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"Happy End" im Kino:Eine Ahnung vom Ende weißer Privilegien

Pressebilder Festival de Cannes (nur zur aktuellen Berichterstattung über das Filmfest 2017)

"Happy End" zeigt die psychische Verstörtheit und das Auseinanderbrechen einer bürgerlichen Familie - unter anderem mit Isabelle Huppert und Jean-Louis Trintignant (hinten links).

(Foto: X-Verleih)

Michael Haneke ist zu weiß und zu bürgerlich, um etwas anderes zu zeigen als sein eigenes Milieu. Aber das tut er in "Happy End" großartig.

Von Philipp Stadelmaier

Vor einigen Jahren, als sein Film "Liebe" ins Kino kam, schien es eine Zeit lang, als habe sich Michael Haneke einen Twitter-Account zugelegt. Dort waren regelmäßig kleine, in teutonischem Pseudo-Englisch verfasste Perlen der Arroganz zu lesen. "Ich habe einen Film über Schlaganfälle gemacht, und alles, was ich dafür bekommen habe, war dieses T-Shirt, eine Goldene Palme und fünf Oscar-Nominierungen", stand da etwa. Dann wurde aus den Nominierungen ein Oscargewinn, und die Tweets wurden noch eine Spur absurder.

Natürlich war das eine Parodie, erfunden von einem Witzbold namens Benjamin Lee. Der echte Haneke, das kann man sich vorstellen, muss sich nach dem enormen Erfolg von "Liebe" aber wirklich die eine oder andere Frage gestellt haben. Was soll man tun, wenn man gerade sein absolutes Meisterwerk vorgelegt hat, in dem man ein achtzigjähriges Ehepaar beim Sterben zeigt, die Leute ins Kino strömen und man außerdem so ziemlich jeden Filmpreis der Welt abgesahnt hat?

Eine Antwort auf diese Frage kann man jetzt in "Happy End" suchen. So heißt Hanekes neuer Film, der dieses Jahr wieder im Wettbewerb von Cannes lief. Wir sind in Calais, in Nordfrankreich, bei den Laurents, die ein wirtschaftlich schon etwas angeschlagenes Bauunternehmen führen und in einer riesigen Familienvilla wohnen. Da ist der alte Patriarch (Jean-Louis Trintignant), der einen Selbstmordversuch nach dem anderen begeht. Seine Tochter (Isabelle Huppert) muss einen Großunfall auf einer Baustelle managen und die Depressionen ihres Sohnes, der sich schon mal in einer irrsinnigen Szene in einer Diskothek bis zur Erschöpfung auf dem Boden wälzt. Ihr verheirateter Bruder, Thomas, scheint völlig eingekapselt in sich selbst zu sein, lebt aber in einer Affäre mit einer Cellistin erotische Dominanzfantasien aus. Zu Beginn des Films zieht dann noch Eve, Thomas' dreizehnjährige Tochter aus erster Ehe, in die Villa ein. Ihre depressive Mutter hat sich nach einer Überdosis Pillen ins Koma verabschiedet. Eve ist auch kein Engel, hat sie doch anfangs ihren Hamster mit Tabletten vergiftet und vielleicht - vieles weist darauf hin - auch ihre Mutter.

Haneke ist zu weiß und zu bürgerlich, um etwas anderes zu zeigen als sein eigenes Milieu

"Happy End" ist tatsächlich eine Art Fortsetzung von "Liebe". Schon da hatte Trintignant den alten Musikprofessor gespielt, der seine kranke Frau erstickt hatte, um sie von ihrem Leiden zu erlösen. Der neue Film spielt darauf an, der Patriarch erzählt, wie er einst seine kranke Frau auf die gleiche Weise getötet hat. Wie in "Liebe" verkörpert Huppert Trintignants Tochter. Aber während sich Haneke zuvor aufs Sterben eines bürgerlichen Ehepaars konzentriert hatte, zeigt er nun die psychische Verstörtheit und das Auseinanderbrechen einer bürgerlichen Familie.

Zu deren Wahnsinn kommt noch eine latente Angst vor dem Fremden. Wir sind ja in Calais, wo es bis 2016 ein riesiges Flüchtlingslager gab, den mittlerweile geräumten "Dschungel". Immer wieder taucht eine Gruppe von Schwarzen auf - im Hintergrund, als Ahnung eines Eindringens und des Endes weißer Privilegien. Haneke geht nicht weiter auf sie ein, instrumentalisiert sie aber auch nicht. Er weiß, dass er selbst zu weiß und bürgerlich ist, um etwas anderes zu zeigen als sein eigenes Milieu. Der Mann kann Filme über ein Musikprofessoren-Ehepaar machen, das abends ins Konzert geht und sich danach stundenlang darüber unterhält, über Suizidversuche alter weißer Menschen und bürgerliche Neurosen. Nicht über Migranten auf der Suche nach einem besseren Leben.

