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"Tenet" von Christopher Nolan:Nachdenken verboten

John David Washington im Thriller "Tenet" von Christopher Nolan

Spuren eines Kampfs, der noch nicht stattgefunden hat: Diese wundersame Logik raubt in "Tenet" nicht nur John David Washington fast den Verstand.

(Foto: Warner)

Von Mittwoch an tatsächlich im Kino: Christopher Nolans weltumspannender Thriller "Tenet" ist ein großes Filmspektakel und bietet eine neue Form cineastischer Trance - wenn man nicht über Logik nachdenkt.

Von Tobias Kniebe

Du drückst den Abzug deiner Pistole und siehst, wie das Einschussloch in der Glasscheibe vor dir verschwindet und die Kugel zurückspringt in ihren Lauf. Du schlägst einen Gegner, aber es ist, als zögest du die Faust aus seinem Gesicht, während sich seine Züge wieder glätten. Du fährst mit hoher Geschwindigkeit auf ein Autowrack zu, das auf dem Dach liegt und den Highway blockiert, aber eine Sekunde später wird es in die Luft gezogen, dreht sich mehrfach um die eigene Achse, beult sich von selber aus und rast rückwärts davon.

Viel mehr braucht es nicht in Christopher Nolans Film "Tenet", um in eine neue, faszinierende Form der Trance zu geraten, die man als Zuschauer mehr und mehr mit den Protagonisten teilt. Um einzutauchen in ein Niemandsland, wo die Gesetze von Logik und Physik schon auf dem Rückzug sind, aber noch mit letzter Kraft um ihre Gültigkeit kämpfen. Eine wirkliche Chance haben sie aber nicht, das erkennt man schnell - weshalb man sich am besten einfach fallen lässt, um die atemberaubenden Bilder und die wunderliche Logik dieses Filmtraums zu genießen.

Zwar werden jene, die nicht so schnell lockerlassen, die vorher und nachher, vorwärts und rückwärts, Ursache und Wirkung im Kino noch gern sauber auseinanderhalten wollen, nicht gänzlich vor den Kopf gestoßen. Sie bekommen Erklärungen von Menschen in weißen Kitteln, mit gewichtiger Miene vorgetragen, in denen von "Umkehrung der Entropie" und "invertierter Materie" die Rede ist - von einem gefährlichen Stoff, der sich gleich einem hochtoxischen Gift immer weiter in der Welt verbreitet.

Das Nachdenken über die Logik der Action sollte unbedingt vermieden werden

Denkt man darüber nach, lösen sich diese Erklärungen allerdings in Luft auf, und die inneren Widersprüche des Konzepts, das auch Zeitreisen in die Vergangenheit ermöglicht, drohen einem das Hirn zu sprengen. Zum Nachdenken darf es also nicht kommen, wenn man diesen Film sieht, und Christopher Nolan gibt sein Bestes, um störende kognitive Aktivitäten zu unterbinden. Sein Rezept dazu ist ein atemloses cineastische Jetsetting, das man auch aus den ganzen James Bond- und "Mission Impossible"-Filmen kennt.

Kommando-Operationen in brutalistischen Betonbunkern des früheren Ostblocks, ein sturmumtostes Hauptquartier im Nordmeer, ein Hochhauseinbruch in Mumbai, ein Supersnob-Lunch mit Michael Caine in London, eine Lady in Luxusgefangenschaft an der Amalfiküste, dazu ein russischer Fiesogarch (Kenneth Branagh) mit Superyacht und Gewaltproblem, und so fort... Der Film springt in Höchstgeschwindigkeit von einem Spektakel zu nächsten, das dürfen auch sattsam bekannte Motive sein, Nolan unterstreicht hier zunächst seinen Status als regierender Cheflogistiker des Weltkinos.

Gerade jetzt, nach den blockbusterfreien Monaten des Lockdowns, wirkt das irgendwie, als würde die große Leinwand wieder freigesprengt. Der Wind der weiten Welt darf wehen, der Mief der unfreiwilligen Kammerspielzeit wird durchgepustet, und man atmet tatsächlich auf. Diesen sauteuren Film jetzt zu starten, mit durch Abstandsregeln blockierten Kinositzen und Maskenpflicht, in Europa noch vor den USA, das braucht Mut und Vision und Macht.

Nolan setzt hier das Zeichen, auf das alle gewartet haben. Wie kein anderer Regisseur bekennt er sich zur Kinoerfahrung, zum Träumen im abgedunkelten Saal, wie keine anderer bekämpft er das Abdriften der großen Bilder in die Streamingwelt und damit letztlich, machen wir uns nichts vor, ins Smartphone-Format. Das hat, genau wie der Filmpalast nebenan, der jetzt um seine Existenz kämpft, jede Unterstützung verdient.

Es geht um die Rettung der Welt, worum auch sonst

Man bekommt, wenn man sich auf diese Reise begibt, auch feine Begleiter. John David Washington ist der Sohn von Denzel Washington, in Spike Lees "BlacKkKlansman" hat er die Welt (und Christopher Nolan) zum ersten Mal fasziniert, jetzt ist er der menschliche Ankerpunkt dieses Großunternehmens. Ihm zur Seite steht Robert Pattinson. Am Anfang arbeiten beide für traditionelle Geheimdienste, dann aber für eine Organisation namens "Tenet". Diese bleibt mysteriös, aber der Name verspricht nicht nur wörtlich ein Prinzip oder einen Glaubenssatz, sondern auch ein Netzwerk, das Wort "Net" dehnt sich hier aus, nach vorn und nach hinten zugleich.

Kinostart - 'Tenet'

John David Washington in einer Szene von Christopher Nolans "Tenet".

