Kino Zwei Monde über Soho

Lars Eidinger spielt Bertold Brecht in "Mackie Messer - Brechts Dreigroschenfilm".

(Foto: Wild Bunch Germany)

Joachim A. Lang hat einen opulenten Film im Film inszeniert, der kenntnisreich und klug mit Bertolt Brechts Theorien spielt: "Mackie Messer - Brechts Dreigroschenfilm".

Von Kathleen Hildebrand

Wenn man im Kino auf einem Filmplakat das Prädikat "Besonders wertvoll" liest, beginnt das Popcorn gleich ein bisschen am Gaumen zu pappen. Träge ziehen Vertretungsstunden in der Schule am inneren Auge vorbei, zweimal fünfundvierzig Minuten mit mindestens zwanzig Jahre alten und für Teenager-Augen immer einen Tick zu langsam erzählten Filmen, im Videokeller auf harten Holzstühlen.

Wenn ein Regisseur sich entschließt, heute, im Jahr 2018, Brechts Dreigroschenoper zu verfilmen, gibt es drei Möglichkeiten, diesen Drang zu erklären. Nummer eins: Er möchte einen Film für die Art von Ewigkeit machen, die sich im Handapparat von Lehrerbibliotheken abspielt, und dachte, dass allein schon durch die Matineevorstellungen für Oberstufenschüler ein paar Hunderttausend Zuschauer garantiert seien. Nummer zwei: Er findet den Stoff so aktuell, dass es nicht anders geht. Nummer drei: Er hat einfach Lust darauf.

Ersteres würde Joachim A. Lang sicher bestreiten. Punkt zwei nicht. Aber wenn am Ende aus dem alten Soho die Hochhäuser der Londoner City wachsen und Mackie Messer zum Bankier wird, öffnet das nach der Finanzkrise von 2008 nun wirklich niemandem mehr die Augen. Nein, wer sich seine herrlich ausgestattete und prominent besetzte Prestigeproduktion ansieht, wird zwangsläufig zur Ich-hatte-einfach-Bock-Erklärung tendieren. Und genau das macht diesen schnellen, mal üppigen und dann doch wieder auf interessante Weise spröden Film zu mehr als nur zu Anschauungsmaterial für den Deutschunterricht.

Hier gibt es immer wieder Momente, die mit faszinierend leichter Hand Brechts Theatertheorie zu richtig guter Unterhaltung machen. Dieser zum Beispiel: Die schöne Polly, gespielt von der schönen Hannah Herzsprung, und der schmierig-autoritäre Mackie Messer, gespielt von Tobias Moretti, der zumindest das Potenzial hat, sehr schmierig und autoritär auszusehen, sitzen in einem Ruderboot, sie rudert. Auf der Brücke über ihnen steht Brecht und sagt: "Die Liebesleute fahren Boot. Über dem Kanal geht der Mond auf." Er macht eine gönnerhafte Bewegung aus dem Handgelenk, "ein bis zwei Monde genügen".

Dass Brecht hier in Regieanweisungen spricht, liegt zum einen daran, dass Joachim A. Lang das epische Theater in seinem Film sehr ernst nimmt. Er hat darüber promoviert. Lars Eidinger muss deshalb in Brecht'schen Aphorismen sprechen, alle belegt, alle treffend, aber eben auch alle recht trocken als Filmdialog. Eidinger guckt dazu regelmäßig mit süffisant-verschwörerischem Blick direkt in die Kamera - vierte Wand durchbrechen! - und zieht dann, so viel Authentizität darf sein, an seinem Zigarrenstumpen.

Lang hat nicht einfach die Dreigroschenoper verfilmt, sondern einen Film im Film inszeniert. Rahmenhandlung ist die Geschichte der ersten Verfilmung des Theater-Welterfolgs, der ohne Brechts Segen 1931 in die deutschen Kinos kam. Für den Dichter selbst endete das Abenteuer Film in einem Prozess um seine Autorenrechte. Amalgamiert damit zeigt Lang, wie Brecht sich einen "Dreigroschenfilm" gewünscht hätte: opulent, politisch, kritisch. Dazu kam es nicht. Zu sehr kollidierten die künstlerischen Vorstellungen des Dichters mit den konventionellen Unterhaltungsabsichten der Filmfirma, mit der Brecht einen Vertrag geschlossen hatte.

In der Szene auf der Brücke ist Brecht nämlich nicht allein. Während über ihm in Langs Film tatsächlich zwei schöne runde Monde aufgehen, einer groß, einer klein, wie ein posthumes Geschenk des Regisseurs an den verehrten Dichter, schnappt zu seiner Linken der Kinoproduzent Seymour Nebenzahl nach Luft, als er das mit den zwei Monden hört: "Das entspricht nicht den Publikumserwartungen!"

Eidingers Brecht lächelt auch dann noch siegesgewiss, als er nach dem Gerichtsurteil seine Autorenrechte am Film aufgeben muss. Genau diesen Sieg des Kapitalismus über die Kunst hatte er ja vorhergesagt, den Prozess sah er als einen weiteren Teil seiner Inszenierung. Und das erklärt auch, wieso dieser Übererfolg der Zwanzigerjahre, trotz Klassikerstatus, trotz seiner Präsenz in Lehrplänen, so selten verfilmt worden ist. Der letzte Dreigroschenfilm stammt aus dem Jahr 1968.

Brechts Theorie von Verfremdung und Distanz ist nicht rundherum gut gealtert. Versatzstücke sind erhalten geblieben, Film- und Fernsehfiguren wenden sich nicht selten direkt an den Zuschauer, um das Geschehen zu kommentieren - und jede halbwegs moderne romantische Komödie ironisiert und bricht die narrativen Konventionen ihres Genres. Aber ohne das große, echte, ernste Gefühl, ohne die gespielte Authentizität, die Brecht ein Gräuel war, kommt auch heute kaum ein Film aus. Die Dreigroschenoper hat keine Figur, die zur Identifikation taugt, Mackie ist ein unverbesserlicher Gangster, Polly naiv und später selbst Schurkin, ihr Vater Peachum nutzt mit seiner Bettler-Agentur das Mitleid der Leute aus. Noch dazu spielt sie im visuell unattraktiven Dreck der Straße. Das ist nicht das, was sich das Kino wünscht für seine Literaturverfilmungen. Bei Jane Austen oder Leo Tolstoi gibt es elegante Bälle, auf denen unglücklich verliebte Adelige tanzen, es stampfen Dampflokomotiven dramatisch durch tiefen Schnee. Nichts davon bei Brecht. Der Bankrott, den Brecht den Weltverklärern der Filmindustrie wünschte, als Chance zur künstlerischen Umkehr, ist nie eingetreten. Man muss fast sagen: Seymour Nebenzahl hat, mit Einschränkungen, recht behalten. Aber die zwei Monde, die wird Brecht nun niemand mehr nehmen können.

Mackie Messer - Brechts Dreigroschenfilm, D/B 2018 - Buch und Regie: Joachim A. Lang, Kamera: David Slama. Mit Lars Eidinger, Tobias Moretti, Hannah Herzsprung, Joachim Król, Claudia Michelsen. Wild Bunch, 130 Minuten.