Kino: "Schmetterling und Taucherglocke" Die Dämonen müssen schlafen

Die Geschichte ist unglaublich, aber wahr: Ein Journalist erwacht nach einem Schlaganfall, kann nur noch das linke Augenlid bewegen. Irgendwie schafft er es, ein Buch zu diktieren. Der Künstler Julian Schnabel hat daraus einen bewegenden Film gemacht.

Von Susan Vahabzadeh

Alles, was Jean-Dominique Bauby noch bleibt, sind die Bilder, aus denen sich Julian Schnabels Film "Schmetterling und Taucherglocke" zusammensetzt - sie müssen also ein Leben wert sein. Schnabel hat Baubys Erinnerungen verfilmt an die Zeit nach einem Schlaganfall. Er wacht auf in einem Krankenzimmer, nach dem Hirninfarkt bewegungs- und kommunikationsunfähig.

Schneckenlangsam, so beschreibt Poe ein derartiges Erwachen in "Lebendig begraben", dämmert seiner Seele der Tag . . . Bauby will lieber sterben, als in dieser Starre zu verharren. Gemüse, raunt sein Verstand bissig. Das, was man sieht, ist eher eine Blumenwiese. Was noch kommt, was er findet, ist doch des Lebens wert.

Alles im Griff

Jean-Do Bauby, der Macher - in einer Rückblende sieht man ihn einmal als Chefredakteur der französischen Elle, immer unterwegs, alles im Griff, unaufhörlich in Bewegung - hat den Schlaganfall erlitten, als er mit seinem Sohn den neuen Flitzer ausprobierte.

Halb Workaholic, halb Lebemann, zu Hause ausgezogen der neuen Geliebten wegen, alles andere als ein ruhiger Typ. Das Gespenst der Gefangenschaft muss ihn schon vorher beschäftigt haben, den echten Bauby, der die Vorlage zu "Schmetterling und Taucherglocke" geschrieben hat: Eine Neufassung des "Grafen von Monte Cristo" hat er eigentlich schreiben wollen, ausgerechnet.

Nun muss er einen Weg finden, sich verständlich zu machen, die ersten Schritte sind qualvoll - eine schöne Sprachtherapeutin sagt ihm das Alphabet herunter, und beim richtigen Buchstaben soll er das Einzige tun, was er noch kann: mit dem linken Augenlid blinzeln. Mutlosigkeit und Mühsal beherrschen diese Szene im Film. Natürlich kann man nicht wirklich nachvollziehen, was das bedeutet. Aber er schafft's irgendwie, am Ende diktiert er mit dieser Methode sein ganzes Buch, eine Zustandsbeschreibung des Locked-in-Syndroms, was ja dann doch irgendwie eine moderne Variante des Monte Cristo ist.

Mathieu Amalric spielt diesen Bauby mit dem Wenigen, was diese Rolle gestattet; nur in ein paar Momenten der Erinnerung und der Träumerei kann er physisch agieren, ansonsten bleiben ihm nur groteskes Zucken, der leidvolle Blick, als er das, was von ihm übrig ist, das erste Mal im Spiegel sieht - das rechte Auge zugenäht, die Gesichtsmuskeln außer Kontrolle, der Körper ein an den Rollstuhl gefesseltes Häufchen Elend.

Der Verstand bleibt ein Schmetterling

Man kann, sagt Julian Schnabel, die ganze Welt in der Ecke eines Zimmers finden oder in sich selbst. Das ist es, was Bauby widerfährt - er lässt seinen Geist streifen, erschafft sich eine neue Welt aus Erinnerung und Phantasie. Er lernt, im Inneren zu schlemmen und zu lieben, reist an die Orte zurück, an denen er gewesen ist, zu den Menschen, die ihm wichtig waren, geistert durch Traumwelten. Bauby ist bei Bewusstsein, und Bewusstsein ist alles; er ist in einer Taucherglocke gefangen, aber sein Verstand ist und bleibt ein Schmetterling.

Eine wunderschöne, rührende und sehr tröstliche Geschichte, die Schnabel zu einem ungeheuer vitalen Kunstwerk verdichtet - er hat den Regiepreis dafür entgegengenommen in Cannes im vergangenen Jahr, mit einem eher peinlichen, schrillen Auftritt, der das Feingefühl, das der Film beweist, gar nicht vermuten lässt.

