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Rückkehr ins Kulturleben:Popcorn vs. Mundschutz

Coronavirus - Kinoverband fordert Hilfsprogramm

Momentan sind die Kinos komplett leer, wie hier das Delphi in Berlin. Wenn sie wieder öffnen, werden viele Plätze frei bleiben müssen.

(Foto: dpa)

Manche sehnen sich mehr nach dem Lieblings-Kino als nach Restaurants oder Fitnesscentern. Verschobene Filmstarts und der Föderalismus dürften bei einer Wiedereröffnung aber Probleme bereiten.

Sollten die Kinos in Deutschland noch zwei weitere Monate geschlossen bleiben müssen, rechnet die Hälfte der Betriebe damit, von der Corona-Krise in die Knie gezwungen zu werden. Das hat der Hauptverband Deutscher Filmtheater (HDF) in einer Umfrage herausgefunden. 1734 Kinos zählt der HDF in Deutschland, seit Wochen sind sie alle ausnahmslos zu.

Hört man sich unter deutschen Kinobetreibern um, geht allerdings fast keiner davon aus, dass sie innerhalb der nächsten zwei Monate wieder öffnen können. "Als es losging, dachte ich vielleicht Pfingsten, jetzt gehe ich eher von Ende Juli oder Anfang August aus", sagt Thomas Kuchenreuther, der in München-Schwabing das ABC und das Leopold betreibt. Er macht derzeit, was andere Kollegen auch tun: Kurzarbeit für die Mitarbeiter beantragen, Überbrückungskredite aushandeln, die Vermieter um eine Reduzierung des Mietpreises bitten, um Förderungen bewerben, zum Beispiel beim Filmfernsehfonds Bayern. Aber: "Wie genau eine Wiedereröffnung unter Corona-Bedingungen aussehen soll? Ich habe leider keine Ahnung."

Er rechne fest damit, dass die Menschen zwar mittlerweile wieder sehr kinohungrig seien, was er allein daran erkenne, wie viele seiner treuen Zuschauer gerade Gutscheine für die Zeit nach der Pandemie kauften, um ihn zu unterstützen. Aber die Leute wären vermutlich auch sehr vorsichtig, was Menschenansammlungen auf engem Raum angehe.

Was macht man mit neun leeren Kinosälen?

So sieht das auch Günter Sobeck, den man in diesen Zeiten natürlich auch anrufen muss: Er betreibt das Corona-Kinoplex in Kaufbeuren. Auch das steht derzeit leer, beziehungsweise fast - manchmal schaut Sobeck sich abends in einem seiner neun leeren Säle mit seinem Sohn einen alten James-Bond-Film an.

Desinfektionsspender überall, Spuckschutzscheiben für Kassen- und Snackverkauf, auch eine reduzierte Belegung zur Wahrung des Mindestabstands, das alles lasse sich problemlos realisieren, sagt Sobeck. Aber: "Wie sollen die Leute Popcorn essen, wenn sie einen Mundschutz tragen, und wie soll ich kontrollieren, ob sie im Dunkeln wirklich getrennt sitzen bleiben oder doch Grüppchen bilden?"

Die Menschen sehnen sich mehr nach Kino als nach Kneipen, Sport und Diskotheken

Außerdem stelle sich die Frage, ob sich, je nach Regelung, eine reduzierte Belegung des Kinos wirtschaftlich überhaupt rentiere: "Den Vorführer muss ich bezahlen, egal ob der Saal voll ist oder zwei Leute drin sitzen." Kassenkräfte, Heizung, Strom - da könne es im Zweifelsfall günstiger sein, das Kino geschlossen zu lassen.

Auch Gregory Theile, dessen Familie Multiplexe im ganzen Land betreibt, darunter das Mathäser in München, sieht die Situation als nie dagewesene Herausforderung. Schlimmer als das Virus könne sich bei der Wiedereröffnung aber der deutsche Föderalismus für die Kinos erweisen. Hygienische Schutzmaßnahmen könne er als Betreiber einfach selbst durchführen: Tickets nur online verkaufen, die Spielzeiten so staffeln, dass die Besucher des einen Saals nicht im Foyer in die des nächsten rennen. Aber ein reizvolles Programm brauche er schon auch. Und all die Filmverleiher, die ihre Starts teils weit ins nächste Jahr geschoben hätten, würden mit Sicherheit kein Geld ausgeben, einen Film aufwendig zu bewerben und ins Kino zu bringen, wenn er "aufgrund des föderalen Flickenteppichs nur in einer Handvoll Bundesländer ausgewertet werden kann, weil in den anderen die Spielstätten noch geschlossen sind."

Deshalb brauche es unbedingt eine einheitliche Lösung für ganz Deutschland und einen entsprechenden Vorlauf, um "die Filmversorgung zu gewährleisten".

Im Gegensatz zu anderen Ländern ist die deutsche Kinobranche vergleichsweise mittelständisch

Auch wenn er für sein Unternehmen halbwegs optimistisch in die Zukunft blicke, findet er es "schwer zu glauben, dass alle die Krise überleben werden."

Die deutsche Kinobranche ist, im Gegensatz zu anderen Ländern, vergleichsweise mittelständisch und durch viele Familienunternehmen geprägt, sagt der HDF, die nun alle vor einer "nie da gewesenen Existenzbedrohung stünden". Aber natürlich kommen die einzelnen Betriebe doch sehr unterschiedlich mit der Krise zurecht.

Der Nürnberger Kinobetreiber Wolfram Weber zum Beispiel betreibt unter anderem das Cinecitta', eins der größten Multiplexe Europas. Er sagt, seine Betriebsausfallversicherung beinhalte Pandemien und werde wahrscheinlich zumindest den Ausfall von 30 Tagen kompensieren. Außerdem bietet er seit Ostern einen "To go"-Service an, zum Beispiel Popcorn und Nachos für daheim. Und die Zeit der Wiedereröffnung? "Wir haben unsere Ticketsoftware so vorbereitet, dass wir zwischen zusammen gekauften Tickets ein bis zwei Plätze freilassen und auch nur jede zweite Reihe verkaufen können. Theoretisch könnten wir im Mai mit Auflagen wieder loslegen, rechnen aber eher damit, dass das erst frühestens ab Juli möglich sein wird. " Kinobetreiber, sagt Weber, müssten einfach trotzdem von Haus aus "Berufsoptimisten" sein.

Diese Charaktereigenschaft eint tatsächlich alle Betreiber, mit denen man in diesen Tagen spricht. Thomas Kuchenreuther in München sagt, Shakespeare habe es ja auch überstanden, dass die Londoner Theater wegen der Pest geschlossen werden mussten. Und Günter Sobeck in Kaufbeuren, der sich selbst als "Kinoschädel" bezeichnet, findet, dass die Institution Kino schon immer ein "Stehaufmännchen" gewesen sei. "Das Fernsehen, die Videokassette, das Internet - das Kino wurde in meiner 40-jährigen Karriere schon so oft totgesagt, und hat trotzdem immer überlebt."

Unterstützt wird seine These durch eine Umfrage von S&L-Research unter 865 deutschen Kinogängern, laut der 93 Prozent angeben, "sehr wahrscheinlich" oder "wahrscheinlich" wieder ins Kino gehen zu wollen. Alles andere, Restaurants, Fitnesscenter, Sportveranstaltungen und Diskotheken, liegen teils deutlich dahinter.

© SZ vom 23.04.2020/tmh

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