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Kino-Weltpremiere:Autist im All

Damien Chazelles "First Man" eröffnet den Wettbewerb der Filmfestspiele von Venedig - und erzählt den Triumph des Mondfliegers Neil Armstrong als Geschichte einer Depression.

Wenn man in einer klaren Nacht nach oben sieht, beispielsweise auf dem Lido von Venedig, dann wirkt der Mond ganz nah; nicht zum Greifen nah vielleicht, aber doch so, dass es nicht unmöglich sein kann, dorthin zu gelangen. Der Traum davon muss so alt sein wie die Menschheit selbst. Von dem ersten Mann, der sich diesen Traum hat erfüllen können, handelt nun "First Man" - von dem Weg zu jenem Augenblick, als Neil Armstrong vor fast fünfzig Jahren den Mond betrat.

Szene aus Damien Chazelles "First Man": Beobachter verfolgen den Start der Mondrakete.

(Foto: Universal)

Damien Chazelle hat "First Man" inszeniert. Das hat es noch nicht oft gegeben, dass ein Regisseur, dessen Film eines der großen Festivals eröffnet hat, mit dem nächsten Film an denselben Ort zurückkehrt, zu denselben Bedingungen. Chazelles "La La Land" feierte seine Weltpremiere vor zwei Jahren am Lido, als Eröffnungsfilm - das war der Beginn einer unglaublichen Reise für dieses Musical. Und für Chazelle selbst, der erst 33 Jahre alt ist; er wurde der jüngste Regie-Oscargewinner aller Zeiten. Nun eröffnet er mit "First Man" das diesjährige Festival. Ein solcher Hattrick ist zwar einerseits sicherlich schön - er ist aber auch mit einigem Druck verbunden. Weil "La La Land" damals so euphorisch auf dem Lido aufgenommen wurde, sind die Erwartungen an "First Man" besonders hoch. Kein Augenblick ist wiederholbar; und so, wie es nur einen einzigen Augenblick gab, in dem erstmals ein Mensch den Mond betrat, kommt auch der Seligkeitsrausch jener allerersten "La La Land"-Vorführung nie wieder zurück.

Mit Ryan Gosling, der nun Neil Armstrong spielt, hat Chazelle auch bei "La La Land" schon gearbeitet, aber es ist das erste Mal, dass er das Drehbuch eines anderen inszeniert. Josh Singer, Drehbuchautor bei "Spotlight" und "The Post", hat "First Man" geschrieben. Man sieht Neil Armstrong mit den anderen Astronauten, die Truppe schwankt zwischen Konkurrenz und Solidarität. Es werden nicht alle mitdürfen, aber alle, die dann fliegen, werden aufeinander angewiesen sein. Man sieht Armstrong dann aber vor allem dabei, wie er es nicht schafft, mit seiner Familie zu kommunizieren.

Seine kleine Tochter, damit fängt der Film an, stirbt an Krebs. Er hat ihr vorgesungen, vom Mond, der durch die Eichen scheint; und das ist das Bild, das er am Tag ihrer Beerdigung durchs Fenster sieht. Er hat nichts unternehmen können dagegen, dass die Krankheit sie zerstört, und die Ohnmacht treibt ihn in eine Depression. Und diese Reise in der Apollo 11 wäre dann seine Art, die Kontrolle zurückzubekommen.

Nur passieren auf dem Weg zu dieser Mission immer wieder Unfälle, mehrere seiner Mitstreiter sterben bei Testflügen. Und Armstrong, der von Anfang an introvertiert ist, bleibt in seiner Depression. Es gibt großartige Aufnahmen in diesem Film, vom Raketenfeuer und dem kleinen Silberstreifen, in dem Armstrong erstmals die Erde von oben wahrnimmt. Und Chazelle treibt ein schönes Spiel mit der Frage, wozu das eigentlich alles gut war - warum Menschen gestorben sind, Geld ausgegeben wurde, das anderweitig gebraucht wurde, um die Sowjetunion abzuhängen bei einem Wettlauf um die Weltherrschaft. Die schönste Antwort ist dann vielleicht in den Bildern zu finden: Weil man, erstmals, die ganze Erde von oben sehen konnte; es gibt nur eine Welt, und sie gehört allen.

Filmstills

Weltpremiere von Damien Chazelles „First Man“ in Venedig: Der Astronaut Neil Armstrong, gespielt von Ryan Gosling, auf dem Weg zum Mond.

(Foto: Universal)

Und doch ist "First Man" dann nicht der Film, der das "La La Land"-Gefühl zurückbringen könnte. Es gibt hier viel zu viele Figuren, teilweise hochkarätig besetzt, die keinerlei Profil gewinnen. Überhaupt entwickelt sich wenig - außer der Mondmission selbst. Fast jede Szene zwischen Armstrong und seiner Ehefrau hat dieselbe Dynamik, man sieht zwei Menschen, die nicht miteinander reden können. Das hat Längen, und im Grunde ist man über zwei Stunden lang in derselben melancholischen Stimmung gefangen.

Neil Armstrong ist eine anachronistische Figur. Am 21. Juli 1969, nach jahrelanger Vorbereitung auf die erste Reise zum Mond, verließ er das Raumschiff Apollo 11, setzte seinen linken Fuß auf den Boden und sagte die legendären Worte: "Es ist ein kleiner Schritt für einen Menschen, aber ein großer Sprung für die Menschheit." Spätestens von diesem Moment an war er eine Berühmtheit. Man kann es sich gar nicht mehr vorstellen, aber es hat einmal Menschen gegeben, die eine solche Berühmtheit nicht zu Geld machten und gar keinen Wert darauf legten, sich von aller Welt dauernd bestaunen zu lassen; Neil Armstrong führte, bis zu seinem Tod 2012, ein relativ zurückgezogenes Leben.

In "First Man" ist er jedenfalls eine tragische Figur, die immer nur die Tiefschläge zu spüren scheint, aber keinerlei Triumph.

Damien Chazelle hat früher einmal gesagt, dass er nicht auf der Suche nach einer exakten Abbildung sei, sondern nach einer emotionalen Wahrheit. Vielleicht hat er sie hier ja gefunden - in der Geschichte einer verlorenen Seele, eines Autisten im All, der sich so allein auf der Welt fühlt, dass er nur in einem einzigen Augenblick ganz bei sich zu sein scheint: in der echten Einsamkeit jener grauen Wüste auf der Oberfläche des Mondes.

© SZ vom 30.08.2018

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