserie, ist königlich verfahren, so, wie es sich das gewöhnliche Fußvolk gar nicht vorstellen kann.

Ein Brief flattert auf das Butler-Tablett in Downton Abbey. Seine Majestät der König droht sein Kommen an, auf der Durchreise. Der Besuch ist, des Aufwands wegen, für alle Beteiligten ein zweifelhaftes Vergnügen. Aber das Personal legt mit den Vorbereitungen los, als würde es auch umsonst den Teppich ausrollen für King George V. Aber schon bald ziehen erste Gewitterwolken auf - eine Abordnung aus London trifft ein. Der Butler des Königs, wie sich bald herausstellen wird, einer von mehreren Butlern, nimmt den Landsitz in Augenschein. Sogar die Auswahl des Tafelsilbers soll ferngesteuert werden. Grantham-Butler Barrow gibt sich zu kooperativ, weswegen Lady Mary (Michelle Dockery) den im Ruhestand befindlichen Carson (Jim Carter) reaktiviert, um den Besuch vorzubereiten.

Ach, es gibt ein ganzes Geflecht von Intrigen, das diesen Besuch begleitet: Violet (Maggie Smith), die Gräfinwitwe, findet, ihr Sohn, der Earl of Grantham (Hugh Bonneville), würde um sein Erbe betrogen. Seine Cousine, Lady Bagshaw (Imelda Staunton) ist die Hofdame der Königin und hat, obwohl sie selbst keine Kinder hat, irgendjemand anders in ihrem Testament bedacht. Grantham-Schwiegersohn Branson (Alan Leech) ist kürzlich erst vom freiheitsliebenden Iren zum Mitglied der britischen Elite mutiert und deswegen dem Geheimdienst suspekt. Und Carson und seine Crew unter Deck arbeiten an der Meuterei: Die feindliche Übernahme des Haushalts durch ein königliches Team nebst Koch und Zofe geht ihnen gegen die Ehre. Also sabotieren sie die unerwünschten Gäste im Personaltrakt nach Kräften.

Die von Julian Fellowes ersonnene und geschriebene Serie "Downton Abbey" war von 2010 bis 2015 ein solcher Schlager, dass es kein Wunder ist, dass Fellowes jetzt noch einmal im Kino abräumen will - obwohl er inzwischen Lord Fellowes of West Stafford heißt und nebenberuflich für die Konservativen im Oberhaus sitzt. Vielleicht hatte er deswegen nicht so viel Zeit fürs Drehbuch. Jede Wendung in diesem Film wirkt zäh, jeder Empfang wirkt wie eine weitere konstruierte Entschuldigung, ein paar neue Kostüme vorzuführen. "Downton Abbey", von Michael Engler ohne große cineastische Verrenkungen inszeniert, ist im Ergebnis tatsächlich nur etwas für hartgesottene Fans der Serie.

Viele wollten lieber in der Fabrik schuften, als sich für Hungerlöhne im Haushalt ausbeuten zu lassen

Das liegt nicht an den Schauspielern, vielleicht nicht einmal am Regisseur. Aber dem ganzen Unternehmen fehlt das Augenzwinkern, das die Vergangenheit aus gebührendem Abstand meist verdient. Dem Werk von Julian Fellowes, der vor "Downton Abbey" unter anderem "Gosford Park" für Robert Altman geschrieben hat, ist über die Jahre irgendwie die Ironie abhandengekommen. Inzwischen erzählt er von den Crawley-Granthams und ihren hingebungsvollen, sie vor allem Unbill beschützenden Domestiken, als wäre das alles sein voller Ernst.

