Kino Szenen aus der Sandkiste

Auf Spielplätzen beobachtete Alexandra Helmig seltsames Eltern-Verhalten. Aus den Notizen der Autorin und Schauspielerin entstand jetzt die Kino-Komödie "Frau Mutter Tier"

Von Barbara Hordych

Der Ausgangspunkt für alles, was kam, waren Alexandra Helmigs Beobachtungen auf dem Spielplatz - an sich selbst und in ihrem Umfeld. "Es gab da diese absurden Szenen, wo Mütter auf der einen Seite wie in Trance die Schaukel weiter anstießen, sich dabei auf der anderen Seite unterhielten, und dabei gar nicht bemerkten, dass ihre Kinder längst von der Schaukel abgestiegen waren; oder ich sah, wie Erwachsene sich in diesen Spielhäuschen total verrenkten, um sich durch die Türen oder Fenster heraus mit anderen Eltern zu unterhalten - und dabei nicht realisierten, dass ihre Kinder gar nicht mehr in dem Häuschen waren", erzählt die Münchner Autorin, Schauspielerin, Sängerin - und Mutter zweier Töchter. Szenen von unfreiwilliger Komik, die vielen Eltern bekannt vorkommen dürften. Ebenso wie dieses merkwürdige Verhalten, zwar ständig vor sich hin zu sprechen, "etwa um meine kleine Tochter im Supermarkt zu besänftigen, aber keinen Satz mehr richtig zu Ende zu bringen."

Alexandra Helmig, gerade 44 geworden, beließ es nicht beim Beobachten. Sie verarbeitete das, was sie gesehen hatte, 2011 in dem selbstironischen Bühnenstück "Frau Mutter Tier". Das wiederum wurde nun verfilmt und feiert am 12. März im Arri-Kino Premiere, am 21. März startet der Film deutschlandweit. Helmig ist nicht nur die Autorin, sondern hat auch eine der Hauptrollen neben Julia Jentsch und Brigitte Hobmeier übernommen. Sie spielt die Werbefachfrau Nela, die trotz ihres Babys Karriere in der Agentur machen will. Und ihr Muttersein deshalb vor den Kollegen verheimlicht.

Dafür muss sie den Einbruch ihrer Schwiegermutter in ihre Kleinfamilie erdulden, die Nelas Erziehungsmethoden mit "Oma-Ausnahme-Regeln" unterläuft. "Das ist ja so ein anderes Problem, mit dem erst einmal niemand rechnet, wenn die Kinder kommen: Auf einmal wird man wieder mit den Erziehungsvorstellungen der eigenen Herkunftsfamilie oder der Schwiegereltern konfrontiert, muss Verhaltensweisen akzeptieren, die man vorher strikt für sich abgelehnt hatte". Denn wer sich Hilfe aus der Familie hole, dem könne diese plötzlich unliebsam nahe kommen.

Alexandra Helmig hat sich gleich dreifach in den Film eingebracht: als Autorin, Schauspielerin und auch als Sängerin.

(Foto: Robert Haas)

Doch zurück zur Milieustudie am Sandkasten-Rand. "Bei meiner ersten Tochter ist mir dieses Phänomen gar nicht so bewusst aufgefallen. Damals drehte ich als Schauspielerin ziemlich rasch nach der Geburt wieder Filme". Doch als sie fünf Jahre später ihre zweite Tochter bekam, legte sie eine längere Familienphase ein und verbrachte viel Zeit in der Gesellschaft anderer Mütter "auf diesem Soziotop Spielplatz", erzählt Helmig bei einem Treffen in der Nähe ihres damaligen "Lieblingsplatzes" an der Friedrichstraße in Schwabing.

"Wenn man arbeitet, ist man unter den Müttern auf dem Spielplatz diejenige, die sowieso nur weg ist". Aber wer nicht berufstätig sei und dort seine Nachmittage verbringe, komme nicht umhin, sich dort seinen Platz zu erobern. "Dann will man auch anerkannt und aufgenommen sein in der Runde; schon allein für das Kind, denn das soll ja auch bei den anderen eingeladen werden und akzeptiert sein als Spielgefährte, die gehen ja noch nicht alleine irgendwohin in dem Alter". Als enormen "Sozial-Stress" habe sie das damals empfunden. Ein Stress, dem Brigitte Hobmeier in dem Film als betont tiefenentspannte vierfache Hippie-Mutter zu entkommen meint, indem sie die gekauften Discounter-Plätzchen als selbst gebackene Biokekse ausgibt. Klar, dass auch hier irgendwann auffliegt, dass ihr vermeintlich friedliches Zuhause in Chaos und Geschrei versinkt.

