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"Happy End" im Kino:Der Zuschauer ist für Haneke nichts als ein kleiner, perverser Voyeur

Die Gegenwart scheint Haneke auf andere Art ins Visier zu nehmen. Die Grundidee zum Film kam aus einem fallen gelassenen Projekt namens "Flashmob", in dem es um soziale Beziehungen im Internet gehen sollte. Das Einzige, was wir von Thomas' Affäre mitkriegen, sind Chatkonversationen, in denen sie ihn bittet, sie wie eine Porzellanfigur zu zerbrechen und ihr ins Gesicht zu urinieren. Und anfangs filmt Eve mit ihrem Handy, wie Hamster und Mutter im Koma versinken. Was mit diesen Aufnahmen allerdings geschieht, ob sie auf Instagram oder Youtube hochgeladen werden - das lässt Haneke im Dunkeln. Vielleicht interessiert ihn das dann doch nicht so sehr.

Dennoch liegt hier der Schlüssel zu "Happy End". Schon in früheren Haneke-Filmen wie "Bennys Video" und "Funny Games" spielten Videokameras und Abspielgeräte eine Rolle. Indem Haneke das Filmen und Abspielen von Mord, Folter und Gewalt thematisierte, konfrontierte er den Zuschauer mit seiner Zuschauerrolle und machte ihm klar, dass er nichts als ein kleiner perverser Voyeur war - etwa in der Vergewaltigungsszene aus der "Klavierspielerin", die er in kühler Frontalität und ohne Schnitt gefilmt hat. Auch die versammelte Gemeinde am Ende seines Films "Das weiße Band", der 1913 spielt, war bereits Zeuge gewaltsamer Ereignisse in ihrem Dorf und wird bald den Nazis bei ihrem Aufstieg zuschauen. Hanekes Filme handeln also vom Zuschauer. Und von der Frage: Wie kann man vor den heftigsten Szenen ruhig sitzen bleiben? Vielleicht, weil man sie doch ein bisschen genießt?

Die Gewalt, die Haneke uns einst vor den Latz knallte, ist hier weitgehend verschwunden

Wenn nun Eve in "Happy End" mit ihrem Handy ihre tablettenvergiftete Mutter filmt, dann erinnert das allerdings nur noch entfernt an den Jugendlichen in "Bennys Video", der mit seiner Videokamera erst die Schlachtung eines Schweines und dann eines Mädchens aufnahm. Eves Bilder sind zwar morbid und voyeuristisch - von solchen expliziten Exzessen ist sie dennoch weit entfernt. Die Vergewaltigung in der "Klavierspielerin"? Der Mann, der sich in "Caché" die Kehle durchschneidet? Der Mann, der in "Liebe" seine Frau erstickt? Zu solchen schwer erträglichen Eindrücken gibt es hier kein Pendant mehr.

Haneke konfrontiert seine Zuschauer immer noch mit ihrer Rolle - aber eher, um zu testen, ob sie eigentlich frühere Haneke-Filme gesehen haben. Kennen sie "Bennys Video" und "Liebe"? Erinnern sie sich daran, dass es diese Kamerafahrt auf der Straße von Calais so schon einmal in "Code Inconnu" gab, und müssen sie bei Thomas' erotischen Perversionen nicht auch an jene der "Klavierspielerin" denken? So lässt er die Zuschauer feststellen: Die Gewalt, die uns der Meister aus Österreich einst vor den Latz geknallt hat, ist hier weitestgehend verschwunden.

Ein Grund dafür könnte sein, dass Haneke nicht mehr glaubt, heute noch jemanden wachrütteln zu können. Eves Videos werden von niemand Bestimmtem mehr gesehen; sie sind wie die Bilder, die heute irgendwo im Netz hochgeladen werden und dann in der Anonymität versacken. Irgendwann sieht man den Clip eines Youtubers, der Kinderbilder von sich zeigt und sich mit schriller Stimme darüber lustig macht. Dieser abgestumpfte Bursche lässt sich schwerlich von einem Haneke schockieren. Er ist der Zuschauer seiner eigenen Bilder. Keiner braucht mehr das Kino und seine Meister.

Bei allen Perversionen ist "Happy End" also ein Film über das Ende von Michael Hanekes Kino. Aber ein "fröhliches", hat er doch mit "Liebe" schon alles erreicht. Außerdem hat der Meister noch etwas in der Hinterhand. Am Ende sieht man, wie eine Katastrophe gerade noch verhindert wird. Da wäre er fast, der Schrecken, auf den alle gewartet haben. Haneke rückt dem Zuschauer nicht mehr so zu Leibe wie früher. Er begnügt sich nunmehr damit, den Schlag nur anzudeuten - und sich dann totzulachen.

Happy End, D / FRA / AUT 2017 - Regie und Buch: Michael Haneke. Kamera: Christian Berger. Mit Isabelle Huppert, Jean-Louis Trintignant, Mathieu Kassovitz. X-Verleih/Warner, 107 Min.

© SZ vom 11.10.2017/khil

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