Kino Versklavt

Es ist ein australischer Kinowestern: In seinem Film "Sweet Country" erzählt der preisgekrönte Regisseur Warwick Thornton von der Ausbeutung der Aborigines durch die Weißen. Ein düsteres, beeindruckendes Werk.

Von Anke Sterneborg

Sam und seine Frau werden auf einer Farm ausgebeutet.

(Foto: Grandfilm)

Über dem glühenden Lagerfeuer kocht wie Teer eine schwarze, dickflüssige Masse. Auf der Tonspur ist aus dem Off ein böser Streit zu hören, der parallel zur immer stärker brodelnden Suppe eskaliert, mit wüsten Beschimpfungen, "schwarzer Mistkerl", "Scheißweißer".

Ende der Zwanzigerjahre brodelt an der Frontier im australischen Outback nicht nur das Essen. Für die meisten weißen Australier sind die dunkelhäutigen Ureinwohner nur Besitz, kaum besser als Rinder, Schafe und Pferde. Harry March (Ewen Leslie) war vermutlich schon immer ein rassistischer Redneck der übelsten Sorte, die Erfahrungen an der Westfront im Krieg gegen die Deutschen haben sein Temperament noch verschlimmert. Nun bewirtschaftet er ein Stück Land, stellt sich bei seinem Nachbarn, dem Priester Fred (Sam Neill), vor. Beiläufig fragt er ihn, wie er es denn mit dem "schwarzen Vieh" halte. Fred versteht erst gar nicht und widerspricht dann entschieden: "Nein, nein, vor den Augen Gottes sind wir alle gleich." Doch mit derart liberalen Ansichten ist er an diesem Ort zu dieser Zeit ein Solitär. Widerwillig und nichts Gutes ahnend, verleiht er dann doch seinen Landarbeiter Sam samt Frau und Nichte als Arbeitskräfte, und das Unglück nimmt seinen Lauf. Irgendwann schließt Harry am helllichten Tag alle Türen und Fensterläden von innen, vergewaltigt Sams Frau.

Es ist die alte Geschichte von der Inbesitznahme des Landes und seiner Bewohner, nur dass die Frontier hier nicht durch den Wilden Westen Amerikas verläuft, sondern durch den australischen Outback mit seiner ganz eigenen, kargen Schönheit, der roten Wüste, mit dramatischen Wolkenformationen, struppigen Gräsern, silbrigen Eukalyptusblättern, knorrigen Bäumen und bizarren Felsmassiven. Aus der Schönheit seiner australischen Heimat, aus der statt Indianern Aborigines vertrieben wurden, destilliert Regisseur Warwick Thornton seinen Western. 2009 hat er mit "Samson and Delilah" auf dem Festival in Cannes, in der Reihe "Un Certain Regard" schon den Spezialpreis fürs beste Debüt bekommen, im letzten Jahr folgte in Venedig der Jurypreis für "Sweet Country".

Er nutzt das Westerngenre für ein wuchtiges und melancholisches Statement über den bis heute allgegenwärtigen Rassismus in Australien. Thornton schreibt die Mythen des klassischen Westerns um, eignet sie sich souverän an. Statt eines manipulativen Soundtracks macht er die Geräusche der Natur zum Sounddesign, das Zirpen der Grillen, das Rauschen des Windes. So wie die Geschichte der Aborigines durch die weißen Einwanderer zerstört wurde, bricht er das lineare Erzählen auf, mit dunklen Vorahnungen und ernüchternden Flashbacks, die Lügen enttarnen und Hoffnungen zerstören.

Sweet Country, Australien 2017 - Regie und Kamera: Warwick Thornton. Buch: Steven Gregor, David Trenter. Schnitt: Nick Meyers. Mit: Sam Neill, Hamilton Morris, Bryan Brow. Grand Film. 103 Minuten.