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25 Jahre "Schindlers Liste":Das Verhältnis von Schoah und Fiktion hat das Kino nach 1945 stark geprägt

"Schindlers Liste" ist ein Hollywood-Produkt, in dem Geschehen dramatisiert wird, mit Schindler als schlitzohrigem Helden, der - typisch Spielberg - das Gute in sich entdeckt. Wenn der Film nach knapp 25 Jahren wieder in deutschen Kinos gezeigt wird, ist dies ein wichtiger Beitrag in der Debatte über Erinnerungskultur, die sich an "Stella", dem neuen Roman von Takis Würger, erneut entzündet hat. Dort wird die historische Figur einer deutsch-jüdischen Frau, die versteckte Juden an die Gestapo auslieferte, zur Protagonistin einer erfundenen Liebesgeschichte. Über Würgers Roman und dessen literarische Qualität streitet die Literaturkritik. Die Wiederaufnahme von Spielbergs Film aber erlaubt, sich der Frage aus Sicht des Kinos zu nähern: Wie sehr darf es sich der Geschichte der Vernichtung der europäischen Juden bedienen, um seine Fiktionen zu füttern?

Das Verhältnis von Schoah und Fiktion hat gerade das Kino nach 1945 stark geprägt. Kaum jemand hat das besser verstanden als der französische Filmkritiker Serge Daney. In einem seiner letzten Texte von 1992, "Das Travelling in Kapo", beschreibt er, wie sich Jacques Rivette über eine Kamerafahrt in einem italienischen Spielfilm von 1960 echauffierte, die eine sterbende KZ-Insassin ästhetisierend einfasste. Wo es um die Schoah geht, muss laut Daney deutlich werden, dass Fiktion und Ästhetisierung fehl am Platz sind. Wie etwa in Alain Resnais' "Nacht und Nebel" von 1956, einer Dokumentation über die Vernichtungslager, die Archivmaterial mit Aufnahmen aus der Zeit nach der Befreiung mit eigenen Filmaufnahmen kombinierte, aber so diskret, dass ein tieferer Schrecken deutlich wurde, den die Bilder nicht zeigen konnten.

Jede Rekonstruktion der Schoah komme einer Verfälschung gleich

Später verwandelte Claude Lanzmann mit seinem neunstündigen Zeugenfilm "Shoah" die bildliche Undarstellbarkeit in ein Dogma: Jede Rekonstruktion der Schoah komme einer Verfälschung gleich. In seinem Opus Magnum, dem Montage-Werk "Histoire(s) du cinéma", unternahm Jean-Luc Godard einen anderen Versuch: Die Bilder der Schoah brachte er in ein poetisches Verhältnis mit anderen Bildern der Film- und Kunstgeschichte, um das Unzeigbare und Vergangene als subtile Spur zwischen den Bildern zurückzuhalten. Sein spielerischer Zugang führte in den Neunzigern zu einem Streit zwischen Godard und dem Ikonoklasten Lanzmann. Mit Bezug auf Spielbergs Film waren sich die beiden einig: eine Hollywood-Fiktion, die dem Ernst der Sache nicht gerecht wurde.

Was Daney über "Schindlers Liste" gedacht hätte, weiß man nicht - er starb 1992, ein Jahr vor der Veröffentlichung von Spielbergs Film. Was er aber vor seinem Tod noch bemerkte, war eine Wende in der Erinnerungspolitik. Schon Ende der Siebzigerjahre, so Daney, hatte die amerikanische Fernsehserie "Holocaust" die Schoah wie eine x-beliebige Story verkauft. Längst war die Bilderfurcht durch Bildergläubigkeit ersetzt worden. Und dieser diente seiner Ansicht nach auch ein Spektakelregisseur wie Spielberg.

Steven Spielberg macht auch deutlich, dass er an seine Grenzen stöß

Im heutigen digitalen Zeitalter sind die Bilder alltägliche Gefährten geworden, jüngere Filmemacher gehen immer souveräner mit ihnen um. Zuletzt suchte in "Son of Soul" des Ungarn László Nemes ein Mitglied des Sonderkommandos in Auschwitz nach seinem Sohn. Gefilmt wurde das aus radikal subjektiver Perspektive, fast wie ein Videospiel. Aber eben auch so, dass die Sicht radikal eingeschränkt, blockiert, unscharf war. Nemes suchte keine gefällige Vision, sondern aktualisierte auf seine Art das Unzeigbare. Das fand sogar Lanzmanns Wohlwollen.

Auch "Schindlers Liste" mag eine Fiktion sein, geprägt von einem unerschütterlichen Vertrauen in das Potenzial der Bilder, eine Geschichte zu tradieren und zu erinnern. Aber Steven Spielberg macht auch deutlich, dass er an seine Grenzen stößt, zum erschrockenen Beobachter wird, nur noch mit zitternder Kamera filmen kann.

Es gibt Dinge, hat Jacques Rivette geschrieben, die man nicht ohne Furcht und Zittern filmen kann, die jede Meisterschaft zum Teufel fahren lassen. Spielberg zeigt, dass man, gerade heute, durchaus Bilder der Schoah machen und Fiktionen aus ihr entwickeln kann. Wenn man sich, wie er, davon erschüttern lässt.

© SZ vom 25.01.2019/jmau
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