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Kino:Schwesternmord

14 Jahre später: Almila Bagriacik (liegend) spielt die von ihrem Bruder erschossene Deutsch-Türkin Hatun Aynur Sürücü.

(Foto: Mathias Bothor/NFP)

Sherry Hormann Spielfilm "Nur eine Frau" erzählt aus der Sicht der Toten den Fall von Hatun Aynur Sürücü, die von ihrem Bruder ermordet wurde, weil sie ein freies Leben führen wollte.

Das hier könnte ich sein", sagt die Stimme aus dem Off, während die Kamera eine junge Frau mit Kopftuch und kleinem Kind auf dem Arm in den Blick nimmt. "Oder das hier oder das hier ..." Immer wieder überqueren junge, dynamische, mitten im Leben stehende Frauen die Straße. "Aber nein, das bin ich", sagt die Stimme: eine Leiche mit drei Kopfschüssen unter einem weißen Tuch an einer Berliner Bushaltestelle.

Am 7. Februar 2005 wurde die 23-jährige Hatun Aynur Sürücü von ihrem jüngsten Bruder nachts auf offener Straße erschossen. Weil sie ein freies, selbstbestimmtes Leben führen wollte, das den Regeln des streng sunnitischen Glaubens ihrer kurdischen Einwandererfamilie widerspricht. Ein sogenannter Ehrenmord, der erste, der in der Presse heftig diskutiert wurde, Zündstoff für die Debatte, ob und in welcher Form der Islam nun zu Deutschland gehöre oder nicht. 14 Jahre nach ihrem Tod geben die Regisseurin Sherry Hormann und die Schauspielerin Almila Bagriacik der Ermordeten die verlorene Stimme für die Dauer eines Films zurück.

Man könnte fragen, warum die Produzenten für diese Geschichte keine türkische Regisseurin, keinen türkischen Regisseur gesucht haben. Aber ist es nicht viel wirkungsvoller, dass eine nichtmuslimische Regisseurin das Thema jetzt so komplex und einfühlsam bearbeitet? Die in New York als Tochter deutscher Eltern geborene und seit 1966 in Deutschland lebende Sherry Hormann hat sich in ihren Filmen immer wieder für Frauen interessiert, die sich in nahezu aussichtsloser Lage gegen männliche Übermacht zur Wehr setzen. Nachdem sie in "Wüstenblume" vom persönlichen Feldzug des somalischen Models Waris Dirie gegen Genitalverstümmelung erzählte und in "3096 Tage" von der Selbstbehauptung der acht Jahre lang gekidnappten Natascha Kampusch, engagiert sie sich jetzt für ein weiteres extremes Frauenschicksal.

Der Film holt die ermordete Hatun ganz nah heran: ihre Hoffnungen und Sehnsüchte, Wut und Kraft

Das Kino kann die Toten zum Leben erwecken. Ein wenig erinnert der Anfang von Sherry Hormanns Film an Billy Wilders "Sunset Boulevard", in dem der von William Holden gespielte Drehbuchautor Joe Gillis mit dem Gesicht nach unten im Pool treibt, während er zugleich, sozusagen aus dem Jenseits, seine Geschichte zu erzählen beginnt. In "Nur eine Frau" führt der Drehbuchtrick dazu, dass Hatun höchstpersönlich als Augenzeugin berichten kann, von dem Moment an, in dem sie 15-jährig aus der deutschen Schule gerissen und in Istanbul an ihren Cousin zwangsverheiratet wird, bis zur Gerichtsverhandlung, in der dank der Aussagen einiger jetzt unter Zeugenschutz stehender Freunde zumindest erwirkt wurde, dass ihr Sohn dem Einflussbereich der Familie entzogen wurde.

Der Film basiert auf umfassenden Recherchen in Gerichtsakten und Gesprächen mit vielen Beteiligten, die Matthias Deiß und Jo Goll schon in dem Sachbuch "Ehrenmord - Ein deutsches Schicksal" zusammengetragen haben. Dabei ist der Film sehr viel mehr als die Rekonstruktion eines Falls. Oszillierend zwischen Dokumentation und Spielfilm holt er die ermordete Hatun mit ihren Hoffnungen und Sehnsüchten, mit ihrer Wut und ihrer Kraft ganz nah heran. Verkörpert wird sie von Amila Bagriacik, die schon in der Neuköllner Mafiaserie "4 Blocks" eine junge Frau im Ringen mit den muslimischen Traditionen spielte. Eingestreute Momentaufnahmen der echten Hatun Aynur Sürücü sind eine weitere Brücke zwischen Spiel und Realität, zwischen zeitloser Bedeutung und konkreter Historie.

Mit christlich sozialisiertem Verständnis ist es kaum zu fassen: Eine Tochter, die nach der Zwangsheirat mit einem Cousin hochschwanger aus Istanbul zurückkehrt, weil ihr Mann sie grün und blau geschlagen hat - und es gibt bei der Begegnung am Küchentisch keine Regung der Empathie, keine Mutter, die sie in den Arm nimmt, keine Schwester, die sie tröstet, keinen Bruder, der sie beschützt. Nur von Schande ist die Rede, die sie über die Familie bringe. Davon, dass sie dem Mann schon einen Grund gegeben haben muss, für sein Verhalten. Hatun ist "nur eine Frau", und damit in der sunnitisch geprägten Familie ein Besitz, der vom Vater auf den Mann übergeht. Die Rückkehr in die Familie wird ihr nur widerwillig gewährt, und nur als rechtlose Leibeigene.

Es wäre ein Leichtes, diese muslimischen Männer zu verteufeln, doch darum geht es Sherry Hormann nicht. Stattdessen versucht sie die Umstände zu klären, ganz unaufgeregt entlang der Fakten und Begegnungen, die vor 14 Jahren zum Tod dieser jungen Frau geführt haben. So fremd und frauenfeindlich diese Denkweisen auch sind, der Film bringt auch für die Männer höchstmögliches Interesse auf: für die Verunsicherung, die eine Frau in diesem System auslöst, die selber entscheiden will, wie sie lebt, die ihr Kind alleinerziehend in einer eigenen Wohnung aufziehen, die ihren Lebensunterhalt in einem erlernten Beruf als Elektroinstallateurin selbst verdienen, die ohne Kopftuch tanzen und lachen und leben will.

Nur eines bleibt schwer nachvollziehbar: warum Hatuns Liebe zu ihrer Familie so unverbrüchlich stark war, dass sie sich nicht rechtzeitig von ihr lossagen konnte.

Nur eine Frau, D 2019 - Regie: Sherry Hormann. Buch: Florian Oeller. Basierend auf dem Sachbuch "Ehrenmord" von Matthias Deiß und Jo Goll. Kamera: Judith Kaufmann. Schnitt: Bettina Böhler. Mit: Almira Bagriacik, Merve Aksoy, Aram Arami, Mehmet Atesci, Jacob Matschenz, Lara Aylin Winkler, Verleih: NFP, 96 Minuten