Eine überraschende Entdeckung, die im Film ausgerechnet Julia Jentsch als perfekte Vollzeit-Mama Marie macht. Die den Sandkasten sogar mit einem Rechen harkt, um etwaige Verunreinigungen wie Zigarettenkippen zu beseitigen. "Als Julia das Drehbuch las und zusagte, war das für uns ein wichtiger Meilenstein", sagt Helmig. Nimmt man noch Kristin Suckow als junge alleinerziehende Mutter Tine hinzu, die mit finanziellen Problemen und Liebhabern zu kämpfen hat, die kein Verständnis für ihre Situation aufbringen, dann ist das Mütterensemble komplett.

"Sicher kann man sagen, dass diese Frauentypen etwas klischeehaft angelegt sind. Aber wir mussten sie so zuspitzen, wie sollten wir sie sonst skizzieren in nur 90 Minuten?", sagt Helmig. Deutlich weniger Raum nehmen die Männerfiguren ein. "In unserem Film verhält es sich ein wenig anders herum als sonst: Die Frauen und ihre Begegnungen miteinander stehen im Mittelpunkt, ihre Partner sind eher Nebenfiguren." Trotzdem hätten die Schauspieler einen Riesenspaß beim Drehen gehabt. Einerlei, ob sie selber im echten Leben Vater sind wie Matthias Weidenhöfer oder noch keine Erfahrung mit Kindern hatten wie Florian Karlheim. Helmig, Jentsch und Hobmeier jedenfalls steuerten jede Menge eigenes Mutter-Leben bei, Hobmeier war beim Dreh sogar mit ihrem zweiten Kind im siebten Monat schwanger.

Sie beabsichtige keineswegs, Frauen mit und ohne Kinder gegeneinander auszuspielen, sagt Helmig. In puncto Muttersein gebe es nur einen eklatanten Unterschied zwischen Theorie und Praxis. "Nur wer einmal an sich selbst erlebt hat, was Schlafentzug über Monate hinweg mit einem anrichtet, weiß, warum es bei Müttern plötzlich zu hysterischen oder aggressiven Ausbrüchen kommen kann."

Als es darum ging, das Bühnenstück für einen Film zu adaptieren, stand für Helmig bald fest, dass sie eine der Mütter selbst spielen wollte. Die Münchner Regisseurin Felicitas Darschin riet ihr zur Rolle der berufstätigen Nela. Weshalb sie sich auch die langen brünetten Locken abschneiden ließ. "Es war eine Beobachtung von Felicitas, dass Mütter von Kleinkindern oft noch lange Haare haben, die sie irgendwie zu einem Zopf zusammenwurschteln, halt so, wie es die Zeit mit den Kindern zulässt. Später, wenn sie wieder in den Beruf zurückgehen oder mehr Zeit für sich haben, kommen die Haare oft ab". Die Film-Frisur gefiel Helmig dann übrigens so gut, dass sie sie fortan beibehielt.

Auch als Musikerin ist Helmig in dem Film präsent. "Als wir uns um den Soundtrack Gedanken machten, baten mich die Filmmusiker, ihnen einige meiner Lieder zu schicken", sagt sie. Natürlich auch deshalb, weil man so teure Lizenz-Gebühren umgehen wollte. Ausgewählt wurde ihr Song "Unspoken". Und dann passierte noch etwas, was sie als eine Reihe "unvorhergesehener glücklicher Fügungen" bezeichnet. "Ohne dass ich davon wusste, schickten die Produzenten die Demobänder mit meinen Songs dem Musikproduzenten Hans-Martin Buff, der schon mit Künstlern wie Prince zusammengearbeitet hatte." Er war so angetan von Helmigs Pop- und Jazz-Songs, dass er den Weg zu der Aufnahme ihres Debütalbums "Pictures" mit vier Musikern in den legendären Londoner Abbey Road Studios ebnete.

Das Release-Konzert des bei Sony herausgekommenen Albums fand vor kurzem unter ihrem musikalischen Künstlernamen Ada Morghe im Ampere in der Muffathalle statt. So lautet Helmigs Resümee: "Man kann sagen, dass ich genau jetzt einen Punkt in meinem Leben erreicht habe, an dem zwanzig Jahre meines künstlerischen Schaffens zusammenfließen."