Kino Willkommen in der Nacht

Zum Geburtstag ein Yes-Törtchen: „Süßwaren-Marion“ (Sandra Hüller) und Gabelstaplerfahrer Christian (Franz Rogowski) flirten im Hinterzimmer des Großmarkts.

(Foto: Zorro)

Eine Supermarkt-Tragikomödie über den menschlichen Mikrokosmos zwischen den Regalen: "In den Gängen" von Thomas Stuber erzählt von der Liebesgeschichte zwischen Getränke-Christian und Süßwaren-Marion.

Von Annett Scheffel

Nachtschicht im Großmarkt, irgendwo in der ostdeutschen Peripherie. Kaltes, gelbes Neonlicht fällt auf die Waren in den Regalen. Von draußen hört man das Rauschen der nahen Autobahn in der grauen Dämmerung. Dann erklingt ein seltsam mechanisches Surren in den verlassenen Gängen, das näher kommt und schließlich in Gestalt eines Gabelstaplers zu den Klängen von Johann Strauss' Walzer "An der schönen blauen Donau" durchs Bild schwebt.

Mit diesem großen Auftritt in trister Kulisse beginnt Thomas Stubers Film "In den Gängen". Es braucht viel Mut, ein Werk über den stinknormalen Arbeitsalltag in einem deutschen Großmarkt mit einem Kubrick-Zitat zu eröffnen, ohne dass es vermessen oder peinlich wirkt. Denn an schlechten Anspielungen auf das tanzende Raumschiff aus dessen Science-Fiction-Epos "2001" mangelt es wirklich nicht. Aber während die Kamera zum feierlichen Dreivierteltakt durch die Gänge schwebt, ahnt man, dass es Stuber ähnlich wie Kubrick um eine Ästhetisierung, eine Verzauberung des Blickes geht.

Der Leipziger Regisseur, der 2012 für seinen Kurzfilm "Von Hunden und Pferden" mit dem Studentenoscar ausgezeichnet wurde, sucht und findet viel Pathos und Schönheit an diesem seelenlosen Ort, in dem zu schnöder Gleichförmigkeit verdammte Menschen ihre Arbeit verrichten. Für diese Protagonisten öffnet er an den langen Fluchtlinien der meterhohen Regale entlang einen Handlungsraum, in dem sie ihre Choreografie aus Distanz und Nähe aufführen.

"In den Gängen" ist bereits Stubers dritte Zusammenarbeit mit dem Schriftsteller Clemens Meyer. Basierend auf dessen gleichnamiger Kurzgeschichte aus dem Erzählband "Die Nacht, die Lichter" schrieben sie gemeinsam das Drehbuch. Die Hauptfigur ist der junge Christian, der eine Ausbildung im Leipziger Großmarkt beginnt. Franz Rogowski spielt ihn und lässt den Zuschauer trotz Christians Wortkargheit tief in dessen Seele blicken. Der ältere Kollege Bruno (Peter Kurth) aus der Getränkeabteilung erklärt ihm alle Tricks und Regeln und wird zu einem väterlichen Freund. Mit Christian tauchen wir hinab in den eigentümlichen Kosmos der labyrinthischen Gänge. Die Kamera zeigt sie uns gelegentlich von oben, diese gitterlinienartig zerteilte, geometrische Welt der Warengassen und stummen Betriebsamkeit. Alles folgt einer unabänderlichen Ordnung, das Befüllen der Regale, das Miteinander der Angestellten.

Die einzelnen Abteilungen haben Spitznamen, die Tiefkühlkostecke heißt zum Beispiel "Sibirien"

Thomas Stuber nimmt sich viel Zeit für die Routinen dieser Welt. Das Überstreifen des Arbeitskittels zu Beginn jeder Schicht; der scheue, aber pflichtbewusste Blick in den Spiegel mit dem Schriftzug "So sehen dich die Kunden"; und immer wieder das Verladen der Paletten mit dem surrenden Arm des Gabelstaplers. All das zeigt er in streng symmetrischen Bildern. Aufgebrochen wird diese Monotonie durch eine Liebesgeschichte. Durch die Regale hindurch fällt Christians Blick auf die toughe "Süßwaren-Marion" (Sandra Hüller) aus dem Nebengang. Vor der Fototapete am Kaffeeautomaten kommt es zu einer ersten Annäherung, bis Christian von einer Kollegin erfährt, dass Marion verheiratet ist, wenn auch unglücklich, wie es heißt.

