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Kino: Welcome to the Rileys:Schrei nach Erlösung

Doug verliebt sich in eine Stripperin - aber nur, weil sie ihn an seine Tochter erinnert. Jake Scott bürstet in seinem neuen Film mit Kristen Stewart alte Klischees gegen den Strich.

James Gandolfini kann einem wirklich das Herz zerreißen. Er spielt in diesem Film Doug Riley, einen wohlhabenden Sanitäranlagenhändler aus Indianapolis, der sich nach seinen Pokerabenden regelmäßig mit seiner Geliebten trifft, danach geht er heim zu seiner Frau Lois (Melissa Leo), in sein adrettes Haus, das ein gebauter Vorstadttraum des gehobenen Mittelstands ist. Eines Tages erfährt er, dass die Geliebte an einem Herzinfarkt gestorben ist. Nun versteckt er sich nachts zum Heulen in der Garage.

Kristen Stewart

Hart aber zart

Lois steht vor der Tür und lauscht, sie weiß, was los ist, aber er weiß nicht, dass sie es weiß. Es wird nicht mehr viel gesprochen bei den Rileys. Man sieht, warum das so ist, als Doug auf den Friedhof geht zum Grab der Geliebten. Er macht noch einen Abstecher, zum Grab der Tochter, die ein Teenager war, als sie vor acht Jahren starb.

Alles bei den Rileys schreit nach Erlösung - beide können nicht mehr, Lois schon viele Jahre nicht mehr, weswegen sie das Haus nicht mehr verlässt und nur noch eine Fassade aufrechterhält.

"Welcome to the Rileys", der zweite Kinofilm von Jake Scott, bürstet eine ganze Reihe von Klischees gegen den Strich - auf eine augenzwinkernde und warmherzige Art. Als Doug sieht, dass Lois neben dem Grab der Tochter einen Grabstein für sich und Doug schon hat aufstellen lassen, rastet er aus. Sie hat beide zu Zombies erklärt, das bringt das Fass zum Überlaufen. Die Dinge müssen erst richtig unerträglich werden, damit zwei Schlafwandler aufwachen.

Am Wochenende fährt er dann zu einer Tagung nach New Orleans, und er hat dort etwas, was man als sehr leisen Nervenzusammenbruch bezeichnen könnte. Er geht in einen Stripclub, bringt das Mädchen nach Hause, das für ihn getanzt hat, zieht bei ihr ein und ruft zuhause an, um seiner Frau zu sagen, dass er nicht wiederkommt. Er hat sich nicht in das Mädchen verliebt. Er hat sie sozusagen adoptiert - Mallory (Kristen Stewart), die Stripperin, ist noch halbwüchsig, eine Ausreißerin, die ihr Leben nicht auf die Reihe bekommt und dringend Halt braucht.

Das klingt ungeheuer unglaubwürdig, ach, hanebüchen, und es kommt noch schlimmer - das Alleinsein ist für Lois der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt, da macht sie sich auf nach New Orleans - in einer saukomischen Szene muss sie mit dem technischen Fortschritt kämpfen, den das Innenleben der Autos im vergangenen Jahrzehnt durchgemacht hat. In New Orleans spielt sie dann, nach anfänglichem Protest, die Mutter in dieser aus dreierlei Not geborenen urbanen Patchwork-Familie.

Das Wunderschöne an "Welcome to the Rileys" ist, wie natürlich einem das alles vorkommt, so wie Jake Scott es erzählt und Gandolfini, Stewart und Leo es spielen. Man glaubt, dass diese beiden Menschen sich nichts sehnlicher wünschen, als einem Kind, an dem andere schon alles verbockt haben, die eigenen Fehler auszubügeln, weil sie es glauben wollen. So einfach ist das natürlich nicht - aber am Ende sind alle über ihren Schatten gesprungen.

Es sagt einiges über den Zustand der amerikanischen Independent-Filme aus, dass "Welcome to the Rileys" keiner ist - dazu sind sowohl die Schauspieler, Gandolfini und Stewart, als "Twilight"-Vampirfreundin berühmt geworden, und Leo, mit ihrem Oscar für "The Fighter", zu hochkarätig, als auch der Produzent - Sir Ridley Scott steckt mit seinem Bruder Tony hinter diesem Film, Jake Scott ist sein Sohn. Die "Rileys" haben alle Tugenden, die die amerikanischen Indies einst groß gemacht haben - Jake Scott bewahrt in einer kleinen Geschichte große Träume, die Hoffnung, dass man, auch wenn die Welt unveränderlich bleibt, sich selbst noch einmal neu erfinden kann.

WELCOME TO THE RILEYS, USA 2010 - Regie: Jake Scott. Buch: Ken Hixon. Kamera: Christopher Soos. Schnitt: Nicolas Gaster. Musik: Marc Streitenfeld. Mit: James Gandolfini, Kristen Stewart, Melissa Leo, Joe Chrest, Ally Sheedy, Tiffany Coty, Elisa Davis, Lance E. Nichols, Peggy Walton Walker. Arsenal, 110 Min.