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Kinokrise:Bye, bye, Hollywood

Top Gun

Die Rückkehr des Tom Cruise: Paramount verschiebt "Top Gun: Maverick" um ein ganzes Jahr.

(Foto: Paramount Pictures)

Begehrte Blockbuster aus den USA wie "Mulan" und "Top Gun" werden für die hiesigen Kinos so bald nicht verfügbar sein. Liegt die Rettung der Branche in Deutschland?

Von Tobias Kniebe

Wer damit gerechnet hatte, dass das Kinogeschäft bald weitergeht, mit lang erwarteten Hollywood-Produktionen auf den großen Leinwänden, muss in diesen Tagen alle Hoffnung fahren lassen. Am Donnerstag verkündete Disney, dessen Live-Action-Remake von "Mulan" im August die Rückkehr der Blockbuster anführen sollte, eine Verschiebung aller geplanten Kinostarts auf unbestimmte Zeit.

Christopher Nolans "Tenet", Warners Schlüsselfilm für alle Comeback-Strategien, war schon vorher ohne neues Startdatum verlegt worden, jetzt folgt auch Paramount mit niederschmetternden Ansagen: "A Quiet Place Part II", der hoch gehandelte Nachfolger des Horrorhits von 2018, wird erst kommenden April zu sehen sein, und "Top Gun: Maverick", die viel diskutierte Rückkehr von Tom Cruise in den Pilotensitz eines amerikanischen Marinefliegers, wird um ein ganzes Jahr zurückgehalten - bis zum 4. Juli 2021.

Die neuen Corona-Infektionswellen in den USA mögen wie ein lokales Problem aussehen, effektiv aber legen sie das Kinogeschäft weltweit lahm, und ein baldiges Ende ist nicht mehr abzusehen - mit unkalkulierbaren Folgen für Verleiher und Kinobesitzer von Australien bis Zypern.

Die Gefahr einer Corona-Ansteckung im Kino ist geringer als angenommen

In dieser dramatischen Lage wirbt der Hauptverband Deutscher Filmtheater (HDF Kino) mit der wissenschaftlichen Erkenntnis, dass Menschen während eines Kinobesuchs nur einem Bruchteil der Aerosole ausgesetzt sind, die man an einem Büroarbeitsplatz findet. Das Hermann-Rietschel-Institut der Technischen Universität Berlin hat das in einer Atemluftstudie nachgewiesen. "Da bei einem Kinobesuch in der Regel nicht gesprochen wird, während im Büroalltag Gespräche stattfinden, beträgt die eingeatmete Aerosolmenge im Kino unabhängig vom zeitlichen Verlauf gerade einmal 0,3 % gegenüber derjenigen im Büro", heißt es in der Mitteilung des HDF.

Die Schlussfolgerung, dass die Gefahr einer Coronavirus-Ansteckung über Aerosole im Kino geringer ist als bisher angenommen, mündet in einen Appell an Politik und Behörden: "Wir fordern daher, die (...) Abstandsregelung von 1,5 Metern bundesweit zu reduzieren, da offensichtlich ist, dass die Sicherheit unserer Gäste auch mit einem geringeren Abstand in jedem Fall gewährleistet ist", sagt HDF-Chefin Christine Berg. Die bisher geltende Regelung erlaubt laut HDF nur eine Auslastung der Kinos von zwanzig Prozent. "Nur wenn die deutschen Kinos ihre Kapazitäten erhöhen können, wird es verstärkt neue Filme geben. Und nur dann sind die Kinos in der Lage, diese Krise überhaupt zu überleben."

An dem Problem, dass die begehrten Filme aus Hollywood so bald nicht verfügbar sein werden, kann eine höhere Kapazität zwar nichts ändern. Sie könnte aber einen Zustand schaffen, von dem europäische Produzenten und Verleiher eigentlich immer geträumt haben - dass sie einmal, ganz ohne die mächtige Konkurrenz aus den USA, die Markttauglichkeit ihrer Produkte in einem quasi protektionistischen Raum austesten können.

In diesem Sinn hat der Geschäftsführer von Cineplex, Kim Ludolf Koch, schon vor zwei Wochen einen flammenden offenen Brief an die Münchner Constantin Film gerichtet. Die Cineplex-Gruppe betreibt 90 Kinos in 67 deutschen Städten, und sie hätte darin zu gern den Constantin-Film "Kaiserschmarrndrama" gespielt, der eigentlich am 13. August starten sollte. Der siebte Film von Rita Falks Krimi-Reihe um den bayerischen Provinzpolizisten Eberhofer wird von einer eingeschworenen Fangemeinde erwartet, und ganz ohne Hollywood-Alternativen sieht Kim Ludolf Koch sogar deutsches Blockbuster-Potenzial. Ähnliche Hoffnungen verbindet er mit dem Oktoberstart von "Contra", dem neuen Film von Sönke Wortmann mit Christoph Maria Herbst und Nilam Farooq, eine Adaption des französischen Hits "Le Brio" von 2018. Kurzum, die Constantin habe "eine Handvoll hoch attraktiver deutscher Filme", schreibt Koch, "die den Kinos hierzulande mehr denn je helfen würden".

Was aber ist passiert? "Kaiserschmarrndrama" wurde verlegt und hat momentan keinen neuen Starttermin, "Contra" wurde vom Oktober auf den Januar verschoben. Ganz offensichtlich legt es die Constantin nicht darauf an, einen deutschen Sonderweg zu gehen und die Marktführerschaft an sich zu reißen, was für Koch Anlass ist, Constantin-Chef Martin Moszkowicz an seinen berühmten Vorgänger zu erinnern: "Bernd Eichinger hat oft durch seinen Mut Großes für die Branche getan und mit vielen seiner Filme den Glauben an das Kino bestätigt. Bleiben Sie dieser Tradition treu, glauben Sie an Ihre Filme und an das Kino!"

© SZ vom 25.07.2020/bans
Kinosaal Kintopp
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