Kino Nadja Tiller wird neunzig

Von Fritz Göttler

Ein Wind hat sie hergebracht. Und ein Wind trägt sie wieder weg ... So wird über die aparte Billie räsoniert, die Nadja Tiller 1963 verkörpert in dem Film "Schloss Gripsholm" von Kurt Hoffmann. Ein volatiles Wesen. Es ist einer der jugendlichsten Filme des deutschen Nachkriegskinos, entstanden ein Jahr nach dem schwerfälligen Oberhausener Manifest, die Verfilmung eines Romans von Kurt Tucholsky, der 1931 erschien und also zwei Jahre jünger ist als Nadja, die am Samstag neunzig wird.

Billie ist in "Schloss Gripsholm" die beste Freundin der jungen Lydia, gespielt von Jana Brejchová, sie kommt auf Besuch nach Schweden, wo Lydia und ihr Kurt Sommerferien machen. Billie kommt angefahren im roten Cabrio, trägt ein helles Sommerkostüm und leichte Handschuhe, ist ganz Dame und distinguiert und nur ein kleines bisschen mondän, aber dem Leben ganz offen. Nitribitt light.

"Schloss Gripsholm" ist ein Film der Freiheit, Nadja Tiller macht sich frei vom Image der lasterhaften Femme fatale, das ihr die Fünfziger- und Sechzigerjahre angepappt hatten. Vor allem durch "Das Mädchen Rosemarie", der sie berühmt machte - die Geschichte der Edelnutte Rosemarie Nitribitt, die die Wirtschaftswunderrepublik, all die Frankfurter Großindustriellen und Banker durcheinanderbrachte. Bist du des Wahnsinns, hätten alle Freunde damals gewarnt, diese Hure zu spielen, du wirst dir deine Karriere kaputt machen, erinnert sich Nadja Tiller. Mit Rolf Thiele, dem "Rosemarie"-Regisseur, drehte sie fast ein Dutzend Geschichten, alle voller verstohlener und zehrender Sehnsucht nach den Wonnen der Gewöhnlichkeit: "Lulu" natürlich, oder ganz exotisch "El Hakim", die Lisaweta Iwanowna in "Tonio Kröger", nach Thomas Mann, oder mit eigenem Bordell im Kölner Karneval: "Moral 63".

Ein Vamp in der deutschen Nachkriegsgesellschaft, das musste natürlich ein Fremdkörper bleiben, auch weil Rolf Thiele seine Figuren nie ganz ernst nehmen wollte. Zu viel Satire im Sinn. Richtig unmoralisch war sie dann erst in ihrer letzten effektiven Kinorolle, im "Sommer des Samurai" von Hans-Christoph Blumenberg, sie war Dr. Feuillade und handelte mit Waffen. Bis in die ersten Jahre dieses Jahrhunderts spielte sie unermüdlich weiter, Theater und TV.

Kurz nach "Rosemarie" hatte sie eine erste große Chance für eine neue Freiheit. Der Film lief im August auf dem Filmfestival in Venedig, die Bundesregierung protestierte, weil er das Ansehen der Republik beschädigte, der Film war ein Erfolg. Drei Meister des italienischen Neorealismus wollten unbedingt mit Nadja Tiller drehen, Luchino Visconti mit "Rocco und seine Brüder", Michelangelo Antonioni mit "La notte", Federico Fellini mit "La Dolce Vita" wollten sie aus dem schwülen Treibhaus BRD in die unterkühlte erotische Moderne von Mailand, Turin oder Rom einführen. Nadja gab drei Körbe. Sie spielte zwar danach durchaus in europäischen Produktionen, neben Jean Gabin oder Jean-Paul Belmondo, aber in den drei Filmen, die das moderne Kino der Sechziger starteten, war sie nicht dabei. Was blieb - dass Visconti die tragische Heldin in "Rocco" Nadia nannte ...

In der letzten Nacht im Schloss Gripsholm, als die Ferien zu Ende gehen, kriecht Kurt zu Billie und Lydia ins Bett, zum gemeinsamen Kreuzworträtseln. Wenige Sekunden darauf knipsen die beiden Frauen einvernehmlich das Licht aus.