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"Aufbruch zum Mond" im Kino:Alles andere als eine Retroveranstaltung

Lesezeit: 6 min

Die Mondlandung ist im kollektiven Gedächtnis als Weltraumparty mit Happy End abgespeichert. Aber Ryan Gosling interpretiert Neil Armstrong in "Aufbruch zum Mond" als leidenden Helden.

Von Tobias Kniebe

Kann man sich ein größeres Volksfest vorstellen? Julihitze schon am frühen Vormittag, eine Million Schaulustige rund um die Landzunge von Cape Canaveral, zu Land und zu Wasser, auf Tribünen, Yachten, Stränden, Aussichtspunkten. Weltraum-Groupies in Shorts und Bikinis, mit Ferngläsern und Teleobjektiven, Grillzangen und Kühltaschen, fliegende Händler mit Erinnerungskitsch, Autos im Endlosstau, Geschichte wird gemacht.

Dann Schnitt auf eine Yachtparty, an Bord Astronautenfrauen und Astronautenkinder, festlich frisiert, betreut von Presseagenten, bereit für die Fotografen des Life-Magazins. Premiumblick auf die gewaltige, startbereite Saturn-V-Rakete, die bald abheben wird. Amerika, wie es sich selbst erträumt hat, eins mit der Wissenschaft, dem Fortschritt, der Lässigkeit, den unbegrenzten Möglichkeiten. Eins mit der Menschheit.

So hätte Hollywood, in einer früheren, zweifelsfreieren Zeit, wahrscheinlich ein Epos über die erste Mondlandung begonnen. Aber diese Zeit gibt es nicht mehr. Und also zeigt Damien Chazelles "First Man / Aufbruch zum Mond" die Geschichte der Apollo-Mission aus der Sicht des Astronauten Neil Armstrong und seiner Familie. Vom erwähnten Massenauflauf, von der Partystimmung und dem Menschheitsgefühl, in diesem Moment in Florida mitzufeiern dagegen zeigt er - nichts.

Das Frühstück der Astronauten wirkt wie eine Henkersmahlzeit

Was nun keine Kritik sein soll. "Aufbruch zum Mond" ist ein bemerkenswerter Film geworden. Und doch ist es frappierend, welche Perspektiven der Regisseur Chazelle und sein Drehbuchautor Josh Singer in ihrer Geschichte einnehmen, und welche völlig außen vor bleiben. Ihre Vorlage, der sie in faktischen Dingen sorgsam folgen, ist James R. Hansens autorisierte Neil-Armstrong-Biografie, die im Amerikanischen ebenfalls "First Man" heißt. Aber Hansen macht es eben genau anders. Er beginnt mit dem Volksfest, der kollektiven Aufregung, mit dem historischen Sonnencremegeruch des 16. Juli 1969.

Hält man dagegen, wie Damien Chazelle diesen Tag inszeniert, könnte der Unterschied kaum krasser sein. Alles ist still und sehr dunkel, als Neil Armstrong um vier Uhr morgens von seinem Fahrer abgeholt wird. Seine Söhne schlafen noch, seine Frau bringt ihn zur Tür. Ein kurzer Kuss auf die Wange, kein Blick zurück.

Dazwischen geschnitten zwei Nasa-Chefs, die ein vorbereitetes Statement des Präsidenten lesen, salbungsvolle Worte für den Fall einer Reise ohne Wiederkehr: "Das Schicksal hat bestimmt, dass diese Männer auf dem Mond bleiben werden, um in Frieden zu ruhen..."

Das Frühstück der Astronauten folgt schweigend, fast eine Henkersmahlzeit, die Daumen-hoch-Geste auf dem Weg zur Abschussrampe wirkt halbherzig, dann eine Sequenz der Freiheitsberaubung, Einzwängung in den schweren Raumanzug, überlaut rasten die Bolzen ein, versiegeln das klaustrophobisch enge Kommandomodul. Durchs winzige Fenster leuchtet der Mond, der Countdown klingt wie das Ticken der Schicksalsuhr, bis die riesige Rakete schließlich abhebt und eine scheinbar noch nächtliche Erde hinter sich lässt, düster und vollkommen menschenleer. Eindrucksvoller kann ein Filmemacher kaum demonstrieren, wie er seinen erzählerischen Standpunkt durchzusetzen gedenkt.

