bedeckt München
vgwortpixel

Kino:Schicksale erzählen

Leni

Blond und katholisch getauft reichte den gründlichen Nazis nicht: Die kleine Gabi auf dem Foto, die in Leo Hiemers Film Leni heißt, wurde ihren Allgäuer Pflegeeltern erst weggenommen und dann nach Auschwitz deportiert. Der Regisseur hält die Erinnerung an das Mädchen wach.

(Foto: Leo Hiemer)

Die Jüdischen Filmtage erkunden mit ganz unterschiedlichen Genres und Inhalten die politische Dimension im Privaten und offenbaren überraschende Zusammenhänge

"Ohne Musik hat die Luft keine Farbe." Der das sagt hat zeitlebens nach dem Ursprung des Bösen gefragt. Denn es ist ihm widerfahren, als er mit seiner Mutter nach Theresienstadt deportiert wurde und dann, 1943, weiter nach Auschwitz ins Familienlager. Nun steht er da als alter Mann, ein Historiker in Israel, wo er noch immer vergeblich zu ergründen sucht, was Auschwitz bedeuten könnte. In seinem Film "Die vorletzte Freiheit - Landschaften des Otto Dov Kulka" stellt der Autor und Regisseur Stefan Auch seinen Protagonisten in die überwältigende Leere am Toten Meer und begleitet ihn auch an den Prager Alten Friedhof an Kafkas Grab. Das ist der rechte Ort, über das Unerklärliche nachzudenken oder aber über den Tod und über die letzte Freiheit, die er nicht wählte - den Freitod (So., 6. 2., 19 Uhr).

Wie Kulka, den das Leben zum Dichter und Philosophen schliff, sind es besondere Menschen und deren Schicksale, mit welchem sich die sehr unterschiedlichen acht Filme der Jüdischen Filmtage befassen. Da ist Leni, zum Beispiel. "Man wird doch einem Kind nichts tun", sagt der alte Bauer, nachdem man ihm sein Pflegekind weggenommen hat. Doch, man wird. Denn wer ein ganzes Volk ausrotten will, der muss dessen Kinder töten. Deshalb wird die getaufte Leni mit fünf Jahren als Kind einer jüdischen Mutter auf die lange Zugfahrt nach Auschwitz und in den Tod geschickt.

Den Allgäuer Filmemacher Leo Hiemer lässt das Schicksal der Gabriele Schwarz, wie das Kind in Wirklichkeit hieß, seit 30 Jahren nicht los. 1993 kam sein Spielfilm "Leni ... muss fort" über die Stationen im kurzen Leben des kleinen Mädchens in die Kinos. Im vergangenen Jahr versammelte er in seinem Buch "Gabi" seine weitreichenden Recherchen, in denen auch Kardinal Faulhabers Tagebucheinträge zu Gabis Mutter eine zentrale Rolle spielen. "Leni ... muss fort" biete auch heute noch reichlich Diskussionsstoff, demnächst mit Hiemer selbst mit Schülern im NS-Dokumentationszentrum (Do, 23.1., 10 Uhr)

Man kennt sie längst, die verschiedenen Varianten des Second Generation Syndrome, mit dem die Kinder von Verfolgten auf die Welt kommen. Zu ihnen gehört André Heller, Sohn eines jüdischen Zuckerlfabrikanten. Er bot den Verwundungen seiner gefühlskalten großbürgerlichen Kindheit als anfangs reichlich provokatives Künstlerchamäleon die Stirn, schrieb spät in seiner Erzählung "Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein" dagegen an, die nun von Rupert Henning verfilmt wurde. (So, 2.2. 17 Uhr). Hans Breuer, der wundersam warmherzige Held von "Refugee Lullaby", dürfte wohl ebenso alt wie Heller sein. Er hatte ebenfalls einen jüdischen Vater und eine nichtjüdische Mutter, zur Nazizeit verfolgt als Kommunisten. Breuer wurde Schäfer, lebt im Wohnwagen. Solidarität, nicht Wohltätigkeit ist sein Motiv, mit Flüchtlingen, die wie die Ratten zu leben gezwungen sind, Speis und Trank und nützliche Infos zu teilen. Seinen Schafen singt er jiddische Lieder vor und schreibt neue, versucht damit, eine zerstörte Kultur am Leben zu erhalten, weil der Kommunismus, wie er sagt, ja tot ist. So wie einst die Künstlerin Beyle Schaechter-Gottesman Jiddischkeit in einer Enklave in der Bronx singend und malend vorlebte. ("Refugee Lullaby" am 30.1., 17 Uhr, "Ein Abend für Bale Schaechter-Gottesman", am 28.1., 19 Uhr).

Eröffnet aber werden die Jüdischen Filmtage mit "The Invisible Line - Die Geschichte der Welle", der neuesten Dokumentation über das hammerharte Experiment des Geschichtslehrers Ron Jones mit seinen Schülern im Jahr 1967 in San Francisco: Wie mutiert man zum aktiven Systemträger einer totalitären Gesellschaft? Emanuel Rotsteins Film hat angesichts der jüngsten politischen Entwicklungen in Deutschland einen niederschmetternden Nachklang - so leicht geht das (15.1., 19 Uhr).

Jüdische Filmtage, das vollständige Programm samt Spielorten unter www.ikg-m.de