Am erstaunlichsten an dieser neonbeschienenen Welt, ist, wie viel hier ohne Worte funktioniert. Musik hingegen setzt der Regisseur viel ein. Erst Strauss, dann den verschleppten Bedroom-Pop von Son Lux oder den klagenden Blues-Gesang von Son House. Meistens ist der Film aber so still wie das Einverständnis unter den Mitarbeitern.

Sie sind die gut geölten Teile eines Mikrokosmos, in dem die einzelnen Abteilungen wie die Gebiete eines fernen Reiches funktionieren und Spitznamen tragen wie "Sibirien" - die Tiefkühlabteilung. "Willkommen in der Nacht", sagt der Dienstchef jeden Abend durch die Sprechanlage. Wie ein Moderator der Trostlosigkeit. Danach wird sich vor allem wissend zugenickt. Stuber hat ein gutes Gespür für diese Sprachlosigkeit, die sich auch durch viele Geschichten von Clemens Meyer zieht. Vieles bleibt unausgesprochen oder wird nur angedeutet. Auf wundersame Weise erzählt "In den Gängen" trotzdem nicht nur von Vereinsamung und schlecht bezahlter Arbeit, sondern auch von Freundschaft und Solidarität. Die Angestellten füllen den surrealen Nichtort ihrer täglichen Arbeit so gut es geht mit kleinen Annehmlichkeiten. Bruno macht gerne eine heimliche "Fünfzehn", eine Raucherpause auf dem Klo, zum Geburtstag gibt es ein abgelaufenes Yes-Törtchen.

Nur dreimal verlässt Stuber die Konsumtristesse des Großmarktes. Drei kurze Exkursionen in das Zuhause seiner Hauptfiguren Christian, Marion und Bruno, die den zweistündigen Film lose in drei Kapitel teilen. Drei Lebensskizzen, in denen sich ein komplexes System aus Gefühlen und Erfahrungen erahnen lässt. Wir sehen Christian, wie er in einer spärlich eingerichteten Plattenbauwohnung vor sich hin starrt. Marion, die in ihrem Einfamilienhaus gute Miene zur bösen Ehe macht. Und Bruno, vereinsamt und mit viel Schnaps in seiner Rumpelbude, wo er sich im Licht der vorbeifahrenden Autos nach den Straßen sehnt, die er einst als VEB-Lastwagenfahrer befuhr. Alle drei sind in der modernen Arbeitswelt auf ihre Weise Verlierer einer längst untergegangenen DDR.

Der Film erzählt auch von den Verlierern der ehemaligen DDR, aber ohne Ost-Klischees

Wie so vieles in seinem Film lässt Thomas Stuber diesen nagenden Identitätsverlust aber nur am Rande aufscheinen. Ostdeutschland ist sein Handlungsort, aber nicht sein Thema - und deswegen dankenswerterweise auch kein Anlass für Klischees eines abgehängten Ostens. Genau genommen könnten die Menschen in "In den Gängen" überall in Deutschland arbeiten. Für das System, das sie auf ihren Gabelstaplern am Leben halten, sind sie austauschbar. Einziges Überbleibsel aus alten DDR-Tagen ist dieses ganz bestimmte Verständnis von Kollegialität. Man hilft und achtet sich und wahrt trotzdem immer genug Abstand. Nach Schichtende gibt man sich die Hand, und jeder fährt vom fast leeren Parkplatz aus in sein eigenes einsames Leben. Die Art, wie Thomas Stuber die trostlosen Kulissen dieses Lebens zu einem Ort versteckter Schönheit überhöht, zeigt aber, dass es ihm weniger um Soziologisches geht als um die Wiederentdeckung von Liebe, Träumen und Hoffnungen

In den Gängen, Deutschland 2017 - Regie: Thomas Stuber. Buch: Clemens Meyer, Thomas Stuber. Kamera: Peter Matjasko. Mit: Franz Rogowski, Sandra Hüller, Peter Kurth, Andreas Leupold, Michael Specht. Zorro Film, 125 Minuten.