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Kino: "Schande":Man muss das Monster lieben

Spiel um Macht: John Malkovich glänzt im Film "Schande" in der Rolle des David Lurie, der sich vom Egoismus verabschieden muss.

Es ist ein langer Abschied von sich selbst, den dieser Mann erlebt, von seinem Egoismus und seinem Herrschaftsanspruch und allem, woran er glaubt; bis er sich den Hunden, deren Kadaver er nach dem Einschläfern entsorgt, näher fühlt als den Menschen. David Lurie, Literaturprofessor in Kapstadt, ist die Hauptfigur in "Schande".

Das Bild gesellschaftlicher Neuordnung in Südafrika

Der australische Regisseur Steve Jacobs hat aus dem Roman des Nobelpreisträgers J.M. Coetzee einen Film gemacht - verstörend gut, und das verdankt er vor allem seinem Hauptdarsteller John Malkovich, der Lurie auf spektakuläre Weise Leben einhaucht. Ein grandioser Auftritt, faszinierend und angemessen arrogant.

Mit der Geschichte von Lurie entwirft Coetzee ein Bild des neuen Südafrika, eines von auswegloser Gewalttätigkeit und vermeintlicher gesellschaftlicher Neuordnung. Luries Niedergang macht sich fest am Verlust seiner sexuellen Attraktivität. Jacobs' Film beginnt in dem Appartement, in dem sich Lurie einmal in der Woche mit einer Prostituierten trifft, eine bezahlte Romanze, er spielt den Liebhaber, er gibt sich sozusagen preis in ihren Armen.

Eine Frage nach dem Privatleben, ein kleines Geschenk, das er neben das Geld legt auf dem Tisch - das sind die nebensächlichen Grenzüberschreitungen, die die Prostituierte dazu bringen, die geschäftliche Verbindung zu beenden. Lurie kompensiert den neuen Machtverlust, indem er sich über Melanie, eine schwarze Studentin hermacht, was sie sich widerstrebend gefallen lässt. Die Sache fliegt auf, Casanova steht an der Tafel seines leeren Hörsaals.

Charisma gegen verwerfliche Überheblichkeit

Wäre Lurie ein Sympath, Vertreter einer besseren herrschenden Klasse, wäre der Geschichte wohl Rassismus vorgeworfen worden. Aber das Kino hat ein anderes Verhältnis zu seinen Charakteren als die Literatur, vor allem zu einem, der wie Lurie in fast jeder Szene ist. Eine Figur wie ihn, einen so zwiespältigen, kühlen, fragwürdigen Helden auf die Leinwand zu bringen, das ist wirklich große Schauspielkunst - lange hat John Malkovich keine Rolle mehr gespielt, in der er in diesem Maß alles zeigen darf, was er kann.

Lurie braucht sein Charisma, damit man ihn aushält, verwerfliche Überheblichkeit, um die Geschichte zu erzählen, etwas rührend Verletzliches, um sie zu begreifen. Einmal steht er vor seinen Studenten im Hörsaal und rechtfertigt sich - ein Liebhaber der Romantik! - indirekt vor Melanie und den Studenten mit Lord Byron: Man muss das Monster lieben, denn es kann nicht anders, mit einem selbstgefälligen Flackern in den Augen, sich keiner Schuld bewusst.

Mit der selben Insolenz verweigert er dann vor dem Uni-Ausschuss, der seinen Fall verhandelt, nachdem ihn Melanie angezeigt hat - er hat ihr dann doch nicht zugestehen wollen, seinen Kurs so ganz ohne Prüfung zu absolvieren -, jedes Bedauern, er räumt gern alles ein, was sie ihm vorwirft, es tut ihm nur nicht leid: "Ich bin zum Diener des Eros geworden." Er hat das Recht, findet er, zu sein, was er sein will, und nicht das, was die Zivilisation von ihm verlangt.

