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Kino:Sprühen bunter Funken

Sion Sonos grandioses Musical "Tokyo Tribe" mischt Hip-Hop-Tribalismus mit der Tradition der japanischen Manga-Comics und zettelt eine lyrische Rebellion gegen den Teufel an.

Von Philipp Stadelmaier

Was einen Mann wirklich groß macht, heißt es am Ende des Films, sei nicht die Größe seines Schwanzes, sondern die Größe seines Herzens. Dies ist die Moral einer Geschichte über den Penisneid eines Gangleaders in Tokio, mit hartgestähltem Body und blondierten Haaren. In der Sauna hatte er fatalerweise zu lange auf das Gemächt eines Konkurrenten gestarrt, und was folgte, war ein ziemlich brutaler Krieg, der am Ende auch als idiotisches Missverständnis ausgelegt werden konnte: Ach so, es geht nicht um Schwanzgröße im Leben, sondern um Liebe. Was übrigens nicht alle überzeugt.

Um aus dieser winzigen Prämisse einen großen Film zu machen, muss man ein wirklich begabter Regisseur sein. Sion Sono ist ein solcher. "Tokyo Tribe" ist nicht nur die Adaption eines Mangas von Santa Inoue, sondern auch ein Hip-Hop-Musical, in dem sich alle Figuren durch japanischen Rap ausdrücken. "Penis" und "Liebe", das entspricht denn auch den klassischen Antipoden - dem harten "Player", dem es nur um Money, Macht und Bitches geht, und dem sanfteren Typen auf der Suche nach Verständnis, Frieden und Wahrheit.

Überall Gewalt, buntes Licht, Drogen, Sex, Regenschleier - das ist Sion Sonos Tokio

Natürlich interessiert sich Sono zunächst einmal für die schrille Seite der Welt, in der der visuelle Phallus ordentlich herumgeschleudert und auf den Tisch geknallt wird. Am Anfang folgt die Kamera einem jungen Mann, der eine Art Erzähler ist, durch einen Vergnügungsdistrikt von Tokio - in einer einzigen, langen, souveränen Kamerabewegung, die keine Grenzen zu kennen scheint - überall Gewalt, buntes Licht, Drogen, Sex, darüber Regenschleier in Gelb, Grün und Rot. Eine Polizistin in Manga-Minirock versucht, einen Drogenverkäufer festzunehmen; der zieht sie fix aus und zeichnet mit seinem Messer auf ihrem Bauch die Karte des Territoriums nach, auf dem der Film spielt. "This is Tokyo/where every dude is loco", singt der Junge: Das hier ist Tokio, wo jeder Typ verrückt ist.

Tokyo Tribe

Penisneid treibt ihn in den Wahnsinn: Ryôhei Suzuki als Gangster Mera in "Tokyo Tribe".

(Foto: Rapid Eye Movies)

Denn dieses Tokio, ein großer postapokalyptischer Abenteuerpark, dunkel, regnerisch, aber glitzernd vom Sprühen bunter Feuerwerksfunken, wird von einem künstlerischen Regime regiert. Die Stadt ist aufgeteilt unter dreiundzwanzig Hip-Hop-Stämmen, den "tribes", von denen wir ein paar näher kennenlernen. Zum Beispiel die panzerfahrenden "Gira-Gira-Girls" oder die "Niramotherfuckaz" mit ihren weiten Klamotten und noch größeren Klappen.

Was dann beginnt, ist die Geschichte einer Nacht, in der sich die Stämme verbünden müssen gegen den "unbesiegbaren Buppa" (Riki Takeuchi), in dessen Palast ein fettes "Fuck da' World" kein Zweifel an seinen Intentionen lässt. Dieser diabolische Großschlawiner bewirbt sein Bordell mit "Menschenfleisch, Blutsammlungen und Fleischsaftinjektionen"; die Tatsache, dass in seinem Hause Menschen zu völligem Stillstand gezwungen und als Möbel benutzt werden, stellt aber Sexsklaverei und Kannibalismus fast noch in den Schatten. Buppa ist ein Aushängeschild des Phallokratismus in Sonos Film - und seine absolute Karikatur. Er reibt sich oft an seinem Penis herum, der aber kein richtiger, sondern ein Dildo ist. Und der satanische "Hohepriester", dem er sich verschrieben hat, schwenkt ebenfalls einen falschen Schwanz: einen Eiffelturm.

Der Antichauvinismus in Sonos Kino, der stets die Zersetzung von Vater- und Autoritätsfiguren betreibt, erhält hier eine neue Qualität. Waren die Väter in Sonos "Cold Fish" satanisch, in "Love Exposure" priesterlich und in "Guilty of Romance" (2011 in Deutschland gestartet) kafkaesk-abwesend, so werden sie hier mit viel Freude durch den Fleischwolf des Absurden gedreht. Dieser nimmt am Ende des Films die Form eines alles einziehenden Ventilators an, dessen Rotorblätter mit scharfen Klingen versehen sind und für eine anthologiewürdige Exekution sorgen.

Buppas großer Gegenspieler, der gleichzeitig einer jungen Frau beim Kampf gegen das brutale Männerregime hilft, ist ein Junge namens Kai (Young Dais), welcher der einzigen friedliebenden Gang angehört. Die singt nur von "Love and Peace" und hat "Spaß wie bei tropischen Ferien". Hier sind wir nun auf der Seite des "Herzens". Wie immer bei Sono wird auch hier das Dunkle, Böse, Chauvinistische umrundet von einer Aureole der Schönheit, der Unschuld, der Liebe. Am Schluss besingt dann Kai die "lyrische Rebellion" aller "Tokyo Tribes" und ihrer verschiedenen Hip-Hop-Styles gegen Buppa, der sie alle auslöschen will. Aber dieser lyrische Widerstand der Vielheit gegen die Vereinheitlichung hatte schon in der Ausmalung von Sex und Gewalt begonnen, in der sich Sono als unersättlicher Eklektiker erweist.

Sein Mix aus Hip-Hop und Manga zitiert auch Filme wie "The Matrix", "Star Wars Episode 1" oder "Kill Bill", und die Menschen-Möbel im Haus von Buppa erinnern an die Puppenfiguren der Milchbar in Kubricks "Clockwork Orange". Das "Herz", die Lyrik, Musik und Gesang stehen also nicht im moralischen Gegensatz zum visuellen Wahnsinn, zum Spektakel der Phallokratie, im Gegenteil: Sie formen eine Einheit mit ihm und bringen es erst zum Explodieren. Der mit dem größten Herz ist gleichzeitig der mit dem größten Schwanz. Was das Drama ja erst in Gang brachte.

Es ist unglaublich, dass dieser reiche Film nur einer von zehn ist, die Sono in den letzten vier Jahren gemacht hat. Darin erinnert der ultraproduktive Japaner an den Philippiner Khvan de la Cruz (über hundert Filme), dessen im März in Deutschland gestarteter "Ruined Heart" ausschließlich mit Musikstücken unterlegt war. Beide publizieren auch als Lyriker. Ihre Filmpoesie besteht im temporeichen Durchmixen der Filmgeschichte und anderer Künste und findet darin ihre ganze Originalität.

Tokyo Tribe, JAP 2014. - Regie: Sion Sono, Buch: Sono, Santa Inoue, Kamera: Daisuke Soma. Mit Ryohei Suzuki, Young Dais. Rapid Eye Movies, 116 Min.

© SZ vom 20.07.2015

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