Denn Damien Chazelle erfindet nichts. Er arrangiert nur und fokussiert - und lässt ganz viel einfach weg. Die Prozeduren, die Technik, die Funksprüche, das alles richtet sich exakt nach den historischen Aufzeichnungen. Der Film gilt als die bisher faktentreueste Darstellung der Apollo-Missionen. Auch die vorbereitete Trauerrede des Präsidenten gab es wirklich, ihre Worte sind echt. Sie lag nur damals irgendwo in einer Schublade im Weißen Haus. Bei der Nasa kannte sie niemand.

Ein paar subtile Manipulationen, und schon wird aus dem historischen Start eine Beinah-Tragödie, ein Wegschleichen in der Nacht, ein möglicher Aufbruch in den Tod. Und man versteht warum: Die Mondlandung ist womöglich das bekannteste Happy End der Menschheitsgeschichte. Nichts wäre heute wohl langweiliger als ein Film, in dem ein paar lässige Helden souverän darauf zusteuern, während der Rest der Menschheit gebannt zu ihnen aufschaut und dabei ein gigantisches Fest feiert.

"Aufbruch zum Mond" muss also immer wieder in Erinnerung rufen, dass alles auch ganz anders hätte kommen können, und diesen selbstgestellten Auftrag nimmt der Film sehr ernst. Schon die ersten Bilder zeigen eine Reise ins All, die fast auch dort endet. Da ist Neil Armstrong noch Testpilot für das Überschallflugzeug X-15, das die Erdatmosphäre für kurze Zeit verlassen kann, beim Wiedereintritt geht etwas schief, Armstrong wird zurück ins All getrieben, und die Rückkehr klappt schließlich nur deshalb, weil er einen absolut kühlen Kopf behält. Alles wahr, alles so gewesen, Fehler waren nicht zu vermeiden, und andere hatten nicht so viel Glück wie er.

Bei Gemini 8, der Trainingsmission für das Andockmanöver, spielt plötzlich eine Steuerdüse verrückt, den Astronauten droht die Bewusstlosigkeit, Armstrong reagiert rational und behält die Lage im Griff. Dann sterben drei der erfahrensten Kollegen in einem Feuer, bei einem Routinetest, schließlich stürzt ein Testlandungsmodul über der Wüste ab, Armstrong drückt noch rechtzeitig den Knopf für den Schleudersitz.

Vor der Apollo-Mission stirbt Armstrongs Tochter an einem Hirntumor

"Ein gewöhnliches, fragiles menschliches Wesen, nur durch die dünnste Hülle vom ehrfurchtgebietenden Schrecken des Weltalls getrennt" - so hat Damien Chazelle seine Vision des Films zusammengefasst. Wichtig ist dabei auch die wenig bekannte Tatsache, dass Neil Armstrong seine Tochter Karen wegen eines Gehirntumors verlor, worüber er fast nie sprach. Sie starb im Alter von zwei Jahren, noch bevor er sich für das Astronautenprogramm bewarb. Und Chazelle spekuliert, dass sie immer in seinen Gedanken war - auch auf dem Mond.

Diese Fixierung auf die Tragödien und Beinahe-Tragödien hat einen seltsamen, quasi-religiösen Nebeneffekt. Man sieht mehr und mehr einem Auserwählten zu, dem die Überwindung aller Hindernisse vorherbestimmt ist, während das Schicksal seine größten Konkurrenten aus dem Weg räumt. Er trägt eben die Bürde, der Erste zu sein - und der Schauspieler Ryan Gosling, der wie kein anderer die Hochbegabten, die Verschlossenen, die Autisten verkörpern kann, multipliziert mit seiner Performance noch dieses Gefühl der Unberührbarkeit.

Daran haben dann aber andere zu tragen, allen voran Armstrongs Ehefrau Janet. Sie wird von Claire Foy gespielt, bekannt aus der Serie "The Crown". Janet kämpft nicht nur damit, dass jeder Arbeitstag ihres Mannes der letzte sein könnte, sie muss auch immer wieder darauf beharren, dass dies überhaupt benannt werden darf. Am Abend vor dem Aufbruch zum Mond ist sie es, die schließlich laut werden muss und Armstrong seine beiden Söhne, zwölf und sechs, vor die Nase setzt - für das Gespräch, dass Daddy vielleicht nicht zurückkommen wird. Daddy aber bleibt auch da der kühl kalkulierende Ingenieur, der er in seiner Seele wohl war. "Es gibt ein paar Risiken, aber wir haben jede Absicht zurückzukommen", sagt er unbeholfen.