Lurie fliegt raus aus der Universität und zieht sich zurück auf die Farm seiner lesbischen Tochter Lucy (Jessica Haines), um dort eine Oper zu schreiben über Byron in Italien, um von einer Rehabilitation zu träumen. Tatsächlich arbeitet er nur ehrenamtlich im lokalen Tierasyl, hilft beim Töten der Tiere, die er gern hat. Coetzees Bild von Südafrika spiegelt sich in Jacobs' Landschaftsaufnahmen, den Totalen von der afrikanischen Weite: schön, wild, bedrohlich.

Lurie kann auf dem Land der Hilflosigkeit, an die er sich wird gewöhnen müssen, nicht entgehen. Selbst seine Gedanken enden in Dilemma. Er erzählt Lucy die Geschichte eines Hundes, der daran zugrunde geht, dass er seinem Trieb nicht nachgeben darf. Kurz darauf wird Lucy von drei Schwarzen vergewaltigt, Lurie selbst wird niedergeschlagen und verletzt, muss sich für immer in die Ohnmacht fügen. Er mag etwas daraus gelernt haben, dass sich die selben Mechanismen gegen sein Kind richten, die er selbst einst genutzt hat. Doch der Kampf ist verloren.

Macht und Ohnmacht

Lucy weigert sich, die Tat anzuzeigen, obwohl die beiden einen der Vergewaltiger im Nachbarhaus wiederfinden, und der sich als Verwandter von Lucys Farmkollegen Petrus erweist - sie verlangt von ihrem Vater, sich Petrus unterzuordnen. Ist das so, will sie später in einem schrecklichen Moment von ihm wissen, dass Männer den Triumph bei einer Vergewaltigung genießen, die Macht, wie beim Töten? Vielleicht, sagt er, traurig und verzweifelt. Er muss sich mit der neuen Version des Systems abfinden; er hat die Autorität verloren, es zu ändern.

Es gibt nur einen wesentlichen Unterschied in der Handlung von Roman und Film: Luries eigener Machtmissbrauch ist klarer strukturiert. "Schande" ist in seinen Änderungen und in seiner Werktreue eine beispielhaft gelungene Literaturverfilmung, perfekte Umsetzung im Detail. Die Gedanken, die sich Lurie macht über die neue Rolle , die er Lucy zuweist, eher Frau als Tochter, finden sich in beiläufigen Gesten wieder.

Und immer wieder tauchen Kleinigkeiten aus dem Roman auf, die man beim Lesen vielleicht gar nicht als essentiell empfunden hat - aber da begreift Jacobs einen Roman so wie eine Kameraeinstellung: Es geht nicht darum, dass der Zuschauer jeden Gegenstand, jede Farbnuance, jede Kamerabewegung bewusst wahrnimmt, die Gesamtheit des Bildes löst unbewusst eine Emotion aus. Melanies alberne Plüschhausschuhe sind eine Winzigkeit, die das herrschsüchtige Verhältnis beschreiben, das Lurie zu ihr pflegt, in seiner seltsamen Mischung aus zärtlicher Zuneigung und Missachtung - man kann so etwas in einer einzigen Einstellung erzählen, in einem einzigen Blick.

Die Südafrikanerin Jessica Haines, die Lucy spielt, ist Malkovich gewachsen - viele der Rollen in Kapstadt sind nicht so gut besetzt. Aber aus der Schwäche wird fast eine Tugend: Es wirkt leicht hölzern und ein wenig lächerlich, das neue Bürgertum, das da heranwächst, spießig und wieder arrogant. Ein großartiger Moment des Films ist, wenn Lurie Melanies Eltern um Verzeihung bitten will, der Vater ihn, in einem grotesken Thronsessel sitzend, abblitzen lässt, Lurie schließlich vor den Frauen auf die Knie fällt - eine stolze, rational vollführte Geste der Unterwerfung, wider jede Emotion.

DISGRACE, AUS/SA2008 - Regie: Steve Jacobs. Buch: Anna Maria Monticelli. Nach dem Roman von J.M.Coetzee. Kamera: Steve Arnold. Mit: John Malkovich, Jessica Haines. Alamode, 120 Min.