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Kino:Showdown auf der Schwedenbrücke

Film

Die Frauen auf der Jagd nach den Oligarchen-Millionen: Margarita Breitkreiz, Daria Nosik und Sabrina Reiter (von links).

(Foto: Camino Film)

Ein russischer Oligarch, der in Wien Schmiergeld verteilt - mit ihrer Filmgroteske "Kaviar" scheint Elena Tikhonova hochaktuelle österreichische Kalamitäten vorausgeahnt zu haben.

Von Fritz Göttler

Die Idee hat, auch wenn sie erst mal ziemlich albern klingt, durchaus Größe: Auf der Schwedenbrücke in Wien, die über den Donaukanal führt, will Igor sich seine neue Villa errichten. Igor ist ein russischer Oligarch, er hat viel zu viel Geld zur Verfügung. Und sollte das nicht der Sinn von Geld im Überfluss sein, es für Projekte du verwenden, die wenig Sinn ergeben, und diese durchzuziehen, ohne dabei kleinlich kalkulieren zu müssen? Wien, als ein Zentrum westlicher Dekadenz, ist der richtige Schauplatz für ein solches Projekt. Eine naive Kühnheit, etwas ganz Anderes und Unerhörtes zu versuchen, steckt in diesem Vorhaben, eine Aura von Renaissance. Der Ponte Vecchio in Florenz ist das Vorbild.

Das Lächerliche an Igors Plänen wird lässig überspielt von seinen Mit- und Gegenspielern, all jenen, die er zur Verwirklichung braucht: Man kann nur profitieren davon... "Kaviar" ist der erste Spielfilm von Elena Tikhonova, die an der Moskauer Filmhochschule VGIK studierte und seit fast zwanzig Jahren in Wien lebt. Es ist eine Groteske, die als strenge gesellschaftskritische Satire daherkommt - oft in launigen Animationsschnipseln -, immer wieder aber in drastische Anarchie ausschwenkt. Der Oligarch ist eitel brutal, trägt Ledermantel und Jogginghose, aber lässt sich - offenbar - täuschen vom Augenschein. Er lebt in einer Welt von Wodka und Kaviar, über der Stadt, wo das Leben täglich zur mondänen Party wird. Einen Vertrag - es geht um drei Millionen - mag er schon mal, handschriftlich, auf einem Geldschein fixieren. Aber wenn er merkt, dass er reingelegt wird, erwacht sein Jagdinstinkt, und er kann gemein reagieren.

Die Männer, die er schmieren muss, damit sie ihm die nötigen Baugenehmigungen und Bauarbeiter organisieren, halten sich für clever und dürfen auch nicht davor zurückschrecken, in die Scheiße zu langen. Sie werden gespielt von Simon Schwarz (Ferdinand) und Georg Friedrich (Klaus), die immer gebraucht werden im österreichischen und deutschen Kino, für gockelhafte Gscheitmeier - womöglich wird man sie irgendwann in einem Film sehen, der die Affäre um das heimlich aufgenommene Ibiza-Video mit dem FPÖ-Politiker und ehemaligen Vizekanzler Heinz-Christian Strache verarbeitet.

Allseits präsent ist die Stadt Wien: ihre gesellschaftliche Schichtung, ihre soziale Melange

Den Männern treten drei Frauen gegenüber, die ebenfalls ihre eigenen Pläne haben mit den Millionen, die zum Transfer kommen sollen, natürlich bar, in Koffern. Und natürlich in die Hände der Frauen (Margarita Breitkreiz, Daria Nosik, Sabrina Reiter). Nadja ist die Dolmetscherin für Igor, sie weiß, wie er tickt und welche Risiken man eingeht, wenn man ihn reinlegen will. Ihre Freundin Vera, ebenfalls aus Russland, war mit Klaus liiert und sieht das Geld auch als eine Art Entschädigung für diese miese Beziehung. Teresa ist Nachhilfelehrerin und werkelt als Künstlerin, mit blauem Haar und viel Körpereinsatz. Man kennt die Doppel- und Dreifachspiele, die hier praktiziert werden, teilweise mit komplexer Überwachungstechnik, aus dem amerikanischen Kino, und auch Frauen haben entscheidenden Anteil daran. Was "Kaviar" klarmacht, über alle grotesken Momente hinaus - dass Freundschaft und gemeinsame Ziele nicht genügen, dass auch Solidarität Schwerarbeit ist.

Wie ein allseits präsenter Nebendarsteller taucht im Film die Stadt Wien auf, ihre gesellschaftliche Schichtung, ihre soziale Melange. Für eine Nacht bekommt Klaus ein Apartment in einem öden Mietblock zur Verfügung gestellt, als er die betritt, ist alles schmierig-schummerig wie in einem Edelpuff. Ein böser kleiner Kommentar zum bürgerlichen Großstadtwohnen, als Klaus sich am nächsten Morgen zurückziehen will durchs Badezimmerfenster, bleibt er prompt darin stecken. Um Igor vorzuführen, dass sein Projekt vorangeht, wird auf der Schwedenbrücke eine Potemkinsche Baustelle improvisiert, das wirkt, als fänden dort Dreharbeiten statt. Großes Kino.

Kaviar, Österreich 2019 - Regie: Elena Tikhonova. Buch: Robert Buchschwenter, Elena Tikhonova. Kamera: Dominik Spritzendorfer. Mit: Margarita Breitkreiz, Daria Nosik, Sabrina Reiter, Georg Friedrich, Simon Schwarz. Camino, Dauer: 100 Minuten.

© SZ vom 09.07.2019
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