(Foto: dpa)

Es geht um die Rettung der Welt, worum auch sonst, vor einer Bedrohung aus der Zukunft. In der Zukunft herrschen offenbar Menschen, die voller Abscheu auf der Treiben der Gegenwart blicken. Genaueres weiß man nicht, aber man könnte sich eine gealterte und immer noch sehr wütende Greta Thunberg vorstellen. Die invertierte Materie kommt aus dieser Zukunft, aber sie ist nur der Anfang, auch Menschen können invertiert werden und sich dann rückwärts durch die Zeit bewegen, und der böse Masterplan ist schließlich die Inversion von allem, die endgültige Schubumkehr in der Raumzeit des Universums.

Gemessen an Marvel-Bösewichtern, die mit einem Fingerschnipsen die Hälfte der Menschheit auslöschen, wirkt dieser Weg der Entvölkerung fast human. Entwickeln wir uns dann langsam zu Babys zurück und dürfen noch eine Weile über unsere Sünden nachdenken? Man weiß es nicht, es muss ja auch verhindert werden. Und wie gesagt, man darf nicht darüber ins Grübeln kommen, das endet in unauflösbaren Paradoxien. Im Herzen dieses faszinierenden Films pocht nämlich eine Idee, die eigentlich sehr viel simpler ist.

Ein flirrender Traumeffekt wie in einem surrealistischen Gemälde

Christopher Nolan manipuliert gern die Schwerkraft und die filmische Zeit, das ging schon in "Memento" los, in "Inception" und "Interstellar" hat er das Spiel dann bis an die Grenzen der Logik getrieben. Eine grundlegende Fähigkeit betrifft dabei den kinematografischen Apparat selbst, der es seit seiner Geburt bekanntermaßen erlaubt, Bildfolgen vorwärts, aber auch rückwärts ablaufen zu lassen - eine Zeitmaschine im Kleinen.

Christopher Nolan

Ob "Memento", "Inception" oder "Interstellar": Christopher Nolan manipuliert gern Schwerkraft und filmische Zeit.

(Foto: AP)

Dieser herrlich irritierende Effekt wird nie alt, Youtuber nutzen ihn für Levitationen aus dem Swimmingpool oder für Zaubereien im Ankleidezimmer der Fashiongirls. Was aber, wenn man diese Umkehrung so clever konstruiert, dass sie in beiden Richtungen Sinn ergibt, dass man die Laufrichtung nach Belieben wechseln und jeweils neu lesen kann? Dann landet man wie Nolan bei Kampfszenen, die man in der ersten Hälfte des Films vorwärts ablaufen lässt, in der zweiten aber rückwärts, und bei Autoverfolgungsjagden, wo man am Ende wirklich nicht mehr weiß, wo vorn und hinten ist.

Da gilt es dann, auf subtilste Zeichen zu achten, um zu erkennen, in welcher Zeitrichtung man eigentlich unterwegs ist: Rauch, der in Schornsteinen verschwindet, Staub, der sich legt, statt aufzuwirbeln, Wellen, die in der falschen Richtung am Schiffsbug lecken. Weil das meist aber viel zu schnell vorbeirauscht, um wirklich ins Bewusstsein vorzudringen, entsteht dieser flirrende Traumeffekt - als habe man sich in ein wildbewegtes surrealistisches Gemälde verirrt.

Das globale Erzählen sprengt alle Grenzen

Darum geht es, das ist der Kern des ganzen Unternehmens, und seine Unwirklichkeit ist eine ganz andere als die jener unwirklichen Bilder aus dem Computer, die es inzwischen in ermüdendem Überfluss gibt - und denen man immer irgendwie ansieht, dass sie aus Pixeln zusammengebaut sind. Hier ist das Allermeiste echt, feste Materie und reale Menschen, die beim Filmen nur sehr seltsam durch die Gegend bewegt wurden. Das macht alles viel greifbarer und noch ungreifbarer zugleich.

So geradlinig aber die Arbeit in der Kamera abläuft, so irrsinnig müssen die Hirnverknotungen werden, um den Spaß auf der Ebene des Plots zu rechtfertigen und wieder aufzufangen. Hier sprengt das globale Erzählen gerade alle Grenzen, die frühere Handlungskonstruktionen noch im Zaum gehalten haben. Die Komplexität darf praktisch unendlich werden, ohne dass die Zuschauer in Scharen flüchten - dafür ist der Erfolg der deutschen Serie "Dark", die ihre globale Fangemeinde mit der Vervielfachung von Zeitebenen, Figuren und sogar Parallelwelten in den selbst gewählten Wahnsinn treibt, das beste Beispiel.

Und wieso auch nicht? Der Anspruch, dass irgendetwas einfach zu durchschauen und gar zu lösen sei, wird ja auch in der Wirklichkeit gerade weltumspannend aufgegeben. Das Finale von "Tenet" zeigt allerdings ein Problem, das diese Tendenz des Erzählens mit sich bringt. Da könnte der Weltuntergang getriggert werden. Die einen kämpfen dafür, die anderen dagegen, die Uhr tickt, alles soll irre aufregend sein, und mitten im Kugelhagel müssen die Helden um jeden Preis ein seltsames metallisches Objekt in ihren Besitz bringen. Noch zehnmal spannender wäre es allerdings mit einer kleinen Verbesserung - wenn man tatsächlich verstehen würde, warum.

Tenet, USA 2020 - Regie und Buch: Christopher Nolan. Kamera: Hoyte van Hoytema. Mit John David Washington, Robert Pattinson, Elizabeth Debicki, Kenneth Branagh. Warner, 150 Minuten.

© SZ vom 22.08.2020/bans
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