bedeckt München 14°
vgwortpixel

Stephen Kings "Doctor Sleep":In Kubricks Schatten

Dr Sleep

Dan Torrance (Ewan McGregor) kehrt in "Doctor Sleep" ins Overlook Hotel zurück, wo einst Jack Nicholson die Tür zerhäckselte.

(Foto: Verleih)
  • Mike Flanagan bringt Stephen Kings "Shining"-Fortsetzung mit dem Titel "Doctor Sleep" in die Kinos.
  • Bereits bei Kubricks Stephen-King-Verfilmungen zeigte sich King als überfürsorglicher Helikopter-Autor.
  • Vielleicht folgt der Regisseur Flanagan deshalb getreu seiner Vorlage - mit einem großen Kinomoment, in dem Original und Fortsetzung verschmelzen.

Einer der unterhaltsamsten Zickenkriege der modernen Popkultur fand zwischen Stephen King und Stanley Kubrick statt. Der Regisseur Kubrick verfilmte einst Kings Roman "The Shining", und dieser Horrorfilm gilt vielen Zuschauern bis heute als die mit Abstand beste Stephen-King-Verfilmung. Es gibt allerdings eine Person, die der Meinung ist, dass es sich dabei womöglich um die schlechteste Stephen-King-Verfilmung handelt - und das ist Stephen King.

Seit bald vierzig Jahren - der Film kam 1980 ins Kino - schimpft King leidenschaftlich über den irren Kubrick, der sein Buch falsch verstanden habe und ihm zudem während der Produktionsphase brutal auf die Nerven gegangen sei. Besonders schön seine Auslassungen dazu in einem legendären Interview mit dem Playboy: "Ich weiß noch, wie Kubrick mich einmal um sieben Uhr morgens anrief und fragte, ob ich an Gott glaube. Ich wischte mir den Rasierschaum vom Mund, dachte kurz nach und sagte: Ja, ich denke schon. Kubrick antwortete: Nein, ich glaube nicht, dass es einen Gott gibt - und legte einfach auf."

Kino Das Klassentreffen des Grauens
"Es Kapitel Zwei" im Kino

Das Klassentreffen des Grauens

Im zweiten Teil von Stephen Kings Horrorklassiker sind es weniger die Reißzähne des Clowns, die Angst einjagen, sondern das Thema: Der Schrecken des Erwachsenwerdens.   Von David Steinitz

Nach einem Flop wollte Kubrick damals unbedingt etwas Populäres verfilmen

Kubrick wiederum war kein großer Verehrer von Stephen King, befand sich damals aber in einer misslichen Lage. Denn er galt zwar als Kinogenie, hatte mit seinem Historienepos "Barry Lyndon" aber trotzdem einen Flop zu verbuchen. Die Zuschauer standen nicht gerade Schlange, um eine Schelmengeschichte aus dem England des 18. Jahrhunderts zu sehen. Ein empörter Kinobesitzer schrieb sogar erbost an Kubricks Verleih: "Bitte schicken Sie mir keine Filme mehr, in denen der Held mit einem Federkiel schreibt!"

Also musste als nächstes Projekt etwas Populäres her, und so kam Kubrick auf den Bestsellerkönig King und dessen dritten Roman "The Shining". Die Verfilmung wurde wirklich ein Hit, aber laut Kubrick natürlich nur, weil er dem Buch ein intellektuelles Upgrade verpasst hatte. In einem Interview mit Hellmuth Karasek sagte er: "Bei ,Shining' glaube ich, dass der Film viel besser ist als der Roman."

King litt unter dem Erfolg von Kubricks Version so sehr, dass er sein Buch noch mal verfilmen ließ: 1997 entstand ein Fernsehdreiteiler, für den er das Drehbuch selbst verfasste. Er hängt bis heute so an der Geschichte, weil "Shining" für ihn wie kaum ein anderer seiner vielen Romane eine besondere autobiografische Komponente hat. Das Buch handelt von dem erfolglosen Schriftsteller und Alkoholiker Jack Torrance, der einen Job als Hausmeister im Overlook-Hotel in den Rocky Mountains annimmt, wo er im Rausch nach und nach dem Wahnsinn verfällt und versucht, seine Frau und seinen Sohn zu töten.

King, der damals selbst Alkoholiker war, sah das Buch im Nachhinein als Produkt seines Kampfes mit seinen inneren Dämonen. Ein Element, das Kubrick seiner Meinung nach eliminierte, indem er Jack Nicholson für die Hauptrolle verpflichtete. Denn der verfiel in Kings Augen nicht langsam und schmerzvoll dem Wahnsinn, sondern sah mit seinen Grimassen von Anfang an komplett plemplem aus. Deshalb konnte er nie die meisterliche Perfektion genießen, mit der Kubrick die Zuschauer so gnadenlos malträtierte wie kein Horrorregisseur vor oder nach ihm - sein "Shining" ist vermutlich der einzige Film der Filmgeschichte, der sich anfühlt wie eine Wurzelbehandlung.

Stephen King als überfürsorglicher Helikopter-Autor

Auch nach Kubricks Tod 1999 ließ King die Frage über die Deutungshoheit nicht los. Als er 2011 die Fortsetzung "Doctor Sleep" schrieb, warnte er im Nachwort: "Falls ihr den Film gesehen, den Roman jedoch nicht gelesen habt, denkt bitte daran, dass 'Doctor Sleep' auf Letzterem fußt, der meiner Meinung nach die wahre Geschichte der Familie Torrance erzählt."

