Kino Münchner Mädchen

Vergeblich wartet die 18-Jährige (Leandra Grgic) auf dem Königsplatz auf den Jungen, der sie in der Nacht zuvor geküsst hat.

(Foto: Filmmuseum München)

Mit dem Stummfilm "Erster Kuss und so ..." ist Eckhart Schmidt an den Ursprungsort seines filmischen Schaffens zurückgekehrt

Von Josef Grübl

Immer wieder fährt die Kamera an die Hauptdarstellerin heran, ganz nah, sie umringt sie, filmt die junge Frau von oben, unten und von der einen Seite, dann von der anderen. Eigentlich zeigt sie nichts anderes, sie klebt regelrecht an der 18-jährigen Münchnerin Leandra Grgic, der Film könnte auch "Leandra" heißen. Heißt er aber nicht, denn die ständigen Umkreisungen folgen einer inneren Logik, sie sollen für die Selbstbezogenheit heutiger Teenager stehen, für ihre Suche nach Bestätigung, ihre Sucht nach Selfies. Gleichzeitig erzählen sie auch etwas über ihre Einsamkeit: In "Erster Kuss und so ...", so der wahre Titel des Films, will das Mädchen den Jungen wiedersehen, der sie in der Nacht zuvor geküsst hat. Sie steht am Königsplatz und wartet, doch er kommt nicht. Dann zieht sie weiter an den Marienplatz, zum Hofgarten oder zum Viktualienmarkt. Sie bleibt allein und wird immer verzweifelter.

Der Film ist eine unerbittliche Mädchenbeobachtung und fügt sich nahtlos ein in das Œuvre des Regisseurs und Autors Eckhart Schmidt. Er ist seit jeher fasziniert von blutjungen Frauen, immer wieder stellt er sie in den Mittelpunkt seiner Filme. Der wohl bekannteste davon heißt "Der Fan" und erzählt von einer Schülerin, die Sex mit einem Popstar hat und diesen nach dem Akt umbringt und zerstückelt. Der im Jahr 1982 vom heutigen Constantin-Chef Martin Moszkowicz produzierte Kinofilm sorgte nicht nur wegen der Sex- und Splatter-Szenen für Aufruhr, sondern auch wegen eines Gerichtsstreits mit der Hauptdarstellerin: Die damals 17-jährige Désirée Nosbusch wollte die Veröffentlichung verhindern, hatte aber keinen Erfolg. Für Schmidt, der in den Sechzigerjahren als Autodidakt zum Film kam und auch als Kritiker und Herausgeber eines Kulturmagazins tätig war, ging es danach erst richtig los: Er gründete in München eine Produktionsfirma und dreht seitdem nicht nur Spielfilme, sondern auch Dokus, Filmporträts und Opernverfilmungen.

Bis 2015 pendelte Schmidt zwischen München und Los Angeles hin und her, in der Welthauptstadt des Kinos entstanden unzählige Dokumentarfilme über Leinwandgöttinnen, von Jane Russell über Marilyn Monroe bis hin zu Elke Sommer. Aber auch Filme über mächtige Hollywood-Männer waren dabei: Otto Preminger, Fred Zinnemann oder Douglas Sirk.

Eckhart Schmidt ist ein bekennender Vielfilmer, vor zwei Jahren brachte er von einem Rom-Aufenthalt gleich neun neue Filme mit: Produziert wurden sie von seiner Ehefrau Gorana Dragas, im Mittelpunkt stehen wieder einmal junge Frauen. Vor ein paar Monaten ist Schmidt 80 Jahre alt geworden, in dieser Zeit entstand auch der Film mit der 18 Jahre alten Laiendarstellerin Leandra. Es ist ein Stummfilm geworden, mit Texttafeln und Musik. Gleichzeitig markiert er auch Schmidts filmische Rückkehr nach München, er drehte seit vielen Jahren nicht mehr hier. Welche "unendlichen Freiheiten" er sich von diesem fast ausgestorbenen Filmformat verspreche, will er bei einem Treffen in einer Eisdiele am Schwabinger Kurfürstenplatz erzählen. Eis isst hier niemand, dafür ist es an diesem Frühlingstag vermutlich zu kühl.

Der Regisseur, der ein schwarzes Baseball-Cap und eine graue Strickjacke trägt, hat das Buch zum Film dabei, das er im Eigenverlag herausbringt und auf dem "Tagebuch einer 18-Jährigen" steht. Darin kann man nachlesen, warum die Liebesgeschichte des Mädchens mit einer Verzweiflungstat endet. Das wird aber auch filmisch ausgiebig ausgeführt: "Ein Stummfilm bietet viel mehr Möglichkeiten als der übliche Film", behauptet er. Den inneren Monolog seiner Heldin verbildlicht er mit Texttafeln, von denen es im Vergleich zum traditionellen Stummfilm recht viele gibt. Man könnte auch sagen, der Film sei etwas geschwätzig: So liest man oft "OMG!" ("Oh mein Gott"), das soll wohl das jugendliche Gefühlschaos betonen.

Der Regisseur träumt davon, seinen Film in Discos oder Bars aufzuführen, oder auch auf Smartphones, damit ihn ein möglichst junges Publikum sehen kann. Vorerst zeigt ihn aber nur das Filmmuseum, am Donnerstag, 11. April, 19 Uhr. Tags zuvor, am Mittwoch, 18 Uhr, ist der Regisseur im Werkstattkino zu Gast, wo er einen Abend lang Filme vorstellt, in denen sich die Frauen deutlich freizügiger zeigen.

Geld verdient er mit seinen Filmen nicht mehr, sie entstehen ohne Fernseh- oder Fördergelder. Er wolle aber weiterhin kreativ sein, sagt er. Daraufhin angesprochen, ob sein Werk nicht als Altherrenfantasie abgetan werden könnte, als Versuche eines Mannes im Rentenalter, an junge Frauen heranzukommen, entgegnet er: "Ich käme niemals auf die Idee, ein Verhältnis mit ihnen einzugehen." Distanz sei wichtig, die Frauen sollten die Kamera lieben und nicht den Mann dahinter. Schmidt hat schon immer etwas eigenartige Filme gemacht, man müsse auf sie zugehen, sagt er, sonst funktioniere es nicht. Und ja, er wisse, dass er 80 Jahre alt sei: "Man soll mich aber nicht am Alter messen, sondern an meinen Filmen."