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Kinodrama:Unter Druck

FIlmstill

Penélope Cruz spielt eine Mutter, die um das Leben ihrer entführten Tochter bangt - ihr Ex-Lover Paco (Javier Bardem) will helfen.

(Foto: Verleih)

Der Iraner Asghar Farhadi bringt seine Protagonisten gern in Situationen, in denen sie moralisch Farbe bekennen müssen - in "Offenes Geheimnis" funktioniert das auch in einer spanischen Großfamilie.

Es ist fast ein ehernes Gesetz, dass große Familienfeste als Enttäuschung enden. Alle haben sich gefreut, besonders die, zwischen denen die Entfernung groß ist; aber wenn sie dann alle aufeinanderhocken, fällt ihnen plötzlich auf, dass Entfernungen es doch sehr viel leichter machen, denselben Planeten zu bewohnen.

So ist das auch, als Laura (Penélope Cruz) am Anfang von "Offenes Geheimnis" mit ihren Kindern in ihr spanisches Heimatdorf reist. Der kleine Ort glitzert in der Sonne, ihre Tochter Irene, ein überkandidelter Teenager, ist geradezu berauscht von der Sommerparty-Atmosphäre, die das Dorf ergriffen hat. Lauras Schwestern empfangen sie mit offenen Armen - die jüngste wird nun endlich heiraten. Aber bald tauchen erste Misstöne auf. Die ältere Schwester führt mit ihrem Mann ein kleines Hotel, die Geschäfte laufen schlecht, es gibt Neid auf Laura, die nach Argentinien ausgewandert ist und dort, wie alle annehmen, keinerlei Geldsorgen mehr hat.

Besonders, wenn Paco (Javier Bardem) auftaucht, wird sichtbar, welche Gräben sich durch den Familien- und Freundeskreis ziehen. Spanien hat sich verändert, und die alten Großgrundbesitzer, Lauras Verwandte, können sich nur schwer damit abfinden, dass sie nun ihres eigenen Glückes Schmied sein müssen und dabei kein gutes Händchen haben. Sonst würde es ihnen nicht so sauer aufstoßen, dass Paco und seine Frau auf einem Stück Land, das er Laura abgekauft hat, ein Weingut aufgebaut haben, mit einigem Erfolg. Ein cooler Typ, findet Irene. Er spielt sich auf, finden ihre Tanten und ihre Großeltern. Paco ist der Sohn eines Landarbeiters, es stehe ihm nicht zu, im Dorf plötzlich als der große Zampano dazustehen.

Und dann der Gottesdienst: Der Pfarrer hat nichts Besseres zu tun, als vor versammelter Mannschaft von seinen Hoffnungen zu predigen, Lauras reicher Mann möge doch den maroden Kirchturm retten. Dieser Mann ist allerdings nicht mitgekommen - zu beschäftigt, sagt Laura. Und bald wird sich herausstellen, dass ihr Reichtum nur noch eine Legende ist.

Das Materielle spielt hier eine noch größere Rolle als ohnehin bei Familienfesten. Denn auf der weinseligen Hochzeitsfeier der Schwester, mitten in der Nacht, verschwindet plötzlich Lauras Tochter Irene. Und dann bekommt Laura eine Textnachricht - eine Lösegeldforderung.

Es ist bald klar: Die Figuren von Bardem und Cruz, die auch im echten Leben ein Paar sind, waren hier einst mehr als nur Freunde. Und nun, unter Druck, brechen alte Wunden wieder auf. Es ist ein interessanter menschlicher Mechanismus, den der Regisseur Asghar Farhadi hier immer wieder zeigt: Alle geben nach in ihren moralischen Ansprüchen, wenn es brenzlig wird - aber der Punkt, an dem sie das tun, ist nicht bei allen derselbe. Dass Farhadi eine solche Dynamik so präzise nachzeichnen kann, gehört zu großen Stärken dieses Regisseurs.