Sich unter diesen Voraussetzungen an eine Verfilmung der Fortsetzung zu wagen, könnte man vorsichtig formuliert als mutig bezeichnen. Wie um Gottes willen soll man einen eigenständigen Film drehen, wenn man einen überfürsorglichen Helikopter-Autor im Nacken hat und sich gleichzeitig mit einem der besten Filmemacher aller Zeiten messen muss?

Der Regisseur Mike Flanagan ist das Wagnis trotzdem eingegangen. Er hatte für Netflix vor zwei Jahren bereits Kings Roman "Das Spiel" verfilmt und sich so die Gunst des Autors gesichert. Sein Film heißt in den USA wie das Buch, nur bei der deutschen Niederlassung des Filmstudios Warner Brothers kam ein Genitivfetischist auf die Idee, ihn für den deutschen Markt in "Stephen Kings Doctor Sleeps Erwachen" umzutaufen. Das ist schon sprachlich ein schlimmerer Albtraum als Stephen King ihn sich jemals ausdenken könnte, vor allem aber ist es inhaltlich falsch, weil in dieser Geschichte niemand erwacht.

In "Doctor Sleep", dem Buch wie dem Film, geht es um den weiteren Lebensweg des kleinen Jungen Danny Torrance, der einst gerade noch seinem axtschwingenden Vater entkommen ist. Mittlerweile ist er erwachsen - und Alkoholiker wie sein Vater. Nach einem besonders schrecklichen Absturz flieht Danny, der heute Dan heißt, in eine Kleinstadt hoch oben im Norden der USA - Erlösung findet bei Stephen King immer in der Provinz statt. Dort findet er endlich Hilfe bei den Anonymen Alkoholikern und schließlich sogar Freunde und einen Job. Dabei hilft ihm die paranormale Begabung, die er als Kind entwickelt hat - das Shining. Dan (Ewan McGregor) fängt als Pfleger in einem Hospiz an, wo er intuitiv spürt, wenn einer der alten Heimbewohner im Sterben liegt und diesem dann zärtlich beim letzten Einschlafen hilft - bald nennt man ihn Doctor Sleep.

King brennt das Hotel im ersten Satz nieder - Flanagan traut sich das nicht

Durch das Shining stößt er aber auch auf ein kleines Mädchen namens Abra, das er im Verlauf des Romans vor einer vampirartigen Sekte beschützen muss. Eine Geschichte also, die weit weg von Kubricks ikonografischem Overlook-Hotel spielt, mit seinen labyrinthartigen Gängen, geheimnisvollen Teppichmustern und roten Aufzugtüren. King brennt das Hotel schon im ersten Satz seiner Fortsetzung nieder - bei ihm steht dort heute ein Campingplatz.

Das traut sich Mike Flanagan in seiner Adaption nicht, weil er natürlich weiß, wie sehr sich Kubricks Bilder ins kollektive Kinogedächtnis eingebrannt haben. Den Großteil seines langen Films, der gute zweieinhalb Stunden dauert, folgt er bis auf ein paar kleinere Kürzungen treu dem Autor und seiner Vorlage.

Für den großen Showdown zwischen Dan und der Sektenanführerin aber hat er Kubricks Overlook-Hotel nachbauen lassen, um den finalen Kampf zwischen Gut und Böse in den schummrigen Dekors des alten Films austragen zu lassen. Er geht sogar so weit, für ein paar Flashbacks manche Szenen mit einer Art Jack-Nicholson-Double im Kubrick-Look nachzuinszenieren und die düstere Filmmusik des Originals darüber zu legen. Dem Film als Gesamtwerk bekommt diese King-Kubrick-Synthese nicht sonderlich gut. Die erste Hälfte wirkt wie ein viel zu langes (und wegen der vielen Charaktere und Schauplätze auch viel zu kompliziertes) Vorspiel für einen Höhepunkt, der natürlich trotz Eins-zu-eins-Hotelkopie nicht an Kubricks "Shining" heranreicht.

Dennoch gibt es in diesen 152 Filmminuten eine kurze, aber geniale Szene des Horrors, in der sich Film und Buch, King und Kubrick, Original und Fortsetzung treffen und zu einem großen Kinomoment verschmelzen. Da betritt der trockene Alkoholiker Dan Torrance, schon völlig fertig, die legendäre Bar des Overlook-Hotel, an der einst sein betrunkener Vater saß und seinen Albträumen nachhing, und ein wahrer Mephistopheles von einem Bartender schenkt ihm mit breitem Grinsen ein großes Glas Whiskey ein, das diese unglaubliche Erleichterung verspricht.

Doctor Sleep, USA 2019 - Regie, Buch: Mike Flanagan (nach dem Roman von Stephen King). Kamera: Michael Fimognari. Mit: Ewan McGregor, Rebecca Ferguson, Kyliegh Curran. Warner, 152 Minuten.

Fotografie Der andere Kubrick

Schwarz-Weiß-Fotos aus New York

Der andere Kubrick

Ein Bildband zeigt den großen Regisseur Stanley Kubrick von einer bislang wenig bekannten Seite: als Fotograf im sterbensschönen Halblicht der Straßen von New York.   Von Willi Winkler