"Aufbruch zum Mond" im Kino Alles andere als eine Retroveranstaltung

Alles hätte auch ganz anders kommen können: Ryan Gosling multipliziert als Neil Armstrong das Gefühl der Unberührbarkeit.

(Foto: dpa)

Die Mondlandung ist im kollektiven Gedächtnis als Weltraumparty mit Happy End abgespeichert. Aber Ryan Gosling interpretiert Neil Armstrong in "Aufbruch zum Mond" als leidenden Helden.

Von Tobias Kniebe

Kann man sich ein größeres Volksfest vorstellen? Julihitze schon am frühen Vormittag, eine Million Schaulustige rund um die Landzunge von Cape Canaveral, zu Land und zu Wasser, auf Tribünen, Yachten, Stränden, Aussichtspunkten. Weltraum-Groupies in Shorts und Bikinis, mit Ferngläsern und Teleobjektiven, Grillzangen und Kühltaschen, fliegende Händler mit Erinnerungskitsch, Autos im Endlosstau, Geschichte wird gemacht.

Dann Schnitt auf eine Yachtparty, an Bord Astronautenfrauen und Astronautenkinder, festlich frisiert, betreut von Presseagenten, bereit für die Fotografen des Life-Magazins. Premiumblick auf die gewaltige, startbereite Saturn-V-Rakete, die bald abheben wird. Amerika, wie es sich selbst erträumt hat, eins mit der Wissenschaft, dem Fortschritt, der Lässigkeit, den unbegrenzten Möglichkeiten. Eins mit der Menschheit.

So hätte Hollywood, in einer früheren, zweifelsfreieren Zeit, wahrscheinlich ein Epos über die erste Mondlandung begonnen. Aber diese Zeit gibt es nicht mehr. Und also zeigt Damien Chazelles "First Man / Aufbruch zum Mond" die Geschichte der Apollo-Mission aus der Sicht des Astronauten Neil Armstrong und seiner Familie. Vom erwähnten Massenauflauf, von der Partystimmung und dem Menschheitsgefühl, in diesem Moment in Florida mitzufeiern dagegen zeigt er - nichts.

Das Frühstück der Astronauten wirkt wie eine Henkersmahlzeit

Was nun keine Kritik sein soll. "Aufbruch zum Mond" ist ein bemerkenswerter Film geworden. Und doch ist es frappierend, welche Perspektiven der Regisseur Chazelle und sein Drehbuchautor Josh Singer in ihrer Geschichte einnehmen, und welche völlig außen vor bleiben. Ihre Vorlage, der sie in faktischen Dingen sorgsam folgen, ist James R. Hansens autorisierte Neil-Armstrong-Biografie, die im Amerikanischen ebenfalls "First Man" heißt. Aber Hansen macht es eben genau anders. Er beginnt mit dem Volksfest, der kollektiven Aufregung, mit dem historischen Sonnencremegeruch des 16. Juli 1969.

Hält man dagegen, wie Damien Chazelle diesen Tag inszeniert, könnte der Unterschied kaum krasser sein. Alles ist still und sehr dunkel, als Neil Armstrong um vier Uhr morgens von seinem Fahrer abgeholt wird. Seine Söhne schlafen noch, seine Frau bringt ihn zur Tür. Ein kurzer Kuss auf die Wange, kein Blick zurück.

Dazwischen geschnitten zwei Nasa-Chefs, die ein vorbereitetes Statement des Präsidenten lesen, salbungsvolle Worte für den Fall einer Reise ohne Wiederkehr: "Das Schicksal hat bestimmt, dass diese Männer auf dem Mond bleiben werden, um in Frieden zu ruhen..."

Das Frühstück der Astronauten folgt schweigend, fast eine Henkersmahlzeit, die Daumen-hoch-Geste auf dem Weg zur Abschussrampe wirkt halbherzig, dann eine Sequenz der Freiheitsberaubung, Einzwängung in den schweren Raumanzug, überlaut rasten die Bolzen ein, versiegeln das klaustrophobisch enge Kommandomodul. Durchs winzige Fenster leuchtet der Mond, der Countdown klingt wie das Ticken der Schicksalsuhr, bis die riesige Rakete schließlich abhebt und eine scheinbar noch nächtliche Erde hinter sich lässt, düster und vollkommen menschenleer. Eindrucksvoller kann ein Filmemacher kaum demonstrieren, wie er seinen erzählerischen Standpunkt durchzusetzen gedenkt.

Denn Damien Chazelle erfindet nichts. Er arrangiert nur und fokussiert - und lässt ganz viel einfach weg. Die Prozeduren, die Technik, die Funksprüche, das alles richtet sich exakt nach den historischen Aufzeichnungen. Der Film gilt als die bisher faktentreueste Darstellung der Apollo-Missionen. Auch die vorbereitete Trauerrede des Präsidenten gab es wirklich, ihre Worte sind echt. Sie lag nur damals irgendwo in einer Schublade im Weißen Haus. Bei der Nasa kannte sie niemand.

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Ein paar subtile Manipulationen, und schon wird aus dem historischen Start eine Beinah-Tragödie, ein Wegschleichen in der Nacht, ein möglicher Aufbruch in den Tod. Und man versteht warum: Die Mondlandung ist womöglich das bekannteste Happy End der Menschheitsgeschichte. Nichts wäre heute wohl langweiliger als ein Film, in dem ein paar lässige Helden souverän darauf zusteuern, während der Rest der Menschheit gebannt zu ihnen aufschaut und dabei ein gigantisches Fest feiert.

"Aufbruch zum Mond" muss also immer wieder in Erinnerung rufen, dass alles auch ganz anders hätte kommen können, und diesen selbstgestellten Auftrag nimmt der Film sehr ernst. Schon die ersten Bilder zeigen eine Reise ins All, die fast auch dort endet. Da ist Neil Armstrong noch Testpilot für das Überschallflugzeug X-15, das die Erdatmosphäre für kurze Zeit verlassen kann, beim Wiedereintritt geht etwas schief, Armstrong wird zurück ins All getrieben, und die Rückkehr klappt schließlich nur deshalb, weil er einen absolut kühlen Kopf behält. Alles wahr, alles so gewesen, Fehler waren nicht zu vermeiden, und andere hatten nicht so viel Glück wie er.