Irene bleibt verschwunden, und Laura wird immer panischer. Schon vor Jahren, erfährt sie, gab es hier eine ähnliche Entführung. Sie will unbedingt das Lösegeld bezahlen - aber sie weiß nicht, auf wen in der Familie sie sich verlassen kann. Diese Art von Thriller-Spannung gehörte bislang nicht zu Farhadis Repertoire, aber es sind ihm ein paar wirklich schöne Bilder eingefallen - da ist beispielsweise das Hochzeitsvideo, das Laura nun immer wieder ansieht, in der Hoffnung, darauf den Entführer zu entdecken, der ja durch das Fest hindurch ins Haus gelangt sein muss. Es wurde mit einer kleinen Drohne gefilmt, der Blick von oben lässt die Hochzeitsgesellschaft wie einen Haufen kleiner, zielloser Insekten aussehen.

Dreht ein Filmemacher in einem fremden Land, steht ihm manchmal seine Faszination für dessen Schauwerte im Weg

Im Grunde ist "Offenes Geheimnis" irgendwie ein Detektivfilm, ein recht ordentlicher Thriller - aber unter der Oberfläche des Genrekinos brodelt dann doch ein bisschen mehr. Das würde man von einem zweifachen Oscargewinner wie Farhadi auch erwarten. Die Geschichte des Kidnappings gewinnt dadurch an Tiefe, dass der eigentliche Kriminalfall nur innerhalb der Verwandtschaft präsent ist. Es gibt keine Polizei, die davon ablenken könnte, dass es hier um ein Familiendrama geht.

Und wie fast immer bei Farhadi gibt es einen unumkehrbaren Fehler aus der Vergangenheit. Laura ist einmal im Leben falsch abgebogen: Sie hat etwas verschwiegen, und nichts wird mehr sein wie vorher, wenn sie nun die Wahrheit sagen muss. Der Thrill liegt dann weniger in der Aufklärung des eigentlichen Verbrechens als vielmehr in der Analyse der Familienverhältnisse. Wer ist auf wen neidisch, wer hat was nicht verzeihen können, fühlt sich ein Leben lang benachteiligt?

Es gibt gute Gründe, warum der Iraner Farhadi, der mit "Le passé" schon einmal einen Film in Frankreich gedreht hat, dasselbe nun auch in Spanien versucht. Er ist einer der wenigen Filmemacher, die sich aussuchen können, wo sie arbeiten. Und ob die Situation in Iran so bleibt, dass er dort frei erzählen kann, in seiner Muttersprache, ist fraglich - aus innenpolitischen wie aus weltpolitischen Gründen.

Nun geht es aber nicht nur um die Sprache, wenn es einen Filmemacher in die Fremde verschlägt. Es steht ihm manchmal auch seine eigene Faszination im Weg. Bei Farhadi ist das jedenfalls so - das spanische Dorfleben, die Feste, die verwinkelten Gassen und das Licht haben ihn so beeindruckt, dass sein Film sich manchmal darin zu verlieren scheint. Penélope Cruz und Javier Bardem sind wundervolle Schauspieler - aber sie sind auch etwas zu schön, um wahr zu sein, bringen zu viel lässige Eleganz in die Provinz. So gibt es hier ein bisschen viel Oberfläche.

Und doch sagt Farhadi etwas Wahrhaftiges über das System Mensch, das er so perfekt beschreiben kann. Es ist am Ende der Geschichte klar, dass die Weichen für die nächste Generation schon gestellt sind, für das, was sie sich in dreißig Jahren vorwerfen werden, laut oder insgeheim. Farhadi erzählt davon ohne jeden Groll - weil Menschen so sind, fehlerhaft, unvollkommen. Aber in ihren großartigsten Momenten versuchen sie ihr Bestes.

Todos lo saben, Spanien 2018 - Buch und Regie: Asghar Farhadi. Kamera: José Luis Alcaine. Mit: Penélope Cruz, Javier Bardem, Carla Campra, Bárbara Lennie. Verleih: Prokino, 132 Minuten.

© SZ vom 27.09.2018
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