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Kinodrama:Verbindung der Frauen

Catherine Hardwickes Film "Im Himmel trägt man hohe Schuhe" ist ein Krebsmelodram. Vor allem aber zeigt er, wie Freundinnen funktionieren und was sie einander bedeuten können.

Zwei Freundinnen fürs Leben, die der Brustkrebs trennen wird - aus "Im Himmel trägt man hohe Schuhe" hätte leicht ein echter Tearjerker werden können, ein sentimentaler Film, der in jeder zweiten Szene brutal auf den Tränendrüsen herumdrückt.

Er ist ein Melodram, ja, das sind fast alle Filme über Krebs. Aber das mit dem Heulen, das hält sich ganz gut die Waage mit absurden, komischen und nachdenklichen Momenten. Man weiß ohnehin vom ersten Augenblick an, wo die Reise hingeht. Die Geschichte beginnt mit der Abwesenheit, dem Vermissen, der Leerstelle, an die sich Jess (Drew Barrymore) nicht gewöhnen will. "Miss You Already" heißt der Film im Original.

Sie liegt da in den Wehen, sie ist allein, und der einzige Mensch auf der Welt, den sie jetzt sehen will, ist ihre beste Freundin Milly (Toni Collette). Milly lernt man in dem kleinen Rückblick im Zeitraffer kennen, der der Geschichte vorangestellt ist, als Kind. Die kleine Jess ist da gerade mit ihren Eltern nach England gezogen, Milly ist in ihrer Klasse, und dann werden sie unzertrennlich. Die Jahre rauschen vorbei, sie erleben zusammen ihre ersten Abenteuer, werden erwachsen, und Milly, die immer allen Jungs den Kopf verdrehen muss, wird von einem wüst aussehenden Roadie schwanger.

Die Regisseurin Catherine Hardwicke hat den ersten Teil der "Twilight"-Saga inszeniert und durfte dann nicht weitermachen, als sie die Geschlechterrollen etwas ungewöhnlicher gestalten wollte - wie es ihr hier jetzt gelingt. Der wüst aussehende Roadie beispielsweise, gespielt von Dominic Cooper, macht mit dem Lotterleben sofort Schluss, als Milly schwanger wird - und als erwachsenes Paar sind die beiden dann weder spießig noch hip, sondern Leute mit ein bisschen Geld, zwei Kindern und klaren Prioritäten. Und Milly überhaupt: Toni Collette, die von "The Sixth Sense" über "About A Boy" bis zu "In den Schuhen meiner Schwester" traditionell das hässliche Entlein gespielt hat, wird hier plötzlich als heißer Feger besetzt, auch das eine Umkehrung der Stereotypen. Es funktioniert ganz hervorragend - alles nur eine Frage des Stylings.

Halten zusammen bis zum Schluss - die Freundinnen Jess (Drew Barrymore, links) und Milly (Toni Collette).

(Foto: Nick Wall / Neue Visionen Film)

Ausgerechnet Milly, die sich über ihren Körper definiert, Selbstbestätigung durch männliche Blicke viel mehr braucht als Jess, geht nun also zum Arzt, entschuldigt sich dafür, dass sie ihre Krebsvorsorgeuntersuchungen verpasst hat, sie hatte so viel zu tun, die Kinder, Sie wissen schon - und sie wartet darauf, dass er sagt, das sei nicht so schlimm. Ist es aber doch.

Es folgt dann erst mal eine Phase der Hoffnung. Zugunsten ihrer Freundin stellt Jess ihren eigenen Kinderwunsch zurück, und ihr Freund Jago (Paddy Considine) sieht eigentlich nicht ein, wieso Millys Krankheit sein Leben bestimmen soll - aber er nimmt es hin, weil er gegen die Verbindung der beiden Frauen sowieso keine Chance hätte. Bei der Chemotherapie ist Jess immer da, und da ist sie die einzige, die Milly sehen will: Weil nur sie, wenigstens gelegentlich, das Richtige sagen und tun kann. Und sie hält es aus, dass Milly, die schon immer fordernd war, nun die ganze Selbstsucht eines Menschen auskostet, der ums Überleben kämpft.

Diese Szenen nach der Brustkrebsoperation - da erkennt man den weiblichen Blick

Catherine Hardwicke gehört zu den amerikanischen Regisseurinnen, die sich schwertun, in Hollywood ihre Projekte durchzubekommen - und ihre weibliche Sicht spielt hier, in dieser britischen Produktion, wirklich eine besondere Rolle. Die Szene nach der Mastektomie etwa, wenn Jess beim Verbinden hilft, hätte die ein männlicher Regisseur genauso gemacht? Hätte er sich vorgewagt in diesen Raum, zwei Frauen allein im Bad? Oder der Blick des Mannes auf die Narbe, die er nicht aushalten kann - es liegt kein Vorwurf in dieser Szene und in ihrem Nachhall, einer Montage aus Momenten in der darauffolgenden Nacht, in der Kit und Milly nicht schlafen können, und auch nicht reden.

Der Krebsfilm ist zu einem eigenen Genre geworden, heute längst ohne die Hemmungen von damals, 1958, als Big Daddy in "Die Katze auf dem heißen Blechdach" langsam und schmerzvoll starb. Schon in der kommenden Woche läuft der nächste Film mit einer Heldin an, die an Krebs stirbt, "Freeheld". Da spielt Julianne Moore eine lesbische Polizistin, die durchsetzte, dass ihre Lebensgefährtin (Ellen Page) ihre Pension bekommen wird, wie eine Ehefrau. Und obwohl dieser Film viel mehr mit Comic Relief, dem Lachen der Befreiung arbeitet - dafür ist überwiegend Steve Carell als Schwulenaktivist zuständig -trifft er nicht den richtigen Ton. Er wird, obwohl es doch da um ein richtiges Paar geht, nie wirklich intim.

Viele Szenen zwischen Milly und Jess dagegen fühlen sich intim an - und so real, dass der Film einen normalen Umgang mit etwas, was ganz viele Menschen betrifft, fördern könnte. Nur eine Frage bleibt offen: Warum eigentlich gibt es im Kino, anders als in der Wirklichkeit, kaum jemanden, der den Krebs besiegen darf? Milly jedenfalls, so egoistisch und laut und komisch wie sie ist, vermisst man tatsächlich schon, bevor die Geschichte vorüber ist.

Miss You Already, GB 2015 - Regie: Catherine Hardwicke. Drehbuch: Morwenna Banks. Kamera: Elliot Davis. Mit: Toni Collette, Drew Barrymore, Dominic Cooper, Paddy Considine. Neue Visionen, 112 Min.

© SZ vom 31.03.2016

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