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"Ein leichtes Mädchen" im Kino:Obenrum frei

Filmstill

Ein Sommer in Cannes auf dem Weg zum Erwachsenwerden: Sofia (Zahia Dehar, links) und ihre Cousine Naïma (Mina Farid).

(Foto: Alamode Film)
  • Die Tragikomödie "Ein leichtes Mädchen" erzählt vom erotisch aufgeladenen Sommer zweier Cousinen in Cannes.
  • Die Regisseurin Rebecca Zlotowski präsentiert den Film als eigenwillige Version des Coming-of-Age-Genres - und spielt dabei mit Vorurteilen.
  • Als eine der Protagonistinnen des Films überzeugt Zahia Dehar, die vor Jahren als minderjährige Sexarbeiterin in der französischen Boulevardpresse von sich Reden machte.

Über das sexuelle Erwachen junger Frauen hat sich in der Filmgeschichte bislang vor allem eine Zielgruppe viele Gedanken gemacht: ältere Männer. Die Liste der erotischen Coming-of-Age-Abenteuer, in denen ein Mädchen seinen Körper entdeckt, während ein Mann im Regiestuhl sitzt und die Kontrolle darüber behält, wie das im Detail auszusehen hat, ist wohl nirgends so lang wie im französischen Kino. Das ist natürlich nicht verboten, im Gegenteil, es macht ja oft sogar großen Spaß, anzuschauen, welche künstlerischen Umwege sich manche Männer zumuten, um in aller Ruhe ein bisschen Haut bewundern zu dürfen. Und der ein oder andere Klassiker ist ja auch dabei herausgekommen, "Belle de jour", "Der letzte Tango in Paris", "Ein mörderischer Sommer", "Blau ist eine warme Farbe" ... Aber die Erzählungen von heranreifenden Mädchen hatten dabei meist eine, wie soll man sagen, eindimensionale Schlüssellochperspektive.

Das dachte sich auch die französische Filmemacherin Rebecca Zlotowski. Die 39-Jährige gehört zu den wichtigsten Regisseurinnen des französischen Autorenkinos. Sie drehte unter anderem das Fantasydrama "Das Geheimnis der zwei Schwestern" mit Natalie Portman und die Romanze "Grand Central" mit Léa Seydoux. Und dieses Jahr stellte sie beim Festival in Cannes in der Reihe Quinzaine des Réalisateurs ihren Film "Une fille facile/Ein leichtes Mädchen" vor - ihre persönliche Variation des Genres Coming of Age.

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Der Titel "Ein leichtes Mädchen" ist wörtlich zu nehmen in dieser Geschichte, wenngleich auch nicht so, wie man sich das zu Beginn mit den ersten Bildern vielleicht vorstellt. Da sieht man aus der Vogelperspektive eine junge Frau mit sehr großen Brüsten im Meer schwimmen, die nichts außer einem sehr knappen Bikini-Tanga trägt, in einem Postkartenidyll von einer Bucht. Ein friedliches Bild, ganz selbstvergessen plätschert sie da vor sich hin. So viel Ruhe, lernen wir bald, hat die 22-jährige Sofia eher selten. Denn sobald sie anderen Menschen begegnet, löst sie mit ihren ultraknappen Kleidchen, den dicken Schmolllippen, die stets ein perfektes O formen, und ihren immer im richtigen Moment lasziv hinters Ohr gestrichenen blonden Haaren eine gewisse Nervosität aus - was sie sichtlich genießt.

Diese pornöse Sexbombenhaftigkeit wollte die Regisseurin besonders eindrucksvoll in den Zuschauerköpfen verankern. Deshalb hat sie Sofia mit einer der bekanntesten Figuren des französischen Boulevards der vergangenen Jahre besetzt: Zahia Dehar gelangte zu gewissem Ruhm, weil sie 2009 als minderjährige Prostituierte mit dem Fußballstar Franck Ribéry und anderen französischen Nationalspielern schlief.

Die kamen aus der Sache gerade noch mit einem blauen Auge heraus, weil die damals 17-Jährige bezeugte, die Männer hätten ihr wahres Alter nicht gewusst und sie habe es ihnen auch nicht gesagt. Es folgte eine Skandalbilderbuchkarriere unter den lechzenden Augen der europäischen Presse, in der sie öffentlichkeitswirksam der Prostitution abschwor, um sich unter anderem der Lingerie-Herstellung widmen zu können. Und sie drehte über ihr bisheriges junges Leben den Dokumentarfilm "Zahia von Z bis A".

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Der Person Zahia Dehar kann man zehn Jahre nach ihrem Bekanntwerden also fast nur durch einen Mount-Everest-hohen Berg an Vorurteilen begegnen. Was sich Rebecca Zlotowski für ihren Film zunutze macht, weil sie in ihr das perfekte "leichte Mädchen" gefunden hat, um mit den Zuschauererwartungen zu spielen. Denn die widerlegt sie natürlich im Lauf des Films, an dessen Ende man beeindruckt festhalten muss: Diese Zahia Dehar ist in der Schauspielerei wirklich gut aufgehoben.

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Dass man auf dem Weg zu dieser Erkenntnis überhaupt mitgeht, löst die Regisseurin über einen kleinen Trick. Denn die Protagonistin des Films, durch deren Perspektive wir Sofia kennenlernen, ist ihre 16-jährige Cousine Naïma (Mina Farid). Die Schülerin hat einen langen Sommer in Cannes vor sich, was glamouröser klingt, als es ist. Denn Naïma und ihre Mutter, die als Reinigungskraft in einem der vielen Luxushotels an der Croisette arbeitet, kommen mit der Champagnerseite von Cannes nur als Angestellte in Kontakt. Bis plötzlich ihre ältere Cousine aus Paris auftaucht und ihr Leben aufmischt. Gemeinsam stürzen sie sich ins bunte Treiben von Cannes, flanieren auf dem Boulevard de la Croisette, den Sofia selbstbewusst als Laufsteg benutzt. Im Hafen zwinkert sie den begeisterten Männern mit den etwas zu weit aufgeknöpften Hemden auf ihren Yachten zu.

Wie leicht sich Sofia auf diese Männer und ihr Alphamännchengebalze einlässt, auf die ungenierte Zurschaustellung ihres Wohlstands, stößt Naïma zunächst ab. Aber je mehr sie ihr bei diesen Spielchen zuschaut, desto mehr merkt sie, wie frei ihre Cousine von all den Verhaltensimperativen ist, die die meisten Menschen sich zur Vorurteilsvermeidung selbst auferlegen: Sofia ist es vollkommen egal, was die Leute von ihr denken. Weil sie weiß, dass sie jederzeit alle Angriffe parieren kann. Aber eben nur, wenn sie Lust dazu hat. Womit sie von einer Freiheit beseelt ist, wie sie vermutlich nur die wenigsten Menschen besitzen.

Auf einem Bootsausflug versucht eine Frau, Sofia als dummes Flittchen zu enttarnen, glaubt, sie mit einem Gespräch über Literatur in eine peinliche Situation bringen zu können. Aber Sofia rückt sich entspannt die Brüste im tiefen Ausschnitt zurecht und hält mit ihrem O-Mund ein Stegreifreferat über Marguerite Duras, das sich gewaschen hat.

Une fille facile, Frankreich 2019 - Regie: Rebecca Zlotowski. Buch: Rebecca Zlotowski, Teddy Lussi-Modeste. Kamera: Georges Lechaptois. Mit: Mina Farid, Zahia Dehar. Alamode, 92 Minuten.

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