Fellowes, der als Schriftsteller gerne die literarische Nachfolge von Evelyn Waugh angetreten hätte, hatte in Romanen wie "Snobs" und "Past Imperfect" noch eine gesunde Skepsis gegenüber seinen Upper-Class Helden. "In "Gosford Park" traf die britische Oberklasse auf amerikanische Reisende und einen tumben Inspektor, und es bröckelten die Fassaden. Damals hat man gern zwei Stunden lang Mäuschen gespielt, aber es haftete dem Film kein Quäntchen falsche Nostalgie an. "Downton Abbey" aber steigert sich in die Sehnsucht nach einer Epoche hinein, die es so nie gegeben hat. Selbst der Guardian will darin ein Stück "Sozialgeschichte" sehen. Kann es sein, dass Teile der britischen Bevölkerung auf einen Schwindel der Unterhaltungsindustrie hereingefallen sind, der spätestens mit "Das Haus am Eaton Place" in den Siebzigern begann, und inzwischen glauben, einer wie Jacob Rees-Mogg, Boris Johnsons Lord President of the Council, wäre der richtige Mann, um für die Entrechteten zu kämpfen?

Obwohl dem Mann die Arroganz aus jeder seiner betont langsam hervorgehauchte Silben trieft? Rees-Mogg wäre wahrscheinlich als Herrscher über Downton Abbey glaubwürdiger als das Fabelwesen von Earl, das sich Fellowes ausgedacht hat. Schon in der Serie hat er es bei Lord Grantham mit der Loyalität gegenüber dem Personal deutlich übertrieben, im Film aber treibt er den Unfug so auf die Spitze, dass Hugh Bonneville in den Kulissen herumirrt, als könne er selbst kaum fassen, was er da spielt.

Mal im Ernst: Die Geschichte von Dienstboten und Adel, die zusammenhielten wie Pech und Schwefel und eine gemeinsame Ehre verteidigten, ist inzwischen nicht mal mehr als Legende so richtig gut. In Wirklichkeit lagen das Empire und der dazugehörige Lebensstil zu der Zeit, in der der "Downton Abbey"-Film spielt, schon ziemlich lange in den letzten Zügen. Es wurde immer schwieriger, Haushalte mit so viel Aufwand zu führen, wie ihn die Upper Class gewohnt war - weil das Personal davonlief. Zu viele wollten immer noch lieber in den Fabriken schuften, als sich für Hungerlöhne im Haushalt ausbeuten zu lassen, denn in den Fabriken läutete wenigstens irgendwann eine Sirene den Feierabend ein.

Schon Anfang der Zwanzigerjahre hatte es erste Versuche gegeben, Frauen zurück in die Dienstmädchenwelt zu treiben, indem man versuchte, ihnen den Zugang zum damals bereits eingeführten Arbeitslosengeld wegzunehmen. Wenige Jahre später kamen die ersten jüdischen Flüchtlinge in Großbritannien an. 20 000 Frauen unter ihnen, die Episode gehört nicht gerade zu den besonders beliebten in der britischen Geschichte, bekamen die Genehmigung zur Einreise nur unter der Auflage, sich für mehrere Jahre zu verpflichten, als Dienstmädchen in einem Haushalt zu leben.

Natürlich ist der Film irgendwie schön anzusehen, und Violet, die Gräfinwitwe, ist herrlich bissig wie immer. Ein Film, in dem eine Schar unterbezahlter Dienstboten wie Haussklaven von morgens um sechs bis kurz vor Mitternacht ein blitzblank geputztes Schlaraffenland für Leute herstellt, die in ihre Vormachtstellung hineingeboren sind, wäre eine realistischere Darstellung der Verhältnisse. Aber die Wirklichkeit war zugegebenermaßen noch nie besonders amüsant.

Downton Abbey, Großbritannien 2019 - Regie: Michael Engler. Buch: Julian Fellowes. Kamera: Ben Smithard. Schnitt: Mark Day. Musik: John Lunn. Mit: Hugh Bonneville, Jim Carter, Michelle Dockery, Elizabeth McGovern, Imelda Staunton, Adam Leech. Universal, 122 Minuten.

© SZ vom 20.09.2019
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