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Kino:Mitten drin

Film In the middle of the river

Ein Ziel suchen: Gabriels kleiner Bruder lernt bei den Neonazis schießen.

(Foto: Bogumil Godfrejów / Verleih)

Zurück nach Trump Country: Damian John Harpers Film "In the Middle of the River" ist ein finsteres Porträt des amerikanischen Kernlandes. Am Ende laufen Tränen.

Dana hat Kickboxkämpfe und Mobbingattacken, eine Vergewaltigung und die Ignoranz der Polizei überstanden, aber erst ganz am Ende des Films laufen der jungen Frau stille Tränen übers Gesicht. Sie sind kein Zeichen von Trauer oder Wut, sondern Erleichterung - und man ist in diesem erlösenden Moment ganz bei ihr, weil es Regisseur Damian John Harper gelingt, den Zuschauer so nah an wie nur möglich an seine Figuren heranzulassen. Mit ihnen durch die staubige Weite New Mexikos zu streifen, durch all die Torturen, den gesamten Film über, mit ihnen zu kämpfen und zu streiten.

Bevor er ein Zweitstudium an der Hochschule für Fernsehen und Film in München aufnahm und Spielfilmregisseur wurde, arbeitete Harper als Ethnologe und erforschte in einem Dorf in Mexiko die Lebenswelten der indigenen Bevölkerung. Seinen erster Spielfilm "Los Ángeles" hat er in diesem Dorf gedreht, wo die Jugend von einem Leben im Norden, jenseits der amerikanisch-mexikanischen Grenze träumt - und der Weg dorthin nur durch die Kriminalität führt. Harper arbeitete, wie auch in seinem neuen Film "In the Middle of the River", mit Laienschauspielern und drehte an Originalschauplätzen. Die beobachtende, distanzierte Haltung des Völkerkundlers hat er in seinen Filmen nicht abgelegt, sie aber in ein künstlerisches Verfahren verwandelt.

Schon zu Beginn des neuen Films folgt die Kamera dem Irakheimkehrer Gabriel zwanzig Minuten lang von der Flughafentoilette bis zum Haus seiner Familie. Gabriel hat den Krieg hinter sich gelassen, um herauszufinden, was mit einer Schwester geschehen ist, die von einer Klippe gestürzt sein soll. Keiner will an einen Unfall glauben. In diesem heruntergekommenen Teil New Mexikos, wo die Jugendgangs von Neonazis angeführt werden und jeder eine Waffe besitzt, sind alle anderen Erklärungen wahrscheinlicher. Nicht selten verlaufen die Fronten dieses Heimatkriegs mitten durch die Familien.

Fast jede Szene ist eine Plansequenz, also an einem Stück gedreht. Geschnitten wird nur zwischen den Szenen. Fast immer stehen die Menschen im Zentrum. Harper erzählt durch die suchende, natürliche Bewegung der Handkamera, die den Zuschauer mitten hinein in diese Konflikte und Probleme zwingt, mitten hinein in den von Gewalt und Rassismus gezeichneten Hinterhof der USA, wo der amerikanische Traum zum Überlebenskampf aller gegen alle geworden ist. Ein finsteres Dokument der Konflikte, die das amerikanische Kernland zu zerreißen drohen.

In the Middle of the River, USA/D 2018 - Buch und Regie: Damian John Harper. Mit: Eric Hunter, Max Thayer, Nikki Lowe. Farbfilm Verleih, 113 Minuten.

© SZ vom 21.08.2018

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