Der Kampf um die Freiheit ist Schnabels Thema, im Grunde ist Bauby der Gefangene eines vollständig gelähmten Körpers, so wie auch der kubanische Autor Reinaldo Arenas in Schnabels "Before Night Falls" zur Bewegungsunfähigkeit verdammt ist von einer Gesellschaft, die seine Homosexualität nicht akzeptiert, sich in die Poesie flüchtet als Akt der Befreiung.

Schnabel macht Filme, wie er malt, einen Körper will er erschaffen, dessen Haut die Leinwand ist. Janusz Kaminski hat den Film für ihn fotografiert, Spielbergs Mann für alle Fälle - auch bei dem geht es immer um Gefühlserzeugung, den emotionalen Sog der Bilder: die subjektive Kamera im "Schmetterling"ist eine Weiterentwicklung der Anfangssequenz, die Kaminski für Spielbergs "Amistad" gefilmt hat, die einen hineinzwingt in die Perspektive der Entführten, die nicht wissen, wie ihnen geschieht.

Dass "Schmetterling und Taucherglocke" fast gänzlich aus visueller Spielerei besteht, subjektiver Kamera, Unschärfen, seltsamen mit gekippten Linsen erzeugten Wölbungen, das klingt zunächst einmal anstrengend - wenn die Meister fremder Kunstformen Filme machen, überstrapazieren sie gern die Möglichkeiten des Kinos.

Warum dieser Film, so überladen mit Effekten, dann doch kein enervierendes Monstrum ist, kann man fast nicht erklären. Außer vielleicht mit der fließenden Leichtigkeit, die er hat. Eigentlich ist das Locked-in-Syndrom Stoff für eine Horrorgeschichte, doch der Ton, den Schnabel setzt, ist von Anfang an das genaue Gegenteil, es ist ein sehr musikalischer Film, leicht und märchenhaft - er beginnt zu den Klängen von Charles Trenets "La mer": "La mer a bercé mon cœur pour la vie . . ."

Vier treusorgende Grazien

Schnabel trägt gern ein bisschen dick auf, aber lustvoll. Die vier zauberhaften Grazien, die Jean-Do umsorgen, sind Teil der wiedergefundenen Lebensfreude - Emmanuelle Seigner als Ex-Frau, Marie-Josée Croze und Olatz López Garmendia als Therapeutinnen, Anne Consigny als Lektorin sind die Engel an seiner Seite, und so, wie Schnabel sie inszeniert, sich an den Konturen ihrer Gesichter entlangtastet, kann man fast verstehen, dass Anschauendürfen Jean-Do schon glücklich macht. In einer herzzerreißenden Szene wacht Seigner sonntags an seinem Bett, als die Geliebte anruft, für die er sie verlassen hat, und sie reißt sich zusammen und übersetzt, was er ihr zu sagen hat - eine liebevolle Opfergabe.

Der Held lernt in Poes "Lebendig begraben" durch einen furchtbaren Albtraum in einer engen Schiffskoje, das Leben zu lieben. "Es gibt Augenblicke, wo selbst dem klugen Auge der Vernunft die Welt unseres traurigen Menschendaseins als Hölle erscheint; aber die Phantasie des Menschen vermag ihre ewigen Grüfte nicht ungestraft zu durchstreifen! Weh! Die grausigen Legionen der Grabesschrecken sind keine Hirngespinste; doch gleich den Dämonen, in deren Gesellschaft Afrasiab den Oxus hinabschiffte, müssen sie schlafen, oder sie verschlingen uns - muss man sie schlummern lassen, oder wir gehen zugrunde."

Jean-Do besteht nur noch aus Emotion und Phantasie, macht aus seiner Krankheit einen Zustand, in dem er alle Träume ausleben kann. Ob Bauby seine Angst vor dem Tod, nach dem er sich anfangs sehnte, wiedergefunden hat, das kann man nicht wissen - wahrscheinlich nicht, denn eigentlich hat er die ganze Zeit von der Unzerstörbarkeit der Seele erzählt.

LE SCAPHANDRE ET LE PAPILLON/THE DIVING BELL AND THE BUTTERFLY, USA/F 2007 - Regie: Julian Schnabel. Buch: Ronald Harwood. Nach dem Buch von Jean-Dominique Bauby. Kamera: Janusz Kaminski. Schnitt: Juliette Welfing. Mit: Mathieu Amalric, Emmanuelle Seigner, Marie-Josée Croze, Anne Consigny, Max von Sydow, Jean-Pierre Cassel. Prokino, 112 Minuten.