Hier müssen Opfer gebracht werden, das ist die Botschaft. Man sieht Janet nie selbst im Mittelpunkt stehen, obwohl die Neugier auf das Privatleben der Astronauten enorm war und von der Nasa gefördert wurde. Man sieht sie auch nie, wie sie mit anderen Frauen und Männern des Apolloprogramms einen Flug begleitet. Die einzige Szene dieser Art zeigt sie völlig allein in ihrem Wohnzimmer, mit einem Lautsprecher, in dem sie den Funkverkehr der Gemini 8-Mission mithören kann - und als die Dinge brenzlig werden, wird das Ding einfach abgeschaltet.

In dieser Feier der Opferbereitschaft ist "Aufbruch zum Mond" recht konservativ, auch wenn er auf hurrapatriotische Heldenmomente wie das Hissen der amerikanischen Flagge auf dem Mond verzichtet. Zum Ärger einiger rechter US-Blogger, die daraus schon vorab einen Aufreger konstruieren wollten. Daraus wurde aber nichts, denn der Film erzählt so offen von der Sehnsucht nach vergangener Größe, dass selbst der dümmste Nationalist das nicht übersehen kann. "Wir haben vergessen, wie Führungsfiguren aussehen", sagt der Drehbuchautor Josh Singer. "Wir haben vergessen, dass wir Opfer bringen müssen, und wie solche Opfer aussehen."

Hier aber wird es richtig interessant, denn der Film ist nun alles andere als eine Retroveranstaltung geworden - "Aufbruch zum Mond" ist ein absolutes Kind seines Entstehungsjahres 2018. Das zeigt sich etwa in einem spürbaren Unwohlsein im Kern der Frauenfigur, die einmal mehr weibliche Opferbereitschaft im Schatten eines großen Mannes zeigen soll. Es zeigt sich aber auch darin, wie sehr die Isolation der Raumfahrer herausgestellt wird, abgekoppelt von einer Gesellschaft, die auch Zweifel an Kosten und Nutzen des Apollo-Programms hat. Und es zeigt sich in der Sprachlosigkeit der Hauptfigur, die fast pathologisch wirkt - sodass man alles auch als die Geschichte einer Depression lesen könnte.

Rechte Blogger echauffierten sich, dass im Film keine US-Flagge gehisst wird

Wie hätte Hollywood, in früheren, zweifelfreieren Zeiten einen Mann wie Neil Armstrong dargestellt? Vielleicht wie diesen archetypischen Helden, den Robert Redford oft verkörpert hat - einen Mann mit außergewöhnlichen Gaben und inhärenter Bescheidenheit, der im Gewinnen (und Überleben) gar nichts Besonderes sieht, weil sich alles immer ganz leicht und natürlich anfühlt. Der reale Neil Armstrong, als er im späteren Leben offener zu reden begann, hätte auch diese Deutung unbedingt hergegeben - er erwies sich als lässiger, sogar sehr humorvoller Kerl.

Solche Figuren aber kennt die Gegenwart gar nicht mehr, besonders nicht, wenn sie weiß und männlich sind. Und wie auch? Dies sind ja Zeiten, in denen alle wie verrückt um den Status des Opfers wetteifern - auf der Seite der real Marginalisierten sowieso, aber ebenso auf der Seite der rechten Muttersöhnchen, der Supreme-Court-Fratboys und der schrumpfenden Bevölkerungsgruppen. So steckt die Chance, heute von Neil Armstrong zu erzählen, in der Idee, dass er nicht nur große Opferbereitschaft zeigte, sondern am Ende selbst fast ein Opfer war: zur historischen Größe verdammt.

First Man , USA 2018 - Regie: Damien Chazelle. Buch: Josh Singer, nach dem Buch von James R. Hansen. Kamera: Linus Sandgren. Musik: Justin Hurwitz. Mit Ryan Gosling, Claire Foy, Jason Clarke, Kyle Chandler. Verleih: Universal, 142 Minuten.

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Quelle:
SZ vom 07.11.2018
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