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Kinopremiere:"Ich will nicht neutral sein"

In zahlreichen Dokumentarfilmen beschäftigt sich Bertram Verhaag mit den Folgen der Gentechnik

Wenn es nach den Tieren ginge, wäre die Sache längst klar: Er habe seine Kühe auf die Probe gestellt, erzählt ein Biobauer aus dem US-Bundesstaat Iowa vor laufender Kamera, auf der einen Seite sei ein Haufen mit gentechnisch verändertem Futter gelegen, auf der anderen Seite natürliches, unbehandeltes Futter. Optisch erkenne man keinen Unterschied, sein Vieh habe sich jedoch eindeutig für einen Haufen entschieden, an dem mit dem Genfutter hätten sie nur geschnuppert. "Wenn man ihnen also die Wahl lässt, meiden sie es", sagt der Farmer. Bekanntermaßen geht es auf dieser Welt aber nicht nach den Tieren, sie können nicht wählen - mit dem Resultat, dass Gentechnik in der Landwirtschaft unübersehbare Spuren hinterlassen hat, mit vergifteten Böden, resistentem Superunkraut oder krankem Vieh. Die Menschen wissen das, immer wieder wird vor den Konsequenzen gewarnt. Geändert hat sich aber kaum etwas, internationale Konzerne wie Monsanto, Syngenta oder Bayer spielen ihre Macht aus, sie geben Unbedenklichkeitsstudien in Auftrag, prozessieren und diktieren der Politik ihre Bedingungen.

Wenn Bertram Verhaag davon erzählt, wird er wütend, dabei ist auch für ihn das Thema nichts Neues. Im Gegenteil: Seit 1991 beschäftigt sich der Münchner Dokumentarfilmregisseur mit den Auswirkungen der Gentechnik, kaum ein anderer Filmemacher hat so viele Filme darüber gemacht. Im Laufe der Jahre sind es neun Dokus geworden, die zehnte lief erst vor kurzem auf dem Münchner Dok-Fest. Diesen Donnerstag startet "Code Of Survival" regulär im Kino.

Verhaag ist 73 Jahre alt, hat an der Münchner Hochschule für Fernsehen und Film (HFF) studiert und im Laufe der Jahre hundertvierzig Filme gemacht. Er ist Überzeugungstäter und hemmungslos parteiisch, das streitet er auch nicht ab: "Ich will nicht neutral sein, ich bin ja so wie alle anderen von der Gentechnik betroffen", sagt er an einem Frühlingstag in seinem Schwabinger Büro. Auf dem Schreibtisch stapeln sich Bücher und DVDs, seine Mitarbeiterinnen sitzen in Sichtweite an ihren Computern, hin und wieder trabt Bürohund Seppi vorbei. "Ich wurde auch als Aktivist bezeichnet", erzählt er, in Fernsehredaktionen macht man sich damit verdächtig. In den Achtzigerjahren drehte er fünf Filme über die geplante Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf, beim Bayerischen Rundfunk wurde er damit für viele Jahre zur Persona non grata. "Wir haben damals sogenannte Bausteine verkauft, für 250 Mark, damit finanzierten wir dann den nächsten Film", erzählt er. Eine Art Crowdfunding also, lange bevor es diesen Begriff überhaupt gab.

Auch der neue Film ist ohne TV-Beteiligung entstanden, dafür gab es Gelder von der Filmförderung, auch aus Bayern. Aus cineastischer Sicht sind seine Filme eher konventionell, ohne Schnitt- und Kameraexperimente, dafür mit Experten, die vor der Kamera ihre Sicht der Dinge erläutern. Verhaag geht es darum, die Zuschauer aufzurütteln und zu informieren, so auch bei seinem neuen Film: "Die Geschichte vom Ende der Gentechnik" steht auf dem Plakat. Niemand geht gerne ins Kino, um sich nur von der Schlechtigkeit der Welt erzählen zu lassen, also kombiniert er seine beiden Lieblingsthemen Gentechnik und nachhaltige Landwirtschaft, zeigt amerikanische Agrarwüsten und blühende Landschaften in Indien oder Ägypten.

Bei Diskussionsrunden im Kino werde er immer wieder gefragt, was man konkret machen könne, erzählt er - also fragt er bei seinen Protagonisten nach. Jane Goodall etwa gibt sich hoffnungsvoll, man müsse mit der Natur zusammenarbeiten, nicht gegen sie, sagt sie im Film. Die berühmte Primatologin ist eine gefragte Gesprächspartnerin, auch für Münchner Filmemacher, so trat sie im Jahr 2010 in Lorenz Knauers Kinodoku "Jane's Journey" auf oder 2013 in "Unter Menschen" von Christian Rost und Claus Strigel. Letzterer war viele Jahre lang der Kompagnon von Bertram Verhaag, die beiden gründeten in den Siebzigerjahren die Firma Denkmal Film, seit einigen Jahren gehen sie aber getrennte Wege. Jeder verfolge eben seine eigenen Ideen, sagt er dazu knapp. Über Kollegen schlecht zu sprechen käme ihm nicht in den Sinn, über die Kinoerfolge von Dokumentarfilmern wie Erwin Wagenhofer ("We Feed The World"), Markus Imhoof ("More Than Honey") oder Robert Schabus ("Bauer unser") freue er sich: "Das ist doch großartig, das eröffnet den Zuschauern neue Perspektiven." Ohnehin sei gerade eine gute Zeit für Filme über Natur- und Umweltthemen, bestätigt er, so viele Menschen seien daran interessiert, es gebe auch immer mehr eigene Festivals und Preise.

Nur im Fernsehen sei es nach wie vor schwierig, nicht nur für seine Filme. In "Der Bauer und sein Prinz" aus dem Jahr 2014 erzählte er von der ökologischen Farm von Prinz Charles in Südengland, im Kino war der Film ein Achtungserfolg, auch auf DVD lief er gut. Ans Fernsehen verkaufen konnte er ihn aber nicht. Es gibt zu wenig feste Sendetermine, die AG Dok (Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm) kritisiert das seit Jahren: "Die Ignoranz der öffentlich-rechtlichen Hauptprogramme gegenüber dem Dokumentarfilm führt zu seinem schleichenden Verschwinden aus dem öffentlichen Diskurs", beklagte der AG-Dok-Vorstand Thomas Frickel im vergangenen Jahr.

"Ich wurde auch als Aktivist bezeichnet": Bertram Verhaag, hier bei den Dreharbeiten zu "Code Of Survival", ist ein kompromissloser Dokumentarfilmer.

(Foto: Pandora)

Verhaag macht trotzdem weiter, auch wenn zunächst einmal keine weiteren Filme über Gentechnik geplant sind. In den kommenden Wochen und Monaten geht er mit "Code Of Survival" auf Kinotour, er hat sich über die Jahre ein Netzwerk aufgebaut, es gebe viele Weggefährten und Förderer. Einige davon tauchen auch in seinen Filmen auf. Gleichzeitig arbeitet er schon am nächsten Film, in dem es um Modelle der Ökolandwirtschaft gehen soll. Dieses Thema ist für ihn eben auch nach mehr als dreißig Jahren immer noch erste Wahl.

Code Of Survival - Die Geschichte vom Ende der Gentechnik, Regie: Bertram Verhaag, Film & Regiegespräch: Do., 1. Juni, 19 Uhr, City-Kino, Sonnenstraße 12, Sa., 3. Juni, 19.30 Uhr, Kinos Münchner Freiheit, Leopoldstraße 82; weitere Kinos und Spielzeiten siehe Programm