Kino Wolf unter Schafen

Im Mittelpunkt: Franz Rogowski spielt Tubbie im Debütfilm des Haneke-Schülers Henri Steinmetz "Uns geht es gut".

(Foto: X-Verleih)

Der Schauspieler Franz Rogowski hält das Publikum dank seiner enormen physischen Präsenz selbst in mäßigen Filmen und Theaterinszenierungen hellwach

Von Susanne Hermanski

Er ist neu in der Stadt. Und er kann einer werden, der München richtig gut tut: Denn der Schauspieler Franz Rogowski (geboren 1986) hat etwas ganz und gar Unbayerisches: etwas Ungemütliches. Das sieht man gleich, egal ob auf der Leinwand oder der Bühne der Münchner Kammerspiele, deren festes Ensemblemitglied er seit der Spielzeit 2015/16 ist, also seit Beginn der Intendanz Lilienthal. Matthias Lilienthal hat er als Chef bereits am "Hau" erlebt, dem Berliner Theater "Hebbel am Ufer", dort trat der gebürtige Freiburger in den Jahren 2009 und 2010 auf.

Man erkennt Rogowskis hervorstechende Qualität sogar dann noch, wenn er sich weitgehend führungslos durch so mäßige Inszenierungen wie die Bühnen-Adaption von Viscontis "Rocco und seine Brüder" boxt: Franz Rogowski besitzt eine geradezu magische physische Präsenz. Die mag mit seiner zweiten Profession als Tänzer und Choreograf zu tun haben. Sie macht ihn sozusagen zum Anti-Christian-Ulmen, dem Contra-Daniel-Brühl. Rogowski hat das, was man von deutschen Schauspielern kaum kennt: Er hat Verve, eine Vitalität, wie man sie sonst nur bei amerikanischen Action-Akteuren sieht. Bei jenen, die die Bösewichter spielen, um genau zu sein, zum Beispiel Joaquin Phoenix.

Mit ihm hat Rogowski zudem ein Markenzeichen gemeinsam, das ihn hierzulande unverwechselbar macht: Eine feine Narbe, die von einer operativ geschlossenen Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalte zeugt. Die setzt in den Welten der Oberfläche, die Kino und Theater nun einmal sind, allerlei Assoziationen frei, und mögen sie auch noch so politisch unkorrekt sein: von Verletztheit, Rohheit, Gewalttätigkeit. Regisseure setzen sie ein wie ein Kainsmal, das bei ihrem Schauspieler nicht nur optisch wirkt, sondern auch die Sprache Rogowskis gewissermaßen verfremdet. Sebastian Schipper ließ ihn so in seinem gefeierten "Victoria" den naiven Kriminellen "Boxer" spielen. Jakob Lass besetzte Rogowski als schüchternen Liebenden in "Love Steaks", seinem mehrfach ausgezeichneten Regieerstling und Mumblecore-Film. Dieses handgestrickte - andere nennen es auch realitätsnahe - Independent-Genre kennzeichnen Dialoge, die nur als "mumble", also als Genuschel hörbar sind. Franz Rogowski erhielt dafür beim Münchner Filmfest 2014 bereits einen Preis als bester Nachwuchsschauspieler. Am 28. Januar kommt schon der nächste Rogowski-Film ins Kino: "Uns geht es gut". Darin spielt er den Anführer einer Clique von fünf jungen Leuten, die in der Sommerhitze wie ein Rudel Wölfe durch eine Großstadt streunen. Durch verlassene Häuser, Parkwälder. Ziellos, planlos, doch sinnlich aufgeladen und auf unübersehbare Weise kurz vor einer Art Detonation. Glaubhaft verkörpert Franz Rogowski auch diesen Exponenten einer Jugend ohne Gott.

Ach ja: Und Franz Rogowski hat es in unserem rest-katholischen München sogar schon in die hiesige Ausgabe der Bild-Zeitung geschafft: Weil er über Wochen mit einem Aufdruck auf seinem T-Shirt eine bezahlbare Wohnung hierzulande suchte - auch eine Form von Hoffnungsträgerschaft. Bleibt zu hoffen, dass er mittlerweile eine Heimstatt gefunden hat.