Der Zuschauer ist für Haneke nichts als ein kleiner, perverser Voyeur

Die Gegenwart scheint Haneke auf andere Art ins Visier zu nehmen. Die Grundidee zum Film kam aus einem fallen gelassenen Projekt namens "Flashmob", in dem es um soziale Beziehungen im Internet gehen sollte. Das Einzige, was wir von Thomas' Affäre mitkriegen, sind Chatkonversationen, in denen sie ihn bittet, sie wie eine Porzellanfigur zu zerbrechen und ihr ins Gesicht zu urinieren. Und anfangs filmt Eve mit ihrem Handy, wie Hamster und Mutter im Koma versinken. Was mit diesen Aufnahmen allerdings geschieht, ob sie auf Instagram oder Youtube hochgeladen werden - das lässt Haneke im Dunkeln. Vielleicht interessiert ihn das dann doch nicht so sehr.

Dennoch liegt hier der Schlüssel zu "Happy End". Schon in früheren Haneke-Filmen wie "Bennys Video" und "Funny Games" spielten Videokameras und Abspielgeräte eine Rolle. Indem Haneke das Filmen und Abspielen von Mord, Folter und Gewalt thematisierte, konfrontierte er den Zuschauer mit seiner Zuschauerrolle und machte ihm klar, dass er nichts als ein kleiner perverser Voyeur war - etwa in der Vergewaltigungsszene aus der "Klavierspielerin", die er in kühler Frontalität und ohne Schnitt gefilmt hat. Auch die versammelte Gemeinde am Ende seines Films "Das weiße Band", der 1913 spielt, war bereits Zeuge gewaltsamer Ereignisse in ihrem Dorf und wird bald den Nazis bei ihrem Aufstieg zuschauen. Hanekes Filme handeln also vom Zuschauer. Und von der Frage: Wie kann man vor den heftigsten Szenen ruhig sitzen bleiben? Vielleicht, weil man sie doch ein bisschen genießt?

Die Gewalt, die Haneke uns einst vor den Latz knallte, ist hier weitgehend verschwunden

Wenn nun Eve in "Happy End" mit ihrem Handy ihre tablettenvergiftete Mutter filmt, dann erinnert das allerdings nur noch entfernt an den Jugendlichen in "Bennys Video", der mit seiner Videokamera erst die Schlachtung eines Schweines und dann eines Mädchens aufnahm. Eves Bilder sind zwar morbid und voyeuristisch - von solchen expliziten Exzessen ist sie dennoch weit entfernt. Die Vergewaltigung in der "Klavierspielerin"? Der Mann, der sich in "Caché" die Kehle durchschneidet? Der Mann, der in "Liebe" seine Frau erstickt? Zu solchen schwer erträglichen Eindrücken gibt es hier kein Pendant mehr.

Haneke konfrontiert seine Zuschauer immer noch mit ihrer Rolle - aber eher, um zu testen, ob sie eigentlich frühere Haneke-Filme gesehen haben. Kennen sie "Bennys Video" und "Liebe"? Erinnern sie sich daran, dass es diese Kamerafahrt auf der Straße von Calais so schon einmal in "Code Inconnu" gab, und müssen sie bei Thomas' erotischen Perversionen nicht auch an jene der "Klavierspielerin" denken? So lässt er die Zuschauer feststellen: Die Gewalt, die uns der Meister aus Österreich einst vor den Latz geknallt hat, ist hier weitestgehend verschwunden.

Ein Grund dafür könnte sein, dass Haneke nicht mehr glaubt, heute noch jemanden wachrütteln zu können. Eves Videos werden von niemand Bestimmtem mehr gesehen; sie sind wie die Bilder, die heute irgendwo im Netz hochgeladen werden und dann in der Anonymität versacken. Irgendwann sieht man den Clip eines Youtubers, der Kinderbilder von sich zeigt und sich mit schriller Stimme darüber lustig macht. Dieser abgestumpfte Bursche lässt sich schwerlich von einem Haneke schockieren. Er ist der Zuschauer seiner eigenen Bilder. Keiner braucht mehr das Kino und seine Meister.

Bei allen Perversionen ist "Happy End" also ein Film über das Ende von Michael Hanekes Kino. Aber ein "fröhliches", hat er doch mit "Liebe" schon alles erreicht. Außerdem hat der Meister noch etwas in der Hinterhand. Am Ende sieht man, wie eine Katastrophe gerade noch verhindert wird. Da wäre er fast, der Schrecken, auf den alle gewartet haben. Haneke rückt dem Zuschauer nicht mehr so zu Leibe wie früher. Er begnügt sich nunmehr damit, den Schlag nur anzudeuten - und sich dann totzulachen.

Happy End, D / FRA / AUT 2017 - Regie und Buch: Michael Haneke. Kamera: Christian Berger. Mit Isabelle Huppert, Jean-Louis Trintignant, Mathieu Kassovitz. X-Verleih/Warner, 107 Min.

© SZ vom 11.10.2017/khil

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