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Kino:Mut und Sinnlichkeit

Familiäre Atmosphäre: Werner Herzog bei der Übergabe seines Filmpreises an die amerikanische Regisseurin Chloé Zhao.

(Foto: Robert Haas)

Werner Herzogs Filmpreis geht an Chloé Zhao

Werner Herzog betont in Interviews regelmäßig, dass er eigentlich keine Filme schaue, höchstens zwei oder drei pro Jahr. Für einen Regisseur ist das eine erstaunliche Aussage, für den Stifter eines Filmpreises noch viel mehr. Aber ganz so wörtlich sollte man Herzogs Bekenntnisse nicht nehmen, schließlich gefällt er sich selbst am besten in der Rolle des viel beschäftigten Regie-Outlaws, der lieber in Vulkankratern oder verborgenen Höhlen herumkraxelt als in so etwas Profanem wie einem Kinosaal. Abgesehen davon steht hinter dem am Wochenende zum zweiten Mal verliehenen Werner Herzog Filmpreis ja auch eine Stiftung, mit Vorstand, Vorsitzenden und Gesellschaftern; im Stiftungsrat sitzen auch seine Ehefrau sowie seine drei Kinder.

Ebenso familiär geht es bei der Verleihung am Freitagabend im Filmmuseum zu: Herzogs Bruder Lucki Stipetić begrüßt die Gäste sowie die eigens angereiste Preisträgerin Chloé Zhao, eine amerikanische Jungregisseurin mit chinesischen Wurzeln. Deren Spielfilm "The Rider" lief im Mai in Cannes. Und wie es der Zufall so wollte, war Werner Herzog zur selben Zeit da. In Interviews hat er ja schon öfter erzählt, was er von Filmfestivals halte, man habe ihm eben "einen Preis um die Ohren gehauen", sagt er fast entschuldigend. Das ist wieder so eine dieser Herzog-Aussagen, die man nicht ganz wörtlich nehmen sollte, für die ihn seine Fans aber lieben. Und so sei er auch nur für anderthalb Tage nach Cannes gereist, erzählt er weiter, in dieser Zeit habe er es exakt einmal ins Kino geschafft. Zu "The Rider" natürlich, den der 75-jährige Preisstifter fortan in den höchsten Tönen lobt. Er sieht in Zhaos Film einen zukünftigen Oscar-Gewinner, er sei eigenständig, mutig und beschreite neue Wege. Genau das Richtig für den nach ihm benannten Filmpreis oder doch nur der Zufallstreffer eines Kinomuffels?

Davon kann sich das Publikum nach der Preisübergabe selbst ein Bild machen: Chloé Zhao erzählt ganz zart und sinnlich von einem jungen Rodeo-Reiter aus South Dakota, es geht um zerstörte Körper, Familien und Lebensträume. Ein sehr geradliniger, für wenig Geld und mit Laien gedrehter Film, der viel über die Menschen aus dem American Heartland aussagt. Es ist auch ein politischer Preis, in der anschließenden Diskussion geht es unter anderem um Herzogs Verhältnis zu seiner Wahlheimat Amerika. Dafür hat er eine sehr würdige Preisträgerin gefunden.

© SZ vom